Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 566 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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566 aber wir weder körperlos sind, »och in der Wüste leben, sind wir j ober an die irdische Form gebunden und haben die Wahrheit nicht ' ohne Hülle." Wir ersehen aus dieser Polemik und Apologetik Philos, daß die! Partei der hellenischen Inden in Alexandrien, die sich vom Gesetz lossagte, sehr bedeutend war. Dasselbe sinden wir auch in der; apologetischen symbolischen Erklärung der Gesetze in den Fragmenten j des jüdischen Philosophen Aristobul und in den Briefen des Aristäus.; Bon geschichtlicher Wichtigkeit war diese Parteirichtung für das! Ehristenthum, als Paulus, der Hellenist, Apostel derselben geworden j lind die Lossagung vom Gesetz, wie sic die hellenistischen Juden! lehrten, zur Hauptlchre seines neuen Christenthums machte. Daß es der jüdische Hellenismus gewesen, der hier zur Geltung kam, ergiebt sich uns auch aus der Opposition der andern Apostel in Jerusalem und der Judenchristen an andern Orten gegen Paulus. | Das Christcnthum wäre ohne diese Mithilfe des jüdischen Hellenismus i zur Gesetzesauflösung nicht gelangt. Jesus imb dessen Apostel, ja; selbst noch Paulus in der ersten Zeit seiner christlichen Thütigkeit sprechen sich deutlich für den Fortbestand des Gesetzes mehrere Mal aus. Nach Matth. 5, 17—19 sagt Jesus: „Ihr sollet nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten anfzulösen, j sondern zu erfüllen. Ten» ich sage cucf): Wahrlich, bis daß Himmel i und Erde zergehen, tvird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch j ein Titel vom Gesetz, dis daß es Alles geschehe. Wer nur eins von! diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird > der Kleinste sein im Himmelreich, wer es aber thut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich." Ebenso redet er nach Matth. 28, 1—5, 28 zum Volke und zu seinen Jüngern: „Aus Moses Stuhl sitzeir die Schriftgelehrten und die Pharisäer; Alles nun, Ivas sic euch jagen, daß ihr halten sollet, das haltet und thnt cs." Nur! gegen mehrere rabbinische Anordnungen, die übermäßig das Leben! erschwerten, als z. B. gegen den Brauch des Händewaschens vor : dem Mahle, das viele Fasten u. n. m., protestirtc er. Auch seine j Apostel hielten das Gesetz. So bezeugt Petrus von sich selbst, er; habe noch nie Gemeines und Unreines gegessen; von den andern i Aposteln wird berichtet, daß sie regelmäßig den Snbbath und die j Ceremonien beobachteten; cs werden die als falsche Zeugen erklärt, > die von Stefanus behaupteten, er habe gesagt. Jesus wolle die Sitten, die Moses gegeben, ändern; Paulus eilt zu Pfingsten nach Jerusalem, löst nach dem Gesetz sein Gelübde, läßt für sich opfern i und befiehlt, den sich bekehrenden Tintotheus zu beschneiden, u. a. m. j In Uebereinstimmung mit den rabbinische» Anordnungen für den! Noachidcn wird von den bekehrten Heiden zu beobachten gefordert: die Enthaltung vom Götzendienst, Genuß des Blutes und des Erstickten, ebenso von jeder Unzucht. Der Bruch mit dem Gesetz geschah erst durch den Einzug der jüdischen, vom Gesetz sich lossagenden Hellenisten in das Christen-! thum, zu denen der jüdische Hellenist Paulus gehörte, der die Los-; sagung vom Gesetz offen proklamirte.; Dieser extreine Ausgang des jüdischen Hellenismus hat bei den! strenggläubige» Juden in Palästina tiefe Besorgnis; erregt, sic be-; fürchteten ein weiteres ilmsichgreifcn der Lossagung vom Gesetze j innerhalb des Judenthums und legten feierlichst Verwahrung gegen solches Vorhaben ein. Die uns erhaltenen Aussprüche darüber von Seiten der angesehensten Gesetzeslehrer lauten: „Und es sollen dir diese Worte sein, die ich dir heute befehle, in deinem Herzen (5. M. 6, 5 I, d. h. daß sie dir nicht Vorkommen gleich einer alten Lebensweisung, tim die man sich nicht kümmert, sondern wie eine neue, der Alle znlanfen;" „die Thora, das Gesetz, tvnrdc nicht auf Bedingung gegeben;" „die fünf Bücher der Thora werden nicht aufhörcn;" „sie ist nicht im Himmel (5. M. 80, 2), d. h. daß du nicht sagst, ein anderer Moses stand auf und brachte eine neue Thora vom Himmel, ich bezeuge dir, daß von derselben nichts im Himmel übrig geblieben;" „das sind die Gebote, die Gott durch Moses gegeben (8. M. 84, 27), daher darf kein Prophet von da ab ein neues Gesetz schaffen." Ferner: „Wer das Joch des Gesetzes von sich wirft, den Bund zerstört und gesetzwidrige Gründe des Gesetzes offenbart, hat keinen Antheil an der künftigen Welt;" „wer die Sabbathe entweiht, das Fest geringschützt, den Blind Abrahams zerstört, seinen Nächsten öffentlich beschämt, unrichtige Schriftauslegung giebt, hat, sollte er auch Thorakenntnisse und gute Werke haben, keinen Antheil an der künftigen Welt." Die spezielle Angabe der Sabbathe, der Feste re. in diesem Ausspruch war wahrscheinlich gegen das paulinischc Christenthum, wo dieselben als aufgehoben erklärt wurden, gerichtet. (Schluß folgt.) U Spinoza, Herr von Hartmann und der Antisemitismus. Zur Abwehr. Von Dr. M o r i tz B r a s ch. Wäre ich ein Freund pathetischer Redeweise, und würde ich die klnngreiche Fülle des oratorischen Satzbanes lind den Reichthum üppiger Metaphern lieben, so würde ich jetzt etwa in folgender Art beginnen: „Ein schweres Verbrechen, eine unerhörte Missethat ist begangen worden. Der nicht unbekannte Enkel hat seinen glorreichen Ahn erschlagen. Diese schauderhafte Unthat ist aber ganz plötzlich, in einem Anfall jenes Hyperteutonismus geschehen, welcher leider seit mehr als einem Dezennium in Deutschland epidemisch geworden ist, und der seitdem schon so manchen leidlich klaren Kopf verwirrt und so manches unfreiwillig tragi-komische Litteraturprodukt zu Tage gefördert hat." So etlva mürbe ich sprechen, wenn ich Pathctiker wäre, da ich aber diesen Stil nicht liebe, so sage ich ganz einfach: „Herr Eduard von Hartmann hat eine schwache Stunde gehabt und sich gar sehr — blamirt. . ." Nun, ist dergleichen dem Berliner Philosophen des Unbewußten nicht schon öfter passirt? höre ich nianchen meiner Leser fragen. Allerdings! Aber die jetzige Blamage ist eine ganz besondere, sozusagen eine exquisite. Zunächst möchte ich jedoch das genealogische Verhältnis; zwischen Urahn und Urenkel feststellen: Baruch Spinoza oder, wie er sich selbst in seinen lateinischen Schriften nennt, Benedict ns Despinosa, der große Denker von Amsterdam, hatte keine direkten wissenschaftlichen Leibeserben hinterlassen. Der von der Synagoge cxkommunizirte und von der Kirche gehaßte') philosophische Freigeist hatte bei seinem im 45. Lebensjahr erfolgten Tode weder Schüler noch Anhänger. Einige seiner wissenschaftlichen Freunde, wie Dr. Ludwig Mayer, de Vries, Oldenburg.». A, nannten sich vorsichtig „Cartesiancr". Erst hundert Jahre später waren es drei deutsche Dichter: Herder, Lessing und Goethe, welche auf den verborgenen Schatz des vergessenen Denkers hinwiesen. Es meldeten sich auch bald zwei junge Männer, welche die Kühnheit besaßen, in die Tiefe hinabzusteigen, um den kostbaren Schatz zu heben. Sie waren vom Schwabenlandc hergetoinmen, Beide waren protestantische Theologen vom Tübinger Stift, zwei gute Köpfe, der Eine, halbwegs Dichter, ein platonisirendcr ') Man denke an Fenelon's Angriffe im ,,Les erreurs de Spinoza“ oder gar an die Schmähschrift .,De Iribus impostoribus inagnis“.