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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-06 · Heft 43 (6.11.1890) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 43 (6.11.1890)
Date
1890-11-06
Page
Seite 557 (sequence 9)
Language
German
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657 gezeichnet. mit treuer Fürsorge bewahrt. ES sind ^twa'120 Briefe, | die nieisteii ansie selbst gerichtet, voll frohe.r Laune. voll voii glück-! lichcm.Humor, aber auch voll von bitterem SarkaSmuS, voll von , ticfcrr Verstimmung und brcnnendenr Schmerz, je nachdem die Verhältnisse und Lebenslagen waren, in welchen der Dichter sich an seine Schwester gewandt hat.. Wie ein Hciligthnm thronte die Liebe z»! dieser Schwester in seinem Herzen, und keine Pcrstimnnnlg vermochte sic daraus zn reisten. . Als sich die beide» Geschwister im Jahre 1.&W wiedersnhen, ei»-! pfänden sie Beide eine tiefe und innige Freude. Bei dieser Gelegenheit machte Charlotte die Bekanntschaft pon des Bruder? Gattin Mathilde und suchte auch mit dieser, so weit dies bei den verschiedenen Charakteren möglich war, ein liebevolles und freun'dlichcs Einvernehmen hcrznstellen. In den trüben Tagen, welche dieser Reise folgten. als der Dichter mit' seiner Familie wegen' der Pension sich entzweite, war Charlotte eine Irene VeriNittleri». Aber es gelang ihr diesmal " nicht, wie früher so oft, den gewünschten Frieden wieder herznstellen. Rur noch-einmal sah sie ihren.Bruder wieder; es war im Winter des Jahres 18T>r>, zwei.Monate vor.seinen» Tode. Ter Dichter lag schwer leidend in seiner,,.Matrahengruft'', da trat Charlotte bei ihm ein. Sie litt wahre Lnalen bei dieser-Züsammkutnnst, es war ihr hcrzzerbrrchend, ihren Bilder, den einst so schönen und lebensfrohe» Mann, so abgemagert »mV hilflos nvicderznfindkN. Und doch halt« die starkgeistige Frau die Kraft, ihm-diesen Eindruck zu verbergen. „Sie thätAlles.,-'um seine Leiden zu erleichtern, sie er- : lieth seine Wün^, eheXr sie äußerte, sic errieth seine Gedanken, und beide wahlv/rwandten Seelen verstandensich, auch ohne zu sprechen. Er fühlte die Rühe seiner Schwyte'r« wenn er regungslos , und mit geschlosicncn Augen Üasaß."So erzählt Charlotte's Tochter, die' Fürstin de la Rocca... Und als. Charlotte abreiscn wollte, bat sie! der Bruder, nach einige Zeit zu bleiben.' " ,,Charlotte, »pir- »uerbcit uns üicht -wieder sehen!" wirderhölte er beständig. Tie Schtvester - versprächt im Frühjahrwicdcr znloni»ien; dic Tre-nnnng wari-eitle «iefschmerzllche, »tlid als das, Frühjahr kam, da dccktk/die feuchte Erde des.Bruders Grab, 7 - - v-y- -■ .:'••■■■ -■> Charlotte von Embdc» ist seit dein Jahre IMi Witlwe »nid lebt nur noch ausschließlich dcii Erinnerungen an ihren großen Bruder. Ein liebevoller, vortrefflicher Sohn.' Ludwig Freiherr v. Embdcn. laut testamentarischer Verfügung der Herausgeber des litterarischen Nachlasses vöv Heiner widmet , ihr die zärtlichste Sorge. Tlnd drei glücklich verheirathete Töchter — ns Neapel, London und Berlin -- schmücken ihren Lebensabend. Noch: heute-in ihrem ncimzigsten Lebensjahre hat sic etwas von der AyniUth ihrer Jugend.. Schwehknden Schrittes, rascher als inanchcs suiige Mädchen, eilt sietdürch^ die Zimmer. Wenn sie in ihre Erinnerüngen sich vertieft, erglänzen ihreAngcn in. jugendlichem Feuer. Sie kann stündcnlang'sprechen, ohne sich zu erschöpfen,, bis ihr treuer Sohü und wahrhaft hingeblingsvoller Pfleger Ludwig sie daran erinnern muß, sich zu schonen. Auch etwas von dem. Sarkasmus, von dem scharfen Witz des Bruders ist - ans sie. übergegaitgrn. In-ihre» jnngen Jahren war das Cmbdcn'sche Haus ein Mittelpunkt edelster Geselligkeit, wo Karl Gutzkow. Franz Liszt. Ludwig Wihl, Feodor Wehl, K. Töpfer, die Familie Aising Therese v. Bacharacht oft und gern verkehrte». Charlotte entzückte damals wie heute — an der Schwelle des neunzigsten Lebensjahres alle Besucher durch ihren regen Geist-,, der sich^ fjir alle Fragen der Litteratur und.Politik interessirt; durch ihren Witz und ihre LiebensX Würdigkeit. Die Stunden, welche ich im Hause der liebenswürdigen ' Greisin verlebt habe, werden mir unvergeßlich bleiben. Ihre Cr- : zahlungen aus dem Leben Heines sind die beste Biographie des I ^Dichters und charatterisire» sein Leben nnd Schaffen'eindringlicher! als die gelehrtesten ästhetischen Biographien, über dir Frau Charlok! gelegentlich auch mit. einem scharfe» Witz sich lustig zu machen ver^ steht. Für mich ist, da ich diese Zeilen schreibe, immcntlich eine ihrer Erzählungen von besondere»! Interesse, deren Eindruck mir, niemals schwinden wird. Auf metne Frage nach dem „Rab bi von Bächa rach" ctzühltd! mir Fra» Charlotte zum ersten Mal, das; das Werk keineswegs wie die meisten Biographien annchmeu, ein-Torso gewesen, sondern! daß Heine dasselbe wirklich vollendet habe!! Der Hamburger Ttinpclpredigcr Tr. Gotthvld Salomo», dessen Heine wiederholt in seinen Briefe» gedenkt. habe den-Roman gelesen »nd ihn als das; beste Bild' altjüdischen GhettolebcnS mit warmen Worten gepriesen! Bei deingroßen Hamburger Brande im Jahre 18-12 aber, ging dies« Novelle wie alle, übrigen Schöpfungen ans des Dichters Jugend Periode leider iii Ftannnen auf."Cr selbst schrieb! darüber an Lndivig. von Enibden: , daß meine Manuskripte und Schriften ein Ran der Flammen geworden, ist mir ein unersetzlicher Vertust. Diese' Mannskripte, enthielte» die Produkte 'meiner ersten Jngendkrafl. irii nie werde ich wieder so schreilv» können. Ich wollte sic liegen laffcn. um später, wenn meine GeisteSsrische abnehtnen sollte, was bei »leine' geschwächten Gesundheit nicht unwahrscheinlich ist. von diesem Käpital in meine» alte» Tagen zu zehren."! , N Betth Heine, die Mutter des Dichters, wohnte damals aus der Neuen Wall,-weit von''dem Herde des Feuers, das sich aber i» desi folgenden Tagen immer weiter ausdelmte. Sie siedelte nun zu ihm Tochter Charlotte »ach der Thcatersiraße über. Dort.-Iag sie eiiw Tages schlummernd^aus dem Sopha, als plötzlich die Boniie dt' Kinder schreiend in das Zimmer trat: „Madame. das- Fener ha! den Neuen Wall erreicht, wenn Sie noch etwas rette» >volle».' i»üster Sic sich beeilen!". - . - - ' ' s „Harni's Papiere >nüffe» iiHSichcrheit gebracht iverdtil." -r wiederte die-alte Frau rasch. „Skr sind in eine Kiste verpmkt, Ä in meinem Schlasziinmer unter' einem Schrgnl steht. 1 Ich . nnr selbst hiii." ' '! ' - " - - . Aber Charlöttc wollte dics^nicht zugebeu, Dhuc dig Gcsahr z»j ahneiX der sie sich anssetzte, eilte sie sofort nach dem Neuen Wal! mit dein Bersprechkii, die Papiere bestimnit zu bringen. . In wahrhaft dramatischer Weise erzählte nun dn„ greise. FW mir da? Folgeüde: wie sie glücklich an das Hawi->;efaiigt. da ets der untere Theil der Straße brenn», >vie sie die Wohnung.der Mnttv betritt, dort Alles erbrochen nn-et^nnd zwei wild äussehciide Rieiiicheff im Wohnzimmer bes. einer Flasche Wcin^antrifft. Dhiie. iie sn ächten, eilt sie flüchtig dahin, wo die Kiste mit den Papieren steh! Aber einer der Arbeiter ist ihr 'nnt einer Art gefolgt. 'Unerschroste! wendet sie sich;si ihm: „LchlageirSie Mir die Kiste ein!" Inch Hossining, darin Vostbarkeiten pv finden, folgt er bereitwilligst ihren! Befehl, ist ater sehr eiittänschh! nschlS als beschriebenes Papier in-,dri Kiste zu-sinden. Charlotte nimijit »v» das ganze Packet niit der Manuskripten, schnisrt^eS zuiamiiien »,,d eilt nach dem HaussinL Aber ehe sic die Siraße erreicht, hat sich die Szene plötzlich in rni! ietzlichcr Wkise/verändert. Das Feuer ist mit -rasender Schnelligkeil näl»r gcrückth ein furchtbarer Stnrnr^ist ihm voransgcrilt, und Fiinkenregen dringt auch iii dieses Haus ein. Jeder Widerftan! versnch ist unmöglich.-Ringsum das Gcpraffcl der Flammen, da Krachen der znsauimensllirzcndcn: Honscr. das Schreien »nd Ruß von Frauen und Kindern, Las! Fluchen der Loschntannschast,, \cif wildes Drängen und Stoßen, ein bewußtloses Durcheinander. Sn aber hält trampsl)ast das Bniidcl mit den Manuskripten ihres Brnde fest. Da wirbelt plötzlich cmc dichte Rauchwolke durch das H>nis. dt! Ailts^ zu ersticken droht, ein suntrnsprühe»dcr z!>schcii,rkgkn Versen

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