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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
Seite 564 (sequence 4)
Language
German
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564 die Funktionäre, wie dies erst jüngst rücksichtlich der Wahl eines? solchen der Fall war: kurzum in Allem und Jedem die vollste : Autonomie — bis aus den Lackel der Gemeinde, der immer zu! Hilfe gerufen wird, wenn die eigenen Mittel nicht ausreichen, die; Kostspieligkeit solcher Sonderbestrebungen zu bestreiten. Eine eigene Darstellung in dieser Richtung würden die Bauten von Vereinsbethausern verdienen. Als das Ansehen und die Würde der Gemeinde geradezu untergrabend und arg kompromittirend erweist sich eine andere Gattung von Vereinen, die seit einigen Jahren wie die Pilze aus der Erde schießen. Unter verschiedenen Namen ins Leben tretend, haben sie zumeist keine andere Tendenz, als in Wahlzeiten dein Agitationszwecke sich zu widmen, sie stehen zu dem modernen Streberthume in dem Verhältnisse wie Ursache imb Wirkung. In bem Bewußtsein, Hinauf agitatorischein Wege zum Ziel gelangen zu können, bildet die Menge der Streber das Mitgliederkontingent dieser Vereine. In der Zusammensetzung sowohl wie in ihreni Vorgehen sehen sie ben Antisemiten-Vereinen ähnlich, wie ein Ei dem anderen; delngemäß ist auch der Effekt, den sie nach außen erzeugen, ein ebenso verderblicher, ivie j derjenige der Antisemiten-Vereine. Schon ist es dahiil gekoliinieii,! daß die Besserei! und Einsichtsvolleren, angewidert von bem Treiben; der Vereine, sich von jeder Theilnahme an dem Gemeindelebeil feriij halten.; Diese Vereine haben auch das mit ihren Vorbilderii gemeiii, ' daß sie lediglich der Reaktion 31t dienen bestrebt sind. Bezeichnend j hierfür ist es, daß der hinter dieser Beweguiig stehende Hauptacteur die Zeit schon für gekommen hält, die Vorstandskandidaten aus dein Lager der orthodoxen Lelnnann'schen Schule zu rekrutireii. Der gegenwärtige Geineindepräses, ein durch und durch korrekter daß diese ErscheiiUliig in ihrem intensiven und extensiven Charaktn sich liicht dadurch aus dem Wege schaffen läßt, daß eine Korporation, wie der Kultusvorstand, in Form von Vorstellungen und Memoranden gegeii ihn zu Felde zieht. Das Schwergewicht des Antisemitismus liegt in feinem Politischen Charakter und ist deshalbnücht leicht ver rückbar. Wenn von ben seitens einer israelitischen Kultusgemeinde zn unternehmenden Schritten irgend ein Erfolg zu erhoffen wäre, so iß es im besten Falle der, daß exeessive Ausschreitungen hintangehalten werden; der Antisemitismus selbst wird aber hierdurch nun und nimmer in die Seele getroffen werden. Erst mit dein Verlöschen seines politischen Lebensodems wird er verenden. Den Gernegroßen, Marktschreiern und Quacksalbern, an denen unsere Zeit hüben und drüben überreich ist, dienen aber solche kritische, jeden Lichtblick verdunkelnde Erscheinungen als willkommene Gelegen heit, ihre Absichten und Zwecke zu erreichen. Im Trüben fängt man nicht nur leicht Fische, sondern auch — Wähler. Mit dem Feigen blatte scheinbar sittlicher Entrüstung suchen diese Leute die Blößen ihres wahren, ureigenen Charakters zu decken. Die falschen Propheten aller Zeiten sind in ihrer Methode gleicli geblieben. Dein Sohne Jerubaals gleich schüren, wühlen, Hetzen sie, führen, wie Bileam, die süßesten Worte im Munde, suchen, wie dieser, durch wohlgesetzte Redensarten das Volk zu bethören und — bethören es. Das quid docet der Fabel Jotham's legen sich die Wenigsten zurecht. Mundus vnlt decipi. In dieser Weise zeigt sich der Zusammenhang, welcher zwischen den Vorgängen in unserer Gemeinde und denn Autisemitisnuis vor Händen ist. Damit die Kongruenz vollkonunen sei, treten auch in einer an deren Beziehung bei uns Erscheinungen zu Tage, die als Reflex jenes anzuseheu sind, welche wir im Kreise