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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
Seite 562 (sequence 2)
Language
German
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wie viel man mid) im Einzelnen all ihr auszusetzen haben ulöge, i ein großer Segen für das Judmthum gewesell ist. Geiger besaß! das feste Fundament gediegener Gelehrsamkeit, dadurch verschaffte; er sich überall Respekt, seine Gegner fürchteten ihn, aber sie konnten ihn nicht verachten; er lvar kühn, energisch und rücksichtslos; ergriff fest zu, uln den Schutt, der auf unfern religiösen Einrichtungen . hoch anfgeschichtet lag, zu beseitigen; zarte Schonung des alten Herj kommens lag so wenig in seinem Naturell, wie in feinen Absichten; es war eine weife göttliche Fügung, daß ein solcher Zerstörer, der auch ein Befreier und Erlöser gewesen ist, sich erhob und mit vielem : Veraltetem aufrüumte. Aber hier paßt das Wort des Kostetet: Es ist eine Zeit zum Niederreißen, es ist eine Zeit zum Aufbanen. Nachdem Geiger einige Jahrzehnte am Werke gewesen, lvar es Zeit, daß er voll einem Manne abgelöst wurde, der nicht lvie Geiger nahezu alles Alte sogleich für veraltet hielt, fonbern mild und vorsichtig die übernommenen Einrichtungen prüfte, und wenll es angillg, sie für die Gegenwart zu retten versuchte. Für diese Friedensmission lvar Joel vorbereitet, zuerst durch die Eindrücke des Elternhauses, fodawl durch den Verkehr mit M i ch a e l S a ch s . der auch über das altjüdische Wesen den romantischen verklärenden Hauch des Dichters ausbreitete, und hierauf durch das inllige Zusammenleben mit Zacharias Frankel, der bei allen starken kollservativen Neigungen, die er persönlich hatte, feine Neuerung zurückwies, die das Zeitbewußtsein gebieterisch heischte uild die mit der geschichtlichen Eutwickelullg des Judenthums sich irgendwie vereillbaren ließ. Joel hat voll feinem Später gern geredet; dieser Vater, der gleichfalls Rabbiner gewesen, genoß in der Provinz Posen den Ruf eines großell Talmudisten, eines guten Predigers, eines tilgen, liebensj würdigen Mannes. Eine Anekdote, die der Sohn oft von ihn:! erzählte, lvird vielleicht besser von chm zeugen als eine lauge j Schilderung. I Der würdige Mann aultirte in einer Stadt, in der er vielen Verkehr s mit Talmudgelehrten, aber nur karges Brod hatte; er wurde nun! nach einer Stadt berufen, die ihn: ein besseres Einkomlnell bot, in I der aber der Talmud welliger gepflegt wurde. Ta schickten feine! talmudkundigen Freunde, die sein Scheideil beklagteil, all einem Sabbathnachmittag einen wackeren Handwerker zu ihm hillauf, der ihlu Folgendes vortrug: In den Sprüchell der Vater heißt es: Rabbi Jose, der Sohn Kisma's, sagte: Einstlnals gillg ich auf dem Wege, da begegnete mir Jemand, der lnich begrüßte und mich fragte: Rabbi, woher bist bn, und ich sagte: aus einer Stadt, reich au Weisen und Schriftgelehrten. Da sagte der Frenlde: Rabbi, ziehe zu uns, und ich! gebe dir viele tausend Golddellare ulid Edelsteine und Perlen. Aber ich sagte: giebst du mir auch alles Gold der Welt, ich wohne nur in I einem Orte der Thora; und nun meinte der Handwerker vorwurfsvoll, will llnser Rabbi die Stadt der Thora verlassen, um die Stadt; des Reichthums aufzusuchen. Aber der schlagfertige Mann kani nicht 1 in Verlegenheit; ja, sagte er, zu R. Jose, dem Sohne des Kisma,! kani der Verführer, lvie es ausdrücklich heißt, auf denn Wege, wo , er allein lvar; wäre er im Hause 311 ihm gekommen, wo Weib nnb j Kind auch ein Wort mit dreinzureden haben, die Alltwort Hütte! anders gelautet, geradeso wie bei mir, daß ich dorthin ziehen luuß,! wo mein Haus besser versorgt ist. Offenbar war int Vater die; Eigenart des Sohnes vorgebildet, allch der milde Hlllllor, der die bittere Pille, die nicht