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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
Seite 567 (sequence 7)
Language
German
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567 Geist mit einer glühend-tiefsinnigen Phantasie, der Andere dagegen | schon früh ein Meister in der logischen Abstraktion, ein Virtuose in! der grübelnden Dialektik: Joseph Schelling und Georg Wilhelm j Hegel. Kaum hatten sie, von Fichte in die Spekulation Spinoza's eingeführt, so recht in seine Tiefen geblickt, so griffen sie and) i keck zu und zögerten gar nicht lange, das große Vermächtnis;! des jüdisch-holländischen Denkers in vollen Besitz zu nehmen. Wenige mochten damals ahnen, daß das tiefsinnigste Gedankensystem, das nur in Deutschland auftauchte und bald alle vornehmeil Geister j wunderbar anzog: die deutsche Jdelltitätsphilosophie, das j geistige Eigenthum jenes vergessenen Juden war. Freilich voll der j prunkvollen und glänzenden Architektonik, in der einst hier seine Einheitslehre auftreten würde, ahnte der schlichte und bescheidene Einsiedler iln Haag nichts. Aber kaum ein Vierteljahrhundert währte der Ruhm der All-Eins-Lehre in Deutschland. Schellings phautasievolle Naturphilosophie war längst von der llüchtern exakten Naturforschung verdrängt und an Stelle des Zaubernetzes Hegelscher Begriffsdialektik' war eine gesunde, wieder an den alten ehrlichen Kant sich anschließende kritische Erkenntnißtheorie getreten. Da wurde die Welt dilrch die Nachricht von einem foitberbaren Ereignis; überrascht: aus einer späten Verbindung des alten Schelling, der von dem Nomantiker auf dem preußischen Throne nach Berlin berufen wordell warv. um die revolutionär gewordene Hegelsche Philosophie in ihren Ausläufern voll der „Linken" durch seine mm fromm gewordene „positive Philosophie" zu bändigen, mit der spröden Jungfrau Schopenhauer, welche lange gänzlich unbeachtet in Zurückgezogenheit gelebt hatte, war ein Sproß zur Welt gekommen, und dieser hieß: Eduard von Hartmann. Ich habe das vor einigen Jahren erschiellelle Buch Hartmanns: „Das Judenthum in Gegellwart und Zukunft" erst vor Kürzeln gelesen. Hierbei fiel mir zunächst eins auf, wie dieses Machwerk selbst in der gelnäßigt liberalen Presse als eine „Friedensstimme" bezeichllet werden konnte. Ich habe es vielmehr sofort als das erkannt, was es thatsüchlich ist: als ein Produkt des „verschämten" Antisemitismus, der, trotz seiner scheinbaren „wissenschaftlichen" Maske, mit seinen falschen ethnologischen Voraussetzungen, seinen historischen Jrrthümern, statistischen Fälschungen unb seiner reaktionären Staatsdoktrin nicht um ein Haar breit besser, sondern womöglich noch perfider ist, als der „unverschünlte" Radau-Antisemitisnlus Böckels mld Liebermann von Sonnenbergs u. s. w. Jll bent genannten Buche dieses „sreiwillig-gouvernementalen" Publizisten wird vielerlei über Presse und Journalismus, über Zeitgeist und öffentliche Meinung, über Volksvertretung und Liberalismus geredet; ein wahrer Nattenkönig von Falschem und Richtigem, von Zutreffendem und Schiefem, wobei Hartmann in dem Gebrauche der an das Offiziösenthum stark erinnernden politischen Phraseologie eine bemerkenswerthe Gewandtheit zeigt. Ferner wird auch Allerlei über litterarische und künstlerische Fragen gesprochen. Hierbei kommt nun der Verfasser auf den Eklektizismus und seine schädlichen Einflüsse auf Wissenschaft, Litteratur und Kunst. Da sollen es nun besonders Schriftsteller und Gelehrte „semitischer" Abstammung sein, welche diesem verderblichen Eklektizismus Vorschub leisten. Es dürfte nun allerdings Herrn von Hartmann etwas schwer fallen, diese Behauptung durch Beispiele aus der Geschichte der neueren Wissenschaft zu erhärten. Doch! Als ein klassisches Beispiel eines philosophischen Eklektikers gilt ihm - Moses Mendelssohn. Es widerstrebt mir fast, das Andenken des ehrwürdigen Berliner Weisen bei einer solchen Gelegenheit zu