der Antisemiten lvahrzunehmen und überzengungstreuer Manu, ist leider schon vermöge seines hohen Alters schlver in der Lage, dieser Hochfluth anstürmender revoltirender Elernente erfolgreichen Widerstand zu leisten. Nicht daß es ihm an dem Willen und Muth hierzu fehlte, was vermag aber der tapferste General, wenn die nöthige Heeresfolge ihm nicht zu Gebote steht! Es wäre aber eine arge Verkennnng der Verhältnisse, wenn man in denselben nichts weiter als eine lokale Erscheinung erblicken wollte; ich merbe in meinem nächsten Schreiben Gelegenheit haben, auf die Bedeutung hinzuweisen, welche diese traurigen Zustände sür das Judenthum im AUgenieinen und die österreichische Judenschaft im Besonderen in sich schließen. 11. Es ist unleugbar, daß zwischen den in unserer Gerneinde sich abspielenden Vorgängen und dem wie Mehlthau jede Blüthe edlerer Empfindung vernichtenden Antisemitismus ein gewisser Zusammenhang besteht. Mag man auch in optimistischer Auffassung dem Antisenlitismus nur eine vorübergehende Dauer prognostiziren, so wirkt er doch während dieses angeblich episodischen Regierens so zerstörend auf Gesittung und Ordnung, daß es kaum Wunder nehlnen kann, wenn die von ihm zunächst so schwer und hart mitgenommenen Kreise fast bis zum Paroxismus fieberhaft erregt sind. Aber der Paroxismus ist der Vater von Wahnvorstellungen; und eine solche ist im gegebenen Falle diejenige, daß es an dem Vorstande der Kultusgemeinde liege, die Geister des Antisemitismus zu bannen. Jeder ruhig und objektiv Denkende bedarf keines langen Nnchsinneus, unl die Hinfälligkeit und Nichtigkeit, ja die Absurdität einer solchen Meinung zu erkennen. Ob der Antisemitismus künstlich hervorgerufen wurde, wofür nicht unerhebliche Anzeichen und Merkmale sprechen, oder ob der kontagiöse Stoff zur Hervorbringung von moralischen Krankheiten in der Zeit selbst gelegen, gewiß ist es, täglich Gelegenheit haben. In bedrängten Tagen fanden sich sonst die Juden geeinigt und sich dessen bewußt, daß in dem Zusammenhalten die Kraft zur Al" wehr gelegen ist; nunmehr wird nach Art der Antiseniiten in da- Gemeindeganze der Keil arger Zwietracht getrieben und allenthalben Spaltung und Zerklüftung hervorgerufen. Wurde sonst mit ängsu lichem Nachdruck darauf gesehen, daß jüdische Angelegenheiten nickn sozusagen auf öffentlichem Markte verhandelt werden, lvird jetzt midi antisemitischem Muster in Gasthäusern oder ähnlichen öffentlichen Lokalen die Tribüne aufgeschlagen, von der herab die Volksberücla in Schlagworten — bei uns in Wien „Schlager" genannt — Hm segenverheißende und heilverkündenden rhetorischen Erpektorationeii halten. Nichts war ehedem so verpönt, als die Ehre und das Ansehen des Glaubensbruders vor den Augen der Oeffentlichkeit Hemd zusetzen; nun aber wird in treuer Nachahmung antisemitischer Krakehln kein Anstand genommen, Verleumdungen und Verdächtigungen mm zustreuen gegen denjenigen, der einem im Wege steht. Galt es frülrn die Zusannnensetzung des Vorstandes, so lenkte man die Wahl mH „Männer voll Biederkeit, Gottesfurcht, Wahrhaftigkeit und Uueigeu nützigkeit"; heutzutage aber wird nach antisemitischer Gepflogenlrn Jeder für gut genug gehalten, am grünen Tische einen Sitz einzu nehmen, der mitzählt zu dem Chorus der schreienden Menge, nid) arm und rigoros in Versprechungen ist, der es versteht, der eigen« Lobredner zu sein, der auf die utlinm mtio. auf seinen Geldiac hinzuweisen in der Lage ist. Von dem Terrorismus, der bei da Wahlen selbst geübt wird, ist gar nicht zu reden. In dieser Richlun« glaubt man gerade in die Horde der Antisemiten gerathen zu sein Wer Wind säet, kann nur Stürme ernten. Bereits macht nd die Wirkung dieser Vorgänge in empfindlicher Weise geltend. Tc Präses der Kultusgemeinde, kaiserliche Rath Arminia Cohn, i)«1

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