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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 13. November 1890. 54. Jahrgang. Nr. 44. Allgemeine eitung des Dudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 13*- Ludwig Philippson-Nonu. Verlags-Trpeöition: Berlin, Zerulalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Leitartikel: Dr. M. Joel. Bon Dr. B. Rippner. —! Ter Erlab des Großherzogs von Hessen. Von A. B. — Wiener Briefe.! Wissenschaft und Litteraturr Ueber die Fortdauer des mosaischen Gesetzes.! Von Dr. I. Hamburger. — Spinoza, Herr von Hartman« unb der Antisemitismus. Von Dr. Moritz Brasch. — Feuilleton: Der unbekanllle Gast. Von Eduard Kulte (Fortsetzung). — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin! Breslau, Lüneburg, Bruchsal. Mailand. London. Petersburg, Gotbenburg. ~~! Bon Nah und Fern. — Miscetten. > i C8ebM)tnißvebe, gehalten am 8. November in ber Synagoge zu (Slogan. Von Rabbiner Tr. B. Ripp »er. Das hellt vernommene Schriftwort enthält die Erzählung von b:tu Heimgang Abrahams, unseres Erzvaters, und dieser Bericht beginnt mit den Worten: Dies sind die Tage der Lebensjahre des Abraham, die er gelebt hat. Es giebt so manches Menschenleben, das man kaum nach Jahren zähien kann, weil auch die Jahre inhaltslos sind, weil sie leer bleiben an guten Werken, weil sie nutzlos sind zur Förderung des allgemeinen Wohls, und hin und wieder giebt es ein gesegnetes Menschendasein, in welchem jeder Tag einen Fortschritt bedeutet zu immer reicherer Entfaltung von Weisheit, Wahrheit und Menschenliebe. Darum neidet die Schrift von Abraham: Dies sind die Tage seiner Lebensi ihre, die er wirklich gelebt hat, in denen er kein Scheindasein geährt hat. Die alten Weisen sagen, auf Abraham passe das Wort des Sängers: Gott hat Acht auf die Tage der Edle», und ihr Erbe j hat ewige Dauer. Das ist das Kennzeichen eines wahrhaft großen j und sittlichen Charakters, daß er nie glaubt, genug geleistet zu haben, und nur die Werke solcher Männer haben Dauer und Wirkung ans i die Nachwelt. In dieser Woche ist ein großer Meister in Israel auS dem Leben geschieden, der, weil er länger als drei Jahrzehnte in der Hauptstadt! unserer Provinz getvirkt hat, zu vielen Mitgliedern unserer Gemeinde in Beziehung getreten ist, der tvegen seiner allgemeinen Bedeutung j für das Judenthum es verdient, daß wir hier im Gotteshause ein Bild entwerfen von dem, was ec erstrebt, und von dem, was er geleistet hat; der vor Allem des Vorzuges sich rühmen durfte, daß er, so lange er rüstig war, jeden Tag an sich und für Andere gearbeitet hat, Dr. Manuel Joel war ein großer Lehrer in Israel, auch darin groß und vorbildlich, daß er selbst von Tag zu Tag gelernt hat und an Erkenutniß gewachsen ist. Als er beim Beginn seiner Thütigkeit in der Haupstadt unserer Provinz in der Synagoge des dortigen Rabbiner-Seminars predigte, fanden feine gehaltvollen religiösen Reden Beachtung und Anerkennung; aber wie sehr nmchs seine Kraft, als er auf die Kanzel einer großen Gemeinde gestellt wurde; er wurde heimisch ans den Höhen des Geistes und i» den Tiefen des Herzens; er war nicht nur der Lehrer, er war gleichsam auch der Schüler seiner Gemeinde; durch sein inniges Emleben in die Seele der Gemeinde erweiterte sich fort und fort sein Berständnts; für das, was die Zeit ans dem Gebiete der Religion fordert: so wurde er der Prediger, der dem religiösen Bewußtsein der Gegenivart einen so tiefen und wahren n»d doch allgemein verständlichen Ausdruck gegeben hat. So viel und gründlich er dachte, niemals war er mit seinem Denken fertig und abgeschlossen; ja, seine Demuth war seine Größe; weil er bis zum Abend seines Lebens ein Strebender gewesen ist, weil er seine Meinung nicht aufdrängen, sondern nur durch klare Bernnnftgründe wirken wollte, weil er nur aussprach, wovon er selbst durch immer wiederholtes Forschen eine immer tiefer gegründete lleberzeugmig geivoinien hatte, hat er die ganze Gemeinde um sich gcschaart und so viele indische Theologen in allen Landen sich zu Jüngern erworben. Tie Aufgabe, als Nachfolger Geigers in BreSla» zu wirte», war schwer genug. Der Breslauer Gemeinde ist es vergönnt gewesen, in dem letzten halben Jahrhundert die beiden Männer als Rabbiner zu besitzen, die den nachhaltigsten Einfluß ans die Gestaltung des jüdisch-religiösen Lebens der Gegenwart geübt haben: Geiger und Joel. Wer nicht zur Zeit, als Geiger in Breslau Prediger rvar, selbst dort gelebt hat, kann sich kaum eine Vorstellung machen von der schwärmerischen Hingebung, die dem Vorkämpfer der Reform zu Theil getvorde» ist; wie ein Prophet wurde er geliebt, verehrt, gefeiert. Aber zu diesem Hellen Lichte gesellten sich düstere Schatten; der kühne Mann hatte auch fanatische Gegner, die Kluft zrvischen den Parteien schien weit größer, als sie in Wirklichkeit war; persönliche Feindschaften erbitterten die Gemüther. Niemand, es sei denn, daß er mit seinen religiösen Ideen noch ganz im Ghetto lebt, wird leugnen, daß die Arbeit Abraham Geiger's,

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