entweihen. Mendelssohns Verdienste um deutsche Bildung und Aufklärung sind längst feststehend. Nur mochte ich doch nicht unterlassen, hinzuzufügen, daß Hartmanns Behauptung auch in diesem Punkte nicht zutrifft. In seinem metaphysischen Hauptwerk, in den „Morgenstunden", steht Mendelssohn bekanntlich völlig auf Leibnitzschem Boden. Nur in seiner unübertrefflich schonen Nachbildung des Platonischen „Phädon" hat er in Bezug auf das Unsterblichkeitsproblem und die Unzerstörbarkeit der Seelensubstanz die Ansichten antiker und moderner Denker durch die verschiedenen Personen des Dialogs vertreten lassen, während seine eigene Anschauung z. B. in den „Betrachtungen über die Unkörperlichkeit der Seele", dieeine Polemik gegen d'Alembert enthalten, sowie in einigen andern kleinern Arbeiten hervortritt. Will man aber Mendelssohn durchaus einen „eklektischen" Charakter imputiren, so konnte solches höchstens in kunstphilosophischen Fragen der Fall sein, wo er sich bald den deutschen, bald den englischen und französischen Aesthetikern jener Zeit anschließt, ohne sich jedoch in einen unchristlichen Synkretismus zu verlieren. Ich mochte hier nur an die feinsinige „Rhapsodie über die Empfindungen", eine Fortsetzung der Briefe über die „Empfindungen", erinnern. sieben dem Eklektizismus ist es dann das allzu große Gewicht, welches die „nicht arischen" deutschen Schriftsteller auf die Form legen, die ihnen denn auch den viel beklagten Einfluß in Litteratur und Presse nicht nur, sondern auch in der Wissenschaft verschafft haben soll. Woran mag wohl Herr von Hartmann hierbei gedacht haben? Gehört es nicht gerade zu den unvergänglichen Verdiensten Mendelssohns, neben Lessing, (Larve u. A. mit der Schöpfer der klassischen philosophischen Prosa in Deutschland zu sein? Ist etwa Eduard Gans deshalb ein weniger bedeutender Rechtsphilosoph gewesen, weil seine Werke, insbesondere sein „Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwickelung", in der ganzen Litteratur der Hegelschen Schule durch Schürfe der Begriffsbestimmungen, wie durch eine bestechende Klarheit der Sprache sich auszeichnen? Steht Borne als Publizist nicht deshalb im Vordergründe der politischen Kämpfe der dreißiger Jahre, weil er, wie keiner der spätem deutschen Publizisten, über die großartigste Bildlichkeit der Sprache wie über die fernhintreffende und sichere Kraft des Blitzes gebot? Waren Leopold Znnz' litterar-historische Arbeiten weniger wissenschaftlich, weil sie in geistvoller und anziehender Art geschrieben sind? Ich könnte diese Beispiele in's Hundertfache vermehren - - ich würde aber doch Herrn von Hartmann nicht überzeugen. Warum? Weil ans ihm der Rassenfanatismus, nicht die Liebe zur Wahrheit spricht. Welche Verheerungen aber ein solcher Fanatismus anrichtet, das ist deutlich aus Folgendem zu ersehen. Ich verstehe Manches bei dem konservativen Publizisten Hartmann, dem Philosophen Hartmann aber muß ich zurufen: Halt! das geht doch über den Spaß. Du begehst „unbewußt" ein Sakrileg an deiner eigenen Wissenschaft. Unbewußt? Was Hartmann über Spinoza sagt, kann nicht aus Unkenntniß hervorgegangen sein. Schlimmer aber als Unwissenheit ist das Bestreben, einen Geistesheros aus politischer Tendenz zu verkleinern. Hören wir die Entdeckungen Hartmanns in Bezug auf Spinoza. Zunächst habe dieser in seinen Werken der Form im Gegensatz zum Gehalt eine zu große Wichtigkeit beigelegt. Dann gehe ihm eigentlich jede wirkliche philosophische Originalität ab, da nicht Spinoza, sondern Giordano Bruno als der Vater des modernen Pantheismus anzusehen sei. Sehen wir uns diese Behauptungen etwas näher au. Also Spinoza soll der Form eine allzu große Bedeutung beigelegt haben. Hier muß ich nun allerdings den verehrten Leser bitten, sich einmal die ..Ethica“ oder den „Tractatus theologieo-politiciis“, welche man jetzt in zwei guten deutschen llebersetzungen von Auerbach und

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