Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227870--47498-3269023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 befäuipfeii, der lebhaften Unterstützung der freisinnigen Parteien sind die Angegriffen eil sicher." Wir müssen diese Ausführungen durchaus unterschreiben. Der „A u ti s e m i te n sp i e ge l", dessen erste Lieferung nur jungst besprachen haben, ist bestinl'.nt, in der angegebenen Weise ]\i nnrfeit, namentlich durch statistische Angaben die Wahrheit über unsere Glaubensgenossen besannt zu machen. E s i st des h alb Eh re n P f licht unserer Glai;be;;sge n offen. für die Perbreitung desselben thätig zu sein. Tie Erpedition unserer Zeitung nimmt gern Beiträge für die Verbreitung des ..Antisemitenspiegels" in Empfang. Breslau, 10. November. Zn dem y e i ch e u b eg ä u g n i \) it n f e r es Rabbiners Tr. Ivel, das an; letzten Donnerstag Nachmittag um 2 Uhr standsand, hatten sich trotz des strömenden Regens schon von 1 Uhr ab Hunderte von Angehörigen der hiesigen jüdischen Gemeinde in itnb vor der Synagoge mu Stadtgraben eingesnnden, um dem allverehrten Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen, fortgesetzt vergrößerte sich die Zahl der dem Gvtteshanse Zuströmenden, so das; schon lange vor 2 Uhr eine Kops an Kops gedrängte Gemeinde alte Plätze des geräumigen Baues füllte. In der großen Vorhalle hatten sich um die tiefgebeugtem Hinterbliebenen; des Verewigten die Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentanten Kollegiums der ihres Seelsorgers beraubten Gemeinde mit zahlreichen Deputationen von Vereinen und Wohlthütigteits-Anstalten. sowie das Lehrer-Kollegium des Rabbinerseminars versamnielt. Außer den Breslauer Amtsgenosseu des Dahingeschiedeueu hatten sieh mehr als f>o htabbiner ans allen Gegenden Deutschlands zur Begräbnißseier eingefunden. Als Deputation der städtischen Behörden Breslaus waren , um die Theil nähme der Stadt all dem Verluste eines so bedeutenden, weithin in höchsten; Anseheli stehende;; Mitbürgers anszndrücken, Stadtrath Beblv, sowie die Siadlvervrdueten Tr. Pannes, riUemann, W. Epstein. Beyer und Reichstagsabgeordneter Lvtlrath in Amtstracht an der Trauerstütte erschienen. Um 2 Uhr begaben sich unter Voran tritt der städtischen Deputationen alle in der Vorhalle Versammelten unter den Klänge;; der Orgel aus ihre im Gotteshaus für sie bereit gehaltenen Plätze. Der von brennenden Kerzen umgebene Sarg mit der sterblichen Hülle des Verewigten war vor der Kanzel niedergesetzt worden; die Kandelaber, die Treppenbalustraden, der Sipalldeckel der Kanzel waren; mit schwarzen; Flor umhüllt, so daß das Innere des weiten Gotteshauses einen ergreifenden Eindruck machte. Nach Absinguug eines Psalms würdigte Rabbiner Tr. Knoller unter Bezugnahme auf das Wort der Schrift: ..Die Krone ist gefalle;; von unser;;; Haupte" die seelsorgerische Thätigfeit des Tahiugeschiedenen, seine Bedeutung für die Wissenschaft, die Macht seiner Beredtsamteit, seine Ueberzengungstrene, sei;; mildes Wesen, seinen edlen Sinn, seine Bescheidenheit, seinen Einfluß als Vorbild aller der Tugenden, zu denen er mit heiligem Eifer seine Gemeinde angeleitet, in warmen, erhebenden Worten. Daraus trat Rabbiner Dr. Zi ein l i ch ans Nürnberg, einer der Schwiegersöhne des Verblichenen, an den Sarg, um der Klage über den schmerzlichen Verlust Ausdruck zu geben, der die schwergeprüfte Familie des Entschlafenen betroffen, und das Bild des edlen Menschen, über dessen Tod überall getrauert werde, wo mau sich der Bedeutung des Verklärten bewußt sei, mit der Pietät eines dantbaren Sohnes zu vervollständigen. Ein Gesang des Synagvgen-Ehvrs beschloß die ergreifende Trauerseier. Nach Beendigung des Gottesdienstes setzte sich der Tranerzug in Bewegung. Bor dem Leichenwagen schritten Zöglinge israelitischer Waisenanstalten; neben demselben gingen Hörer des hiesigen Rabbinerseminars; hinter den Familienmitgliedern, die dem Leichenwagen folgten, schritt eine große Zahl der auswärtigen Rabbiner in ihren Ornaten. Das nach Tausenden zählende Gefolge füllte Straßen und Plätze, so daß ein geordneter Zug sich kann; bilden tonnte Eine unabsehbare Wagenreihe beschloß den Tranerkondukt, der sieh durch die mit dichten Spalieren von 'Menschen besetzten Straßen nach dem israelitischen Friedhose bewegte. In der Trauerhalle desselben war eine überaus große Zahl der prächtigsten Kränze, die zum Thett ans weiter Ferne gesandt waren, niedergelegt. Der einfache schwarze, jedes Blumenschmucks entbehrende Sarg wurde in der Halle ausgestellt, die nur den tleinsten Theil des Trauergeleites anfnehmen tonnte. 