Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 571 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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571 in ihm! Man muß ihn zu Allem, was er werden soll, schieben. Was er bis jetzt geworden ist, das ist er geworden, weil Haschelc ihn dazu gemacht hat. Weiter, als er jetzt steht, kann ihn Haschelc auch nicht schieben. ... Hatte man Rachelc gefragt: Was hast Dn darüber uachzudenkcn, ob Leb Beheme ein Randar werden kann oder nicht? Was geht das Dich an? Laß ihn einen werden, laß ihn keinen »»erben! Was geht Dich Narrenberg an? Das Mädchen hätte ans solche Fragen gewiß keine Antwort zu geben vermocht; es wäre ihr zu Muthe gewesen, »vie einem, der sein eigenes Bild noch nie gesehen und nun überrascht cs zum ersten Male aus dem Spiegel sich entgegenglänzen sieht. Und doch wieder, wenn man Rachelc auch gefragt hätte, was war' es auch gewesen? Rachelc hätte in der Unbefangenheit ihres Herzens vielleicht ganz ruhig geantwortet: Ich Hab' eine gute Meinung von dem Menschen! — Und warmn hatte sic keine gute Meinung von ihm haben sollen? Was lag denn auch Nerfüngliches darin? Haschelc, der mit ihm am meisten zu thun hatte und der ihn am genaueste» kennen mußte, er bewies am besten, was er von ihm hielt, da er ihn von Stufe zu Stufe emporhob und ihn immer größer und größer werden ließ; es läßt sich doch nicht annehmen, daß Haschelc, ein findiger Kopf, ein guter und praktischer Geschäftsmann, einer Laune seiner Schwester zu Liebe dem Geschäft einen Nachtheil zugefügt habe. Tie beiden älteren Brüder, Borech und Koppel, hatten eine zu gute Meinung von ihrem jüngeren Bruder, als daß sic eine von ihm getroffene Maßregel nicht Hütten billigen sollen; es ist daher leicht erklärlich, daß sie von dem Menschen, dem Haschelc so viel Zutrauen geschenkt, nur eine gute Meinung haben konnten, freilich nannten sie ihn noch immerfort Leb Beheme, wenn von ihm die Rede war; allein gewiß nicht aus Mißachtung, vielmehr nur aus Gewohnheit. Sie wußten wohl, daß ein Mensch, der Alles, was man ihm aufgiebt, pünktlich aussührt, der jedes Geschäft, das inan ihm überträgt, getreulich versorgt, kein ganz beschränkter Mensch, kein Beheme sein könne; allein man hatte sich von allem Anfang an einmal daran gewöhnt, den seltsamen Menschen Leb Beheme z» heißen; und so nannten sie ihn fort Leb Beheme, ohne daß sie dabei auch nur die geringste beleidigende Absicht hatten. Der Vater freilich hatte von der geistigen Begabung des gegenwärtigen Branntweinbrenners nicht die beste Meinung, und wäre Alles von ihm allein abhängig gewesen, so wäre Leb sicherlich niemals bis zu dieser Stufe emporgestiegen. Indessen war der Macht der Thatsachen doch auch nicht ganz auszuweichen. Der Vater hatte bereits einmal sich überwunden geben müssen; er hatte sich gefürchtet, den Wagen zu besteigen, wenn Leb Beheme Kutscher ist, lind nachher mußte er eingestehen, daß er in seinem Leben niemals besser gefahren sei. Wer sich einmal irrt, kann sich das zweite Mal auch irren. Die Kinder nahmen in der That auch des Vaters Meinung nicht als vollen Ernst; denn worauf gründete sich des Vaters Meinung eigentlich? Darauf, daß ihm der Fremde bei seinem ersten Eintritt ins Haus den Eindruck der Beschränktheit gemacht; daß er dagestanden und zugesehen habe, wie sich das Mädchen in den Fiirger geschnitten, ohne ihr das Messer aus der Hand zu nehmen! — Nun, konnte das nicht ebensowohl aus Schüchternheit und Verschämtheit geschehen sein? Daß Leb nie ein Wort sprach, daran hielt sich der Vater wohl auch. Den Söhnen aber galt sein Schweigen nicht als ein Zeichen von Dummheit. Schon das Sprichwort legt dem Schweigen den Werth des Goldes, dem Reden hingegen den Werth des Silbers bei. Im Grund meint es ja der Vater so übel nicht! — Dies war die Ansicht der beiden älteren Brüder, — er hat von ihm auch keine schlechte Meinung; aber wie der Vater schon ist, er soll gesund sein, ein bissele ein kritischer Mensch, thut er gern ein bissel tadeln, und