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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Gerlin. 13. November 1890. r>4. 3ativga«g. ttr. 44. vertage zur „Attgemeinen Zeitung öes IuöenLHums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 10. 5)iol»ember. Das Ereiguiß der Woche bildet das Entlasfungsgesuch des Herrn Adolf Stöcker aus seinem Amte als Hofprediger. Den Anlaß zu dieser Entschließung gab die Ernennung des Konsistorialraths Dryander zum Schloßprediger mit der ausdrücklichen Befuguiß, alle die königliche Familie betreffenden Amtshandlungen borzunehmen. Hierdurch wurde dem Herrn Stöcker der an hoher Stelle längst gewünschte Rücktritt geradezu aufgezwungen. Denn, nachdem der Oberhofprediger 1). Koegel krankheitshalber hatte beurlaubt werden müssen, hätte der Anziennitüt nach Herrn Stöcker in erster Linie dessen Vertretung übertragen werden müssen. Die Ursachen, aus denen man diesen Schritt schon seit längerer Zeit erwarten durfte, werden von den politischen Blättern in Fülle aufgetischt. So schreibt mau: „Erst jetzt erinnert man sich gewisser Vorkommnisse, u> tche diese Entschließung Stöckers durchaus erklärlich machen. Schon längst hatte der Kaiser au betheiligter Stelle zu verstehen gegeben, daß er Stöcker in seiner und seiner Gemahlin Nähe ungern sähe, und als bei der letzten Landtags- Einsegnung D. Koegel sich noch in letzter Stunde unwohl meldete, hatte er, anstatt Stöcker mit der Vertretung 51t betrauen, dringend an Koegel telegraphirt und ihm darin sein Erscheinen quasi befohlen. Tie Fei erwürbe beim auch von ihm vollzogen. Nicht minder schlimm war es Herrn Stöcker bei der Rummelsburger Kircheinweihung ergangen. Obwohl er die erste Anregung zu dem Bail gegeben und die Kirche fast als sein j Werk bezeichnen durfte, mußte er, während zehn andere Geistliche die , Kaiserin umstanden, auf Anordnung eines hohen Hofbeamten der ganzen Feier abseits beiwohnen und sich jedweder Annäherung an die höchsten Herrschaften enthalten. An Fingerzeigerl also für diese Lösung hat es 1 Herrn Stöcker keinesfalls gefehlt. Nunmehr wird übrigens verschiedenerseits versichert, daß er feine Kränkung so bitter empfunden hätte, wie die absichtliche Förnhaltung von der bevorstehenden Trauung der Prinzessin Viktoria iiub des Prinzen Schanmburg-Lippe. Wie verlautet, hatte die hohe Braut, irr Uebereinstimmung mit der Kaiserin, selbst : den Wunsch geäußert, von Herrn Konsistorialrath Dryander unb : auf keinen Fall von Stöcker eingesegnet zu werden. Dementsprechend * erfolgte dann durch den Kaiser die Beauftragung Dryanders. Von ' anderer Seite wieder schreibt man. daß die unangemessene Art, in lvelcher der ehemalige Hosprediger sich mit dein Vertrauen Ihrer Majestät der Kaiserin öffentlich gebrüstet habe, indem er von ihr mit den Worten „meine liebe Freundin" sprach, sonne sein ohne Auftrag und Erlanbniß; ansgeführter Besuch bei den kaiserlichen Prirrzen es gewesen sirrd, roas; ihm die Ungnade des Hofes zugetragen habe." Noch wird berichtet, daß j Stöcker die unverkennbare soziale Bedeutung fernes Entlassnrrgsgesnches . dadurch zu verringern versucht habe, daß er auch den dritten Hofprediger, ■ I). Schräder, zur Einreichung eines solcherr Gesuches zu bewegen wußte. > Doch gerade hierdurch hat er seine Position verschlimmert. Tenn, wie bereits seststeht, sind beide Gesuche zwar angenommen, aber verschieden-! artig behandelt worden; während Schräder ans einen andern Posten ' versetzt lvird, muß Stöcker in den Ruhestand treten, so daß der Unter-! schied den Verlust der kaiserlichen Gnade nur um so greller hervortreten läßt. Die Urtheile der politischen Blätter über Stöckers Rücktritt sind - je nach deren Richtung verschieden. Wir für unsern Theil schließen! uns das werden selbst unsere Gegner natürlich finden — der Zahl! derer an, welche diese Wendung der Sache mit Genngthuung begrüßen. > Weit entfernt, über den Sturz des Mannes zu jubeln, der nach nn- > bestrittener Meinung Aller der Vater der gegen uns gerichteten Bej wegnng war, haben wir in diesem Augenblick für ihn nur das Gefühl > des Mitleids wegeil der Verblendung, von der er behaftet war, als er 1 in der Wahl, die ihn! zwischen „Kanzel mib Kneipe" gestellt worden, das unedlere Theil erwählt hat. Fortan aber verliert er für uuo die Bedeutung, die ihm nur durch leine Stellung nahe dem Throne innewohnte, iliid steht mit den Pickenbach und Böckel in einer Linie. Um so höher