'Nachdem der Gemeindechor ein Lied gesungen, hielt der Amtsgenosse des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Rosenthal, tief bewegt und eindrucksvoll eine Trauerrede, in welcher er die Wirksamkeit des Verstorbenen nach allen ihren Richtungen charatterisirte, seine aufopfernde Liebesthätigteit gegenüber allen Bedrückten schilderte und es ihm als besonderes Verdienst nachrühmte, daß er die früher durch Parteiungen zerklüftete Gemeinde zu ungestörtem Frieden geführt j habe. Rabbiner Tr. M aybaum ans Berlin sprach in Worten wärmster Begeisterung im 'Namen der deutschen Rabbiner, die in dem Verstorbenen; ihren von Allen anerkannten Führer verehrten: Sein Name habe diewider-! vrebendsten Elemente zusammengeführt; er habe de;; Rabbinerverband be-! gründet; es sei zweifelhaft, ob derselbe ohne ihn fortbesteheu werde. > Rabb. Dr. Voge l stein aus Stettin gab im Namen der älteren Schüler, Tr. Jacob in; Namen der gegenwärtigen Hörer des hiesigen Rabbiner- Seminars den Gefühlen des Dankes gegen den gefeierten Lehrer Ausdruck, von dem sie stets beseelt sein würden. Rabbiner Dr. Eckst ei n aus Bamberg. der zweite Schwiegersohn des Verstorbenen, sprach ein Schlußgebet; die Abschiedsworte, die er in; Rainen der Seinigen dem geliebten Familienhaupte ins Grab uachrief, bewegte;; die Herzen aller Hörer. Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanteu-Versammluug der Synagogengemeinde trugen nunmehr den Sarg zum Grabe, für das ein reservirter Platz des Kirchhofes ausgewählt war Als bei der inzwischen eiugetreteueu Dämmerung die Hülle des Verblichenen unter der Beleuchtung brennender Fackeln in die Gruft gesenkt wurde, füllten sich Vieler Augen mit Thränen. Der Sängerchor des Rabbinerseminars beschloß mit dem Gesänge eines Liedes in hebräischer Sprache die tief ernste Feier. p. Lüneburg, N. November. Die hiesige Synagogeugemeiude geht mit den; Plane um, eine Synagoge zu erbauen, da das alte gemiethete Lokal in keiner Weise de;; Anforderungen entspricht, die mau au ein würdiges Gotteshaus stellen muß. Ta ist es nun rühmend auzuerkennen, daß der hiesige 'Magistrat und das Bürgervorsteher-Kollegium diesem Plaue mit großer Liberalität entgegengekommen sind. Dieselben haben in Erwägung, daß der Plan einer Religiousgesellschaft, sieb ein würdiges Gotteshaus zu erbauen, au sich alle Unterstützung verdient; daß die hiesige Gemeinde, deren Mitglieder nur zum kleineren Theile wohlhabend sind, durch die Verzinsung und Amortisation der Baukosten, welche bei dem Mangel von Gemeindevermöge;; augeliehen weiden müssen, ganz erheblich belastet wird, auf Antrag des Herr;; Oberbürgermeisters Laueustein beschlösse;;, den zu fordernden Kaufpreis für die Bauplätze, welche in öffentlicher Licitation zu 7, reip. 6,ä0 Alt. eingesetzt sind, ans Z Mt. pro Quadratmeter zu ermäßigen. Der Herr Stadtbanmeister ist nun seitens der Gemeinde aufgefordert worden, einen Kostenanschlag vorznlegeu, alsdann wird dieselbe einen definitiven Entschluß fassen. Da durch den Edelsinn einiger Gemeiudemitglieder ca. 80,000 Vit. schon zur Verfügung gestellt sind, so ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß es znm Bau kommen wird. sQs Bruchsal, 10. November. Der La n d esv e re i;; zur Erziehung israelitischer Waisen in; Grvßherzogthum Baden, mit den; Sitze in Bruchsal, hat mit Allerhöchster Staats- : Ministerialentschließung Seiner königlichen Hoheit des Großherzogs <1. <1. Schloß Baden, 8. Oktober, die Körperschaftsrechte erhalten. Im Anschluß hieran sei mit Bezug auf die in voriger Nummer des Gemeindeboten gemeldete Berathung des Ausschusses des Gemeindebundes, die Fürsorge für uneheliche jüdische Kinder betreffend, berichtet, daß das erste Kind, welches der genannte Vernn vor anderthalb Jahren in seine Fürsorge nahm, ein uneheliches zwölfjähriges Mädchen war, das sich bis dahin in christlicher Pflege befunden hatte und nach Erreichung des gesetzlichen Alters getauft werden sollte. Außer diesem sind von den 22 Kindern, welche der badische Landesverein z. Z. versorgt, noch zwei uneheliche. In der That bedürfen diese bedauernswürdigen Geschöpfe ganz besonders einer liebevollen Fürsorge und verfallen ohne dieselbe vielfach einen; verfehlten oder gar verbrecherischen Leben. Italien. * Mailand, 8. November. Nach dem „Sole" hat Erispi das Finauzportefeuille dem bekannten National-Oetonomen und Abgeordneten Luzza tti angeboten, eine Wahl, welche in den gebildeten Kreisen einen äußerst günstige;; Eindruck hervorruft. Großbritannien. * London, 8. November. Am Samstag fand eine von dem International Working Men's Educationel Klub veranstaltete Massenver-! s a n; m l;; n g statt, um gegen die g r a n s a m e B e h a nd l u n g d e r I u d e n i in Rußland zu Protestireu. An der Versammlung nahmen etwa 1200 Personen Theil und Dr. Aveling verlas Briefe von den Abgeordneten j Ritchie, Sydney Bürton, Prof. Stuart, Eanninghanie, Graham u. A., j welche ihr Bedauern aussprechen, nicht erscheinen zu können. Dr. Ave-