wenn! er schon einmal ein Wort ausgesprochen hat, nimmt er's nicht gern zurück, auch wenn er einsieht, daß er sich geirrt hat; am End'aber denkt er nicht! schlecht von Leb. Und die Andern? die Knechte und Mägde, die Arbeiter j in der Brennerei und die Bauern im Dorfe? Sic dachten von ihm, l wie man von einem Menschen denkt, der Niemandem etwas in den Weg j legt, der Jedem das Seinige läßt, Jedem die Ehre bezeigt, die er ihm l schuldig ist, und der für sich durchaus keinerlei Art von Ehrerbietung : in Anspruch nimmt. Zwar fehlte es. da er sich vom herumziehenden, heimathlosen Schnorrer in weniger als Jahresfrist zu der Stellung eines Branntweinbrenners emporgearbeitet hatte, auch nicht an solchen, die ihn beneideten; aber Niemand wagte, ihm etwas auzuhabcu. Der Branntweinbrenner kümmerte sich wenig darum, wie man über ihn denke und über ihn urtheile. Er ging an seine Arbeit und that sein? Schuldigkeit; ja er ging über seine Schuldigkeit hinaus. Er hatte seinem jugendlichen Lehrmeister Manches abgelauscht, und! hier und da, wo cs ihm thunlich schien, machte er sich auch an eine Sache, die ihm nicht übertragen war; nie that er solches jedoch, ohne auf Haschelc, den er hoch in Ehren hielt, einen fragenden Blick zu richten, gleich als ob er die Bestätigung haben wollte, ob sein Lehrmeister gegen die Art und Weise, wie er die Sache anfasse, auch nichts einznwenden habe, i Und als er ivicder solch' einen fragenden Blick auf Haschelc hinüberwarf, sagte ihm dieser treuherzig: „Dn brauchst mich nicht immer erst so scheu anzusehen, Leb, wenn Dli etwas machen willst, was ich Dich nicht geheißen Hab'! Du kannst schon etivas nach Deinem eigenen Kopf : machen, Leb! Ich weiß schon, auf wen ich mich verlassen kann!" Vom Vetter Joichenc kam ein Brief heraus; es war die Einladung zur Hochzeit seines Sohnes, welche nahe bevorstand. Auf! der Rande hielt man Familienrath; man mußte berathschlagen, wer auf die Hochzeit fahren und wer daheim bleiben solle; Alle konnten! der Einladung nicht Folge leisten, denn das ganze Haus, die große Wirthschaft, die Brennerei vollends konnte inan nicht einige Tage : hindurch allein stehen lassen. Vorerst handelte cs sich darum, ob der Randar oder Rachelc daheim bleiben solle; denn Einer mußte in der Schänkstub sei»; es entspann sich zwischen Vater und Tochter ein edler Wetteifer: der Randar wollte haben, Rachelc soll fahren, sie möge fich's vergönnen;; sie habe ohnedies; auf dem Torfe Heraußen das ganze Jahr keine ■ Unterhaltung. Vielleicht lauerte hinter diesem Edelmuth in einer : kleinen Falte seines Herzens verborgen auch die Absicht, seine heiraths-! fähige Tochter ans eine schickliche Weise ein bischen unter die Männerwelt zu bringen, und dazu gab es ja kaum eine passendere Veranlassung, als die Hochzeit beim Vetter Joichenc. Rachelc hingegen machte geltend, daß es für deir Vetter Joichenc sowohl, als wie auch | für den Bräutigam und für die ganze Gefreundschaft eine Beleidigung : wäre, wenn er als der Vetter des Bräutigams nicht auf die Hochzeit kommen möchte. Die Gründe waren von beiden Seiten triftig genug, und die Frage wurde endlich dahin entschieden, i daß Vater und Tochter mit einander auf die Hochzeit fahren sollten, j dagegen erbot sich Koppel, für die Dauer ihrer Abwesenheit vom ' Hause das Geschäft in der Schünkstnbe zu versehen. Schwieriger war die Entscheidung in der Frage zwischen Borech und Haschelc. Einer von Beiden mußte jedenfalls in der Brennerei Zurückbleiben. Auch zwischen den zwei Brüdern entspann sich derselbe edle Wetteifer, wie früher zwischen Vater und Tochter. Jeder wollte dem Andern die Freude gönne», auf die Hochzeit zu fahren, aber Haschelc; gab endlich nach langem Hin- und HerreLen doch nach und entschloß : sich, zu fahren. Und er mußte wohl, denn Borech sagte zu ihm: i „Wenn Du nicht fährst, Haschele, so ist es eine Beleidigung für | mich; denn damit zeigst Du, daß Tu mir nicht zutraust, in der ' Brennerei Alles ebenso gut in Ordnung zu .halten, wie Du!" Diesen