aber schlägt unser und unserer Glanbeusgeuosseu Herz deni Monarchen zu, der sich auf's Neiie als ein Schirmherr des Friedens unter den religiösen Bekeirntliissen erwiesen und die Störer dieses Friedens zu treffen gewußt hat. mochten sie sich auch nod) so hoch gestellt dünken. X Berlin, 9. November. Durch treffliche Speisen und schöne Dieben in gleichem Maße gewürzt war die Einweihungsfeier derneuen Räumlichkeiten des ältesteii jüdischen Restaurants der Reichshauptstadt, des Ca s s e l' f ch e n Hotels, welche gestern Abend stattsand. Der Besitzer, Herr Leopold Peltesohn, welcher sich des Riihmes erfreut, die jüdische Küche selbst auf der Berliner Kochkunstausstellung zu Ehren gebracht zu haben (das üou Heine poetisch verherrlichte Schalet erwarb hier das materiellere Lob der silbernen Medaille), hat das Grundstück Burgstraße 16 angekauft und es fürfeine Zwecke umgestalten lassen. Zwei unserer bekanntesten jüdischen Meister in Berlin, der Maurermeister Herr Weile und der M a 1 e r m e iste r Herr S enf t, haben ihre Kräfte vereint, um namentlich in dem Festsaal einen Raum zu schaffen, der, wenn auch nicht besonders groß, so doch durch seine Ausstattung dem Beschauer- Bewunderung abnöthigt. Es erfüllt mit Freude, für die „leiblichen" Interessen der Berliner Judenschaft einen so behaglichen Mittelpunkt gefunden zu haben, der mit allem Raffinement der Neuzeit ausgestattet ist. Daß der Besitzer der Orthodoxie strengster Observanz angehört, halten wir für einen Vortheil, denn es ermöglicht dadurch den Hungrigen und Durstigen a ll er-Richtungen, sich hier ein 3teübtd)ein zn geben und so zum sozialen.Frieden innerhalb nuferer Gemeinde beizntragen. In der That waren auch bei der gestrigen Feier die Vertreter aller Parteischattiruugen in gleicher Weise vertreten, und wir konstatiren mit Genngthuung, daß die „Rechten" von den „Linken" kaum zu unterscheiden lvaren, weder hinsichtlich der Zahl und Länge der Tischreden, die von hüben und drüben erklangen, noch durch den löblichen Appetit und durch den echt germanischen Durst, welcher den Speisen und Weinen aus Peltesohus Küche und Keller alle Ehre authat. Mitternacht war's, als wir schieden, und von der gastlichen Stätte her winkte uns das historische Gastwirthszeicheu, der vergoldete „Blagen David", seine satten Grüße nach. -gBerlin, 7. November. Der h e s s i sch e Volks f r e n n b i u Darmstadt schreibt: „Politische Parteien sind, da die antisemitische Partei als eine politische nicht anerkannt zu werden verdient, wohl nicht verpflichtet, außerhalb des Wahlkampfes sich mit ihr zn befassen. Politische Parteien werden zwar, soweit sie freisinnigen Prinzipien huldigen, Toleranz nnb Gleichberechtigung aller Bürger Hochhalten, diesen häßlichen Befeindungen der jüdischen Mitbürger um ihres Glaubens, um ihrer Zugehörigkeit zum Iudeuthnm nullen, entgegentreten; es kann aber nicht von ihnen erwartet unb verlangt werden, daß sie der eifrigen Agitation der Antisemiten mit gleicher Krastaufwendung entgegentreten. Das ist Sache der zunächst Betroffenen, der Juden selbst. Ihre Pflicht ist es, selbstständig vorzugehen und die Behauptungen der Antisemiten zn widerlegen, nicht sich auf die Hoffnung zu beschränken, der Antisemitismus werde sich bald überleben. Es ist ja wohl richtig, daß der Antisemitismus als politische Partei keinen Boden habe und daß er lediglich gründet in dem konfessionellen Haß. in dem Neid gegen die Besitzenden, in dem A erg er derer, die im Leben einmal einem Inden unterlegen sind und die einzelner Individuen wegen das ganze Iudeuthnm befeinden. Aber bis jetzt ist die Bewegung doch im Wachsen, sie schadet den Juden selbst und schadet auch den wirklich voltsfreundlichen Parteien, denen sie die ländlichen Wähler mehr und mehr entfremdet. Es wird deshalb hier und da nicht mit U n re ch t darauf hinge w lesen, daß eine eifrige Thütigkeit der Juden selbst ihre Pflicht gegen sich selbst und gegen die P n r t e i e n w ü r e, die i t) n e 11 G e r e ch t i g t e i t w i'd e r f a h r e u lassen. Diese Thatigkeit würde namentlich dann eine ersprießliche sein, wenn die maßlosen Uebertreibnngen. deren sich die antisemitischen Organe hinsichtlich angeblicher Vergehen unserer jüdischen Mitbürger schuldig machen, an Händen sachlichen Materials, statistischer Erhebungen widerlegt würden. Nur auf diese Weise ist der Antisemitismus erfolgreich zu

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