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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
Seite 568 (sequence 8)
Language
German
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568 von Kirchmann besitzt, zur Hand zu nehmen, und er wird dann beim ersten Blick etwa in die „Ethik" mit Verwunderung bemerken, daß der berühmte Denker Spinoza im Grunde genommcii so eine Art philosophischer Feuilletonist war, der in seiner Ueberschätzung der Form den pikantesten stilistischen Finessen nachjagte. Hierher gehört 3. B. der fortwährende Gebrauch jenes Apparats von Axiomen, Lehrsätzen, Beweisen, Eorollarieu und wie jene mathematischen Stilkünste noch sonst heißen mögen. Einige behaupten sogar, dieser Spinoza sei einer der vielschrcibendsten Mitarbeiter an allen erdenklichen Journalen seiner Zeit gewesen. — Sicher gehörte dieser spanisch-holländisch-! jüdische Litterat (man kennt diese heimaths- und vaterlandsloseii! Rassenmischlinge!» zu jener „geschmackvollen, fleißigen Mittelmäßigkeit, : die alle verfügbaren Plätze sowohl zur Lcbensversorgung, »vie in der Theilnahmc und Werthschätzung des Publikums so vollständig in; Anspruch nehmen, daß für die »virklich originellen Talente oder gar j für die urwüchsigen Genies kein Plätzchen mehr übrig bleibt und sic j elend verkommen müssen." Natürlich »var es nichts als ehrgeiziges Streberthum und der : Wunsch nach einer guten „Lebeusversorguug", was Spinoza ver-; anlaßte, eine ihm vom Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz aui getragene Professur der Philosophie an der Universität Heidelberg . init den Worten abzulehnen: „Quoniam nunquam publice doeere i animus fuit, induci non possum, nt praeclaram luvnc oeoasionem! amplectar.nam cogito me a promovenda philosophin; cessare. si instiliicndae juventuti vacare velim“ (Episl. ad Fabricium). Wie überhaupt die ganze Legende von dem einsamen, mäßigen und bedürsnißloscn Leben auch so eine jüdische Reklanie i sein »vird! lieber die von ihm gewühlte geometrische Form in seiner „Ethik",! bekanntlich die am meisten angewandte wissenschaftliche Methode jenes i »vesentlich mathematisch-physikalischen siebzehnten Jahrhunderts, spricht; sich übrigens Spinoza vielfach aus. so z. B. wenn er die Beweise; „die Augen der Seele" nennt, durch »velche sie die Dinge sieht und i betrachtet. Menüs enim oeuli quibus res videt observatque; sunt ipsae demonstrationes. Etb. V. Prop. 2H, scliol. Ferner: Epist. 42. Oder wenn er den ursprünglichen Glauben an die Un-! fehlbarkeit der mathematischen Methode wiederholt dahin zum Ausdruck bringt, daß er die Erkenntniß der menschlichen Empfindungen! und Leidenschaften init derselben Sicherheit durch die geoinetrische! Forin zu erreichen hofft, als »venn es Untersuchungen über Linien, Flächen und Körper wären. So z. B. Etb. prooen». Pars III. De affectuum itaque natura et viribus ac mentis in eosdem potentia eadent metbodo agam, qua in praecedentiluis de Deo et mente egi et hmnanas actiones et appelitus eousiderabo perinde ac si quaestio de 1 ineis, planis aut de corporibus essel. | Die Form also, Herr von Hartmann, spielt bei Spinoza eine ' sehr wichtige, von der Natur des Inhalts unzertrennliche Rolle, ühni lich wie die dialektische Trichotomie bei Hegel, »velchcs Sie ja in Ihrer; im Jahre 1869 erschienenen Schrift über die dialektische Methode? ganz richtig erkannt und — kritisirt haben.; Nicht minder überraschend ist die zweite Behauptung Hartmanns. I Ohne die Bedeutung jenes unglücklichen NotancrS, gelviß des inter-; essantesten Charakterkopfes im Zeitalter der Renaissance, verkleinern j zu wollen, muß ich doch sagen, daß z»vischen dem poetisch-kosmologischen Naturalismus Brunos und der akosmistisch-pantheistischen Substanzlehrc Spinozas ein so großer Unterschied obwaltet, daß ein Vergleich oder gar eine Jdentifizirung beider völlig unstatthaft erscheint. Und