Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 570 (sequence 10)
- Language
- German
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570 Lippen, ba man die schöne Neuigkeit vernahm, und der Vater ' erwiedertc auf diese Wünsche: „Bei Euch in Freuden!" Am Sabbath Nachmittag, gearbeitet wurde nicht au diesem Lag aus deS Raudars Besitzung, da setzten sie sich manchmal in die Schänkstubc und hörten dem Gespräch der Bauern zu oder nahmen auch Thcil daran, sc nachdem, wie's gerade kam. Hier und da erzählte der Eine oder Andere auch eine wundersame Geschichte, die er entweder von seiner Großmutter oder sonst wie und wo gehört hatte, und das war mitunter sehr ergötzlich. War aber einer jener armen Pilgcrsleute, wie auch Leb Beheme ehemals einer gewesen, ein Schnorrer oder gar ein „Oirech hogcn" (ein würdiger Gast) am Freitag augekounneu, so wußte Rachele ihn gewiß so fest zu halten, daß er nicht noch vor dem Sabbath in das Städtchen hinüberwandere, sondern den Sabbath hier verweilen mußte; denn diese Leute, die viel in der Welt hcrumgekommeu, die wußten auch gar Manches zu erzählen, und zwar »och ganz andere Dinge, als diejenigen waren, die Pawel oder Franz von ihrer Großmutter wollten gehört haben. So war cs denn auch ein vergnüglicher Sabbath-Nachmittag, da sic fröhlich beisammen saßen in der Schänkstube und der „Schnorrer", der gestern aiigekonunen war und den Rachele über den Sabbath zu bleiben eingeladen hatte, ihnen eine merkwürdige Geschichte von einem guten Fischer und seinem ehrgeizigen Weibe erzählte. Die Geschichte war gut erzählt, das bewies die Spannung, mit der man ihin zngehört hatte, und die Theilnahme, die man selbst dann noch sür den armen Fischer auszudrücken schien, nachdem die Geschichte längst beendigt war; denn aus einmal — cs war inzwischen doch schon wieder von inanchem Anderen die Rede gewesen — blieb der Randar, der in der Stube langsam auf und ab ging, wie nachdenklich stehen, »ahm sich mit der linken Hand ei» wenig das kleine Bärtchen in die Hand und sagte: „Wißt Ihr Kinder, wie mir des Fischers sein Weib vorkommtk" „Wie wer?" fragten sie. „Löte Leb Beheuie!" sagte der Randar. „Zuerst will sie haben ein klein Häusel, dann ivill sie haben ein groß Schloß, dann will sic sein ein Fürst, dann will sic sein! Kaiser, bann ivill sie sein der Papst, zuletzt will sie gar werden unser Herr Gott! Leb Beheuie auch so. Zuerst ist er gewesen ein Schnorrer, dann ist er geworden Knecht, jetzt ist er ein Branntweini brenner, was wird er nicht noch Alles iverden, aus die Letzt wird er noch wollen werden ein Randar." „Das heißt ein Einsall, was D» hast, Bater-Leben!" sagte! Rachele. ' Huschele aber sagte: „Schad', daß heut Sabbath ist!" „Warum?" fragte der Randar. „Wariiiu?" erwiedertc Haschele, „wenn heut iiicht Sabbath mär', wöcht' ich gleich lassen einspannen Roß und Wägete und möcht' hineinfahren in die Khille und möcht' dir Leser Ehilekmachcr ein bischen herausbringeu." „Zu was?" fragte der Randar. „Zu was?" tagte Haschele. „Damit er Dir den Unterschied zwischen Leb Beheme und des Fischers sein Weib ein bissel auftlären möcht)" „Ta dazil braucht Ihr den Leser Echilekmacher?" sagte Pawel, der bei einem Gläschen Branntwein da saß nnd die wundersame Geschichte ebenfalls mit angchört hatte. „Den Unterschied trifft unsereiner auch; er ist ja klar wie Sonnenscheiu." „Laßt mich hören, Pawel, was J.hr für ein gescheidter Mensch seid," sagte der Randar, indem er sich) gegen ihn herumwendete und vor ihm stehen blieb; „laßt mich hören Euer« „Ehilek" (ilnterschied)." „Hat denn einer im ganzen Dorf, wie wir hier