erspart werden kalln, wenigstens versüßt. Aber Joel hat nicht mir zu den jüdischen Gemeillden, er hat durch seine Schriften auch zu den Gelehrten geredet; er hatte in Folge seiner Bescheidenheit ein seltsames Mißtrauell in seine von Alldern mit Recht so hochgeschätzte Kraft; gerade deswegell ist ihm da^ Höchste gelungen. Als vor fast vier Jahrzehnten der selige Sellliuardirettor Frankel ihll dazu ermunterte, mit selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten an die Oeffentlichkeit zu treten, meinte er zaghaft, er sei dazu nicht befähigt und nicht berufen; als aber dann der selige Frankel mit seinen Bitten llicht nachließ, sind Arbeiten von dauerndem Werthe elltstandell. Und der Erfolg, die begeisterte Zustimmung seiner Gemeinde, jüdischer und nicht jüdischer Gelehrten, haben ihm die köstlichste Zierde seines Charakters, seine Schlichtheit und Bescheidenheit, llicht geraubt; er tonnte es nicht recht verstehell, was denn die Menschen an ihln so Besonderes fanden, mld mau kann auf ihn das Wort Goethe's auwelldell: „Er sucht bescheiden auszuweichen mld thut, als gab' es seiuesglelchen." Das gegenwärtige Israel hat seinesgleichen kaum; wo ist der religiöse Redller, der, wie Joel, die erhabellstell Gedanken schlicht, klar uild nlarkig, daß Jeder sie verstehen tarnt, auszudrückeu vermag, der volksthümlich redet, ohne je trivial zu werden, wo ist Eiller, der so viel der seltenell Fähigkeiten in sich vereinigt, der als Gelehrter durch die Strenge der Methode, die Fülle des Wissens, die Klarheit der Darstelluug mld vor Allem durch die Originalität der Gedanken die Zustinlmullg geradezu erzwingt, der, menn unsere Religion oder unsere religiöse Gemeinschaft Unglinlpf erführt, so treu mld wahr, so gewandt und eilergijch den Gegner zurückweist? Wie es voll Abraham heißt, so hat der Heimgegangene sJJieiftev, so lange er rüstig war, jeden Tag seines Daseins wahrhaft gelebt und zu seinem Heile und zmn Heile Israels verwendet. Wandeln wir in feinen Spuren, seien wir allezeit Lernende, Strebende, wie einst der Prophet Elia feinen Jünger Elisa mahnte, trachten wir darnach, den Meister zu sehen, auch llachdenl er voll uns genonllnell ist, nad) seinem Bilde uns zu bilden; und Geist und Herz suche den Einklang der alten Lehre mit dem Leben der Gegenwart. „Gott hat Acht auf die Tage der Edlen luld ihr Erbe hat ewige Dauer." U Der Erlaß de? Großherzogs von Hoffen. A. B. Berlin, den 9. November. Aus demselben Theile des deutschen Vaterlandes, welcher noch jüngst den tralirigell Ruhm genoß, der Hauptsitz des konfessionellen Haders zu sein, tonlmt eine erfreuliche Kunde. Wie bereits für’ gemeldet, hatte der Großherzog von Hessen ain A. Oktober eine Anzahl von Deputaten der größeren israelitischen Genleindell seines Landes eulpfallgell, um deren Klagen über die Ausbreitung des Alltiseillitislllus entgegen zu nehmen, lieber das Resultat dieser Audienz giebt das nachfolgellde, in der amtlichen „Tarmstädter Zeitung" veröffentlichte Schreiben des hessischen Staatsnlinisters Finger Nachricht: „Auf die von den Teputirtell der israelitischeu Gemeinden vm Darillstadt, Gießen und Mainz nlündlich und schriftlich all Seine königlische Hoheit den Großherzog gerichtete Vorstellung betreffs der antisemitischen Bewegullg im Großherzogthmn habe ich Elv. Wohlgeboren im Allerhöchsten Aufträge das Nachstehende zu eröffnen: Von den seit einiger Zeit in mehreren Theileu des Groß Herzogthums ftattfinbenben, von allsten hereiugetragenell, gehässigen Anfeindungen Allerhöchst Ihrer israelitischen Unter thanen haben Seine königliche Hoheit der Großherzog mit Bedaueru Kenntnis; genommen. Se. königliche Hoheit mißbilligen diese! bell auf das Erllstlichste und erwarten von dem sonst

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