Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227868--47469-3268992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3 Frage, insofern die Zusammenfassung der aus der Entwicklung der heutigen Industrie mit ihren wirthschaftlichen und ethischen Nothständen,. wie aus dem erwachenden Selbstbewußtsein des sogenannten vierten Standes herausgeborenen Einzelfragen sich als eine Gesammtfrage nach der Berechtigung und dem Werth der gegenwärtigen gesellschaftlichen Organisation und Produktion darstellt, ist zunächst eine Frage der Nationalökonomie itnb ihre wissenschaftliche Lösung der Kirche unb ihren Dienern nicht beföhle!,. Das Hereinziehen der Kirche ist diese Fragen! trägt vielmehr die Gefahr in sich, die Kirche von der Höhe ihrer von! Gott gewiesenen Aufgabe, Trägerin und Vermittlerin des Himmelreichs j zu sein, herabzuzrehen, die Arbeit der Kirche vorwiegend dem Dienste j wirtschaftlicher, politischer, nationaler Interessen znzuwenden und sie! den Massen gegenüber im Lichte einer ihrer Entwickelung hinderlichen! sozialen Partei erscheinen zu lassen." — Es liegt auf der Hand, gegen! wen die Spitze dieses Leitsatzes sich richtet, wenn auch das Wort „christlich sozial" nicht genannt ist. Lublinitz, 25. Oktober. In der heutigen Sabbath - Rede gedachte Herr Rabbiner Dr. Friedmann insbesondere der Moltke-Feier, welche aus Anlaß des 90. Geburtsfestes dieses verehrten Heros' im deutschen Reiche und auch außerhalb desselben begangen wird. Recht interessant war es, daß der Redner in dieser Beziehung anknüpfte an den Plan, welchen der Patriarch Abraham gefaßt, als er zur Rettung seines Brudersohnes auszog und den Krieg begann gegen jene vier Könige, von denen die Bibel (1. Mos. 14, 1.) berichtet. Abraham fand den Plan darin, daß <1. Mos. 14, 15) „er sich gegen sie t heilte, er und seine Knechte, und sie dadurch schlug"; Auch der Feldmarschall Moltke hatte den Wahlspruch: „Getrennt marschiren. vereint schlagen". j Und wie jener siegreiche Patriarch darob vom Könige Malki-Zedek j (der Gerechtigkeit verherrlicht wurde mit den Worten (1. Mos. 14, 19.20): > „Gesegnet sei Abram vor dem höchsten Gotte, dem Herrn des Himmels i und der Erde. Und gepriesen sei der höchste Gott, der eingeschlossen > deine Feinde in deine Gewalt" - , so wird auch Moltke von seinem j Könige geehrt und gesegnet für seine Verdienste im Kriege und Frieden.! K Hildesheim, 26. Oktober. Als ein Zeichen, daß die B eHörden j nicht gewillt sind, dem antisemitischen Uebermuth Alles nachzusehen, mag folgender Vorfall dienen: Dem jüdischen Referendar; Benfeh, Sohn des in Hannover wohnenden Dr. Benfey, eines hochgeachteten Advokaten und Bürgervorstehers, wurde die Betheiligung an dem gemeinschaftlichen Mittagstisch der Herren Referendare und Assessoren nicht gestattet. Benfey beschwerte sich dieferhalb bei seiner Vorgesetzten Behörde und bat um Versetzung. Diesem Gesuche wurde nicht statt' gegeben - sondern die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten Böckelianer! sind in ihnen recht unerwarteter Weise von hier versetzt worden. j Es ist erfreulich, daß die Vorgesetzte Behörde gezeigt hat. daß sie den > Ansichten jener Antiserniten nicht huldigt. j # Düsseldorf, 27. Oktober. Der Antisemit Böckel machte auch i in unserem friedlichen Düsseldorf seine bekannten Hetzversuche gegen die! Juden. Während die meisten hiesigen Blätter die ganze Angelegenheit mit Stillschweigen übergehen, stimmen die übrigen in der schärfsten! Verurteilung des Treibens überein. Es ist überhaupt nur eine Stimme in der Bürgerschaft, daß dieser Phrasenheld vollständig Fiasko gemