Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 572 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Vorwurf konnte Haschele nur dadurch Non sich abwälzen, daß er sagte: „Gut, ich werde fahren." Und dabei blieb es. So fuhren sie denn auf die Hochzeit. Ter Randar, Rachele unb Haschele. Koppel blieb in der Schänkstub' und Borech in der Brennerei. Ehe man abfuhr, sprang Haschele noch einmal rasch vom Wagen herunter und sagte dem Bruder Borech ins Ohr: „Borech-Leben! etwas werd' ich Dich bitten, bevor wir wegfahren. Was Tu unternimmst, thu' nichts, nicht einen Schritt, ohne Leb davon zu sagen. Hörst Du?" „Schon gut!" sagte Borech; „tanz' für mich ein' Galopp!" — und das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung. Tie lieben Hochzeitsgüste wurden vom Vetter Ioichene mit großer Freude empfangen. Kam Rachele auch nicht, wie er es gern gesehen hätte, als künftige Schwiegertochter zu ihm ins Haus, so blieb sie doch immer seine liebe gute Nichte und er ihr aufrichtiger Vetter; und da namentlich der Bräutigam von den Absichten seines Vaters in Bezug auf sein Geschwisterkind Rachele gar nichts gewußt, so war auch von dieser Seite für, die Dauer der herannahenden Freudentage kein störender Mißton zu befürchten. In Wahrheit schwannn Alles in Fröhlichkeit und Lust. Rachele brauchte nur 311 erscheinen, um sofort alle Herzen zu gewinnen. Ties zeigte sich gleich beim Vorspiel in der „Ständelnacht". Wenn sie zu gleicher Zeit auch alle andern Mädchen in den Schatten stellte, so that sie dies, ohne daß sie es wußte, sie wirkte wie die Blume auf dem Felde. Wie diese ihren Tust versendet und fragt nicht, wen er ergötzt, und fragt nicht, ob neben ihr auch noch andere Blumen duften. Wenn Rachele im Tanze dahinschwebte, so war's, als berührte ihr Fuß kaum die Erde, und wenn sie den Mund aufthat, um etwas zu sagen, so war's ein neckischer Einfall, hinter welchen! sich ein kindliches Gemüth offenbarte. Einer von all den junaen Leuten war's, mit dem tanzte sie am liebsten; sie meinte, der wisse am besten mit ihr gleichen Schritt zu halten. Es war dies ebenfalls der Sohn eines Randars, der als ein Verwandter der Braut auf die Hochzeit gekonunen war, und die Leute, die sie mit ihm tanzen sahen, sagten, die Beiden passen zu einander! die geben sicher ein Paar! Dem guten Jungen war's gar nicht unlieb gewesen, hingegen konnte er von Rachele nichts weiter erfahren, als daß sie mit ihnl am liebsten tanze, weil er mit ihr einen gleichen Schritt habe. - Ter Vater des jungen Mannes, der ebenfalls Randar war, rückte gegen Rachele's Vater auch rasch mit der Sprache heraus. „Mechnten!" sagte er, „die ganze Welt ist ein Geschrei!" „Was für ein Geschrei?" fragte Rachele's Vater. „Die ganze Welt sagt," erwiederte Jener. „Rachele und mein Sohn sind ein Paar, sie sind wie für einander geschaffen. Wenn es Euch gefallt, können wir zu der Hochzeit da noch ein „Tuvimschreiben" (Verlobungsseier) hinzufügen." „Von der Sach' läßt sich reden," sagte Rachele's Vater, „es nulß aber doch nicht auf die Minut' sein? Bis die Hochzeit zu Gesund und zu Leben vorüber sein wird, haben wir Zeit! Jetzt sind wir auf der Hochzeit! Auch macht' ich das „Tnoirnschreiben" von meiner einzigen Tochter gern draußen bei mir, in mein' Haus, auf mein' eigenen Grund und Boden haben!" .,Glück und Segen!" sagte der Andere; „ins die Hochzeit vorbei sein wird, werd' ich Euch den Schadchen schicken, welcher mit Euch alles Uebrige besprechen kann." Hierauf ging er von Rachele's Vater weg, rief seinen Sohn ein wenig bei Seite und sagte zu ihm: „Ehajem, ich mein', Du wirst sie kriegen! Ich Hab' das Meinige gethan, thu Du nur auch das Deinige." (Fortsetzung folgt.) Littcrarische Mitthrilungen. * A u ch e i n R a ch w 0 r t z u r K r e u tz e r s 0 n a t e. Zu meinem Aufsatz „Tie Kreutzersonate von Tolstoi" habe ich noch eine nachträgliche Bemerkung zu machen. Als Gegensatz zu dem gesetzerfüllenden Judenthum sagt Tolstoi Nachwort S. 20: „Für den Bekenner der christlichen Lehre aber ruft die Erreichung jeder Stufe der'Vollkommenheit das Bedürfniß des lleberganges zu einer höheren Stufe hervor, von der aus eine noch höhere sichtbar wird, und jo ohne Ende." Hierzu bitten wir zu vergleichen: Talmud Berachot S. 64a und Sachs. Sabbathpredigten zum dritten Buche Moses: „Die Frommen haben keine Ruhe, nicht hinieden und nicht dort im Jenseits: sie ringen sich höher empor, dringen tiefer ein, erklimmen eine Stufe nach der andern, erheben sich von Gipfel zu Gipfel, schauen von dem neuen Standpunkte höher hinauf, und über ihnen zeigt sich immer eine neue Höhe, zu der sie emporsteigen wollen." Ist das christliche oder jüdisch-talmndische Lehre? Rabb. Tr. I. Caro. — Bei der Herausgabe der bisher unedirt gewesenen Chirurgie des Heinrich von Moudeville (Hermondavillep des ältesten chirurgischen Schriftstellers der Franzosen (gest. etwa 1320), nach Berliner. Erfurter und Pariser Codices sind es zwei Umstände gewesen, die mich als Juden ' während der Arbeit noch mehr angezogen und gefesselt haben: einmal j die große Verehrung, die unser Maimcmides als medizinische Autorität i neben den griechischen und übrigen arabischen Klassikern der ärztlichen Wissenschaft auch bei den christlichen Äerzten des Mittelalters und nicht weniger bei Moudeville genießt, wo er, namentlich aus seinen! (bekanntlich inzwischen längst von Rabbinowicz. sowie deutsch von Steinschneider herausgegebenen» Traktat über die Gifte als „Rabbi Mopses" viele, viele Male zitirt wird, ein Punkt, auf den ich gelegentlich einmal an anderer Stelle in einer ausführlicheren Abhandlung zurückzutonnnen gedenke. Zweitens die tiefe Religiosität, gepaart mit eingehender Bibelkeuntniß, wie sie bei Moudeville') in auffallend vielen Anführungen zu Tage tritt und u. A. auch in Folgendem in bemerkenswerther Weise zum Ausdruck gelangt: Bor jedesmaliger Verabreichung des Mund krankes (pigineidumj läßt er. übrigens in dieser Beziehung den Brauch einiger seiner Vorgänger (des Hugo von Lucca und Teoderico Borgognoni» advptirend, den Patienten sprechen: ..ln nomine Palris et Filii et Sancti Spiritus, Amen! ln nomine Sanelae el hidividuae Trinitatis! Dexlera Domini fecil virtu lern, dextera Domini exallavit me. dexter a Domini fecil virlulem. Non muriar sed vivam et nari*a Jjo opera Domini. hasti^ans casligavit me Dominus et inort i non Iradidil rn e". — Man braucht, dünkt mich, nicht gerade gleich als Pietist, als Frömmler verschrieen zu werden, wenn man vertraut insbesondere mit dem Geist der Ursprache und die tiefe Poesie empfindend, die in diesen, jedem Israeliten wohlbekannten Hattet Versen (rlr. Psalm 118): nEön '.n 21 Sn nirr n rr rro' ncr liegt, sich unwillkürlich von dem nmdus proredendi der genannten mittelalterlichen Wundärzte ergriffen, bezw. bei der Lektüre eigenthümlich berührt fühlt. Dem Zugestündniß, das nebenbei noch und implieite hierin enthalten ist, wird, glaube ich, trotz des gegenüber dem Mittelalter so sehr weit vorgeschrittenen Zustandes unserer modernen thera-! peutiichen Hilfsmittel auch heute kein Arzt sich entziehen, um so weniger! als, wie zahllose thränenreiche Beispiele immer noch fortgesetzt lehren,! Trägheit. Indolenz, Ignoranz und ein gewisser Fatalismus des großen! Publikums in ärztlichen und hygienischen Dingen selbst heutzutage die j Möglichkeit rechtzeitiger Entfaltung der geeigneten Kunstmittel leider! zll oft verhindern. j Berlin, den 30. Oktober 18M. Dr. Pagel. j 1) Dabei ist ticicr Mann durchaus freisinnig und vornrtheilslos und besonders jedem ärztlichen Aberglauben und anderem Unsinn abhold. So erklärt er die wohlthätige Wirkung der Wallfahrten in manchen chronischen Krankheitsfällen ausdrücklich als Holge der durch Vuftwechscl, Veränderung der Lebensweise, Körperbewegung :c. hervorgerufenen günstigen j Veeinftussnng und Alteration de§ -Stoffwechsels.! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. 1 Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.