sind, vom Größten herunter bis zum Kleinsten, schon jemals gehört, daß der Leb irgend einmal einen Wunsch ausgesprochen hat?" „Versteht sich," sagte der Randar, „hat er nicht de» Wunsch gehabt, hier zu bleiben auf der Rande?" „Schon gut," sagte Pawel, „aber seitdem er da ist. Er hat Wasser geschöpft, er hat Holz gehackt, man hat ihm nicht angemerkt, daß cr's ungern thut; er hat dann die Pferd' gepflegt und abgewartct, man kann nicht sagen, daß sie sich unter ihm schlecht befunden haben. Er ist jetzt in der Brennerei, hat er schon gesagt, daß cs ihm drinnen - nicht gefällt? Ist der Branntwein vielleicht schlechter geworden, seitdem er ihn machen hilft? Ich spür' nichts davon!" . dabei that Pawel einen ordentlichen Schluck, gleichwie um das, was er sprach, auch durch die That zu bekräftigen. Daun setzte er das Glas ziemlich derb auf den Tisch und sagte: „Hat dieser Mensch auch nur den mindesten Ehrgeiz?" „Siehst du, Vater-Leben!" sagte Rachele; und Haschele sagte: „Pawel ist kein „Amhorez" (Unwissender) nicht!" „Ja, wenn ich angegessen bin, bin ich nicht leer," sagte Pawel. Der Schnorrer aber, der durch seine Erzählung von dem Fischer und dessen ehrgeizigem Weibe diese Vergleichung des Randars und Pawels Vertheidiguugsredc hervorgerufen hatte, fragte: „Wer ist denn das, von dem da so viel die Rede ist?" „Unser Branntweinbrenner!" sagte Haschele glcichgiltig. „Und Leb Beheme heißt er?" „Er heißt nicht Leb Beheme, er heißt Leb," jagte Rachele. „tlnd warum heißt man ihn Leb Beheme?" „Weil er ein Beheme ist," sagte der Randar. Des andern Tages ging der Märchen- und sagenkundige Schnorrer seines Weges weiter; hier auf der Rande gab man sich wieder den üblichen Geschäften völlig hin und dachte seiner nicht mehr. Man behält hier die Leute, die da durchpassireu, nicht lauge im Gedächtniß; so lange einer da ist, wird er nach Gebühr bewirthet, ist er aber einmal abgefertigt, dann läßt man ihn seiner Wege gehn. Es kommen und gehen das Jahr hindurch, so groß cs ist, gar manche Leute hier ein und aus: wer wollte sie Alle im Kopfe behalten? Ob auch Rachele weiter des Schnorrers nicht dachte, ist eine andere Frage; die Erzählung lag ihr im Sinn, und zwar just darum, weil dieselbe den Vater auf einen so haarsträubenden Vergleich geführt, den Pawel so vortrefflich abzuwehren verstanden. Leb Beheme ein Randar! Diese Vorstellung hatte sür sic etwas Komisches. Leb Beheme und ein Randar! Sie wußte, daß Leb ein Schnorrer war, da er in das Haus eintrat; ein Randar aber war nach ihrer Vorstellung das Höchste und Wünschenswertheste auf der Stufenleiter gesellschaftlicher Stellungen. War doch ihr Vater ein Randar! Sie war innerlich fest überzeugt, daß Leb einen solchen Gedanken, einen so kühnen Wunsch in seinem Leben nie gehegt, »och jemals hegen werde. Pawel hatte ihn nach ihrer Meinung ganz richtig beurtheilt, 'wenn er von ihm gesagt, daß er nicht den mindesten Ehrgeiz habe. Anderseits dachte sie aber doch auch, wenn er nichts Anderes wär', als wie ein gewöhnlicher Schnorrer, so hätt' ihm der Gedanke, da hier zn bleiben aus der Rande nnd hier zu dienen, gar nicht kommen können. Ein gewöhnlicher hergelaufener Schnorrer thut das nicht, der giebt sein Schnorrcrgcschäft nicht auf; er ist gewöhnt an den Müßiggang, während Leb für das Stücket Brod, das er zn essen kriegt, auch tüchtig arbeiten muß. Ein Mensch kann gezwungen werden, von Almosen zu leben! Kann man wissen, was auf der Welt Alles sich ereignen thut; wer aber arbeiten will, der kann kein hergelaufener Mensch sein . . . . und doch tvieder nein, Pawel hat doch Recht, es steckt kein Ehrgeiz