wenn es allerdings auch nicht unwahrscheinlich ist, daß Spinoza die lateinischen Schriften Brunos gekannt habe — die italienisch geschriebenen Dialoge, welche gerade die metaphysisch bedeutungsvollsten sind, hat er nieinals gelesen, einfach, »veil er der italienischen Sprache nicht mächtig war —, so ist es doch nicht erlaubt, deshalb Spinoza die Originalität seiner geivaltigen philosophischen Konzeption — selbst »venn sie eine von ihm vollzogene Synthese aus dem Dualismus des DescarteS und dem kosinischeu Monismus Brunos — abzusprechen. Selbst die von ihm I gebrauchte Terminologie, »vie Substanz, Attribut, Idee >». s. »v., wie-! »vohl sie scholastischen Ursprungs, schon von Bacon, Hobbes, CartesiuS und den lateinisch schreibenden italienische» Renaissance-Philosophen ange»vendet »vurde, hat doch in der „Ethik" eine ganz bestimmte, nur innerhalb des Spinozismus geltende Bedeutung. Auch über den Einfluß des jüdisch-spanischen Averroismus aus Spinoza ist neuerdings viel gesprochen »vorde». Eine solche Eimvirkung der jüdischen Religionsphilosophie mag insbesondere »nährend der frühesten Bildungsperiode uirseres Denkers stattgefunden haben — de hoc sub judice lis est. Was hat dieses aber mit dein nach allen Seiten hin volleirdetem System zu thun, wie es uns in der „Ethik" entgegentritt? Aber »vie. »venn Hartmaini doch Recht hätte? Nun dann haben sich zwei Jahrhunderte über die Größe Spinozas im Jrrthum befuirden. Es kommt also daraus an, »vem »vir glauben sollen, der bisherige»» historischen Auffassung oder Herrn von Hartman»». Wer sind aber jene Ge»vührsn»ä»»ner, »velche bisher für die Originalität Spinoza'» eintraten? Ich »vill einige dieser Männer meinen Lesern verführen, diese »verde»» dann nicht verfehlen, das Geivicht jener Namen gegen den Hartmarliis abzuwägeu. Lichtenberg: „Spinoza hat de» größten Gedanken gedacht, der je in eines Menschen Kopf gekommen." Lessing: „Es giebt keine aridere Philosophie als die Philosophie Spinozas." Friedrich Heinrich Jacobi: „Ten Spinozisnius zu fassen, dazu gehört eine zu lange und hartnäckige Anstrengung des Geistes. Und keiner hat ihn gefaßt, dem in der „Ethik" eine Zeile dunkel geblieben; keiner es nicht begreift, »vie dieser große Mann von seiner Philosophie die feste Ueberzeugung haben konnte, die er so oft nachdrücklich au den Tag legte. Eine solche Klarheit des Geistes, einett solche» Himmel int Verstände, »vie sich dieser helle Kopf geschaffen hatte, niögeu Wenige gekostet haben." lGesprüchc über Idealismus u»»d Realismus.) Herder: „Und so bin ich der Meinung, daß seit Spinozas Tode Niemand den» System „Eins und All" Gerechtigkeit verschafft hat." (Brief an Jacobi vom 20. Dec. 1785.) Goethe: „Ich erinnere mich noch sehr »vohl, »velche Beruhigung und Klarheit über mich kam, als ich eiirst die nachgelassene»» Worte jenes nierkwürdigen Mannes durchblütterte. Diese Wirkung »var »nir ganz deutlich, ohne daß ich »»»ich des Einzelnen hätte erinnern kö»»nei». Ich eilte daher abermals, denen ich so viel schuldig geworden, und dieselbe Friedensluft weht mich »nieder an. Ich ergab mich dieser Lektüre mti> glaubte, indem ich in mich selbst schaute, die Welt nieinals so deutlich erblickt zu haben." (Dichtung und Wahrheit.) Schelk in g: „Der Erste, der Geist und Materie mit vollem Bewußtsein als Eins, Gedanken und Ausdehnung nur als Modifikation desselben Prinzips ansah, ist Spinoza gewesen. Spinozas System ist der erste kühne Entwurf einer »vahrhaft schöpferischen Einbildungskraft, der in der Idee des Unendlichen, rein als solchem, unmittelbar das Endliche begriffen u»»d dieses nur an Jenem erkannt hat. Die letzten Anklänge aller echte»» Philosophie werden durch Spinoza vernommen; ich meine, daß er die Philosophie zu ihren einzige»» Gegenständen zurückgcführt hat." (Ideen zu einer Philosophie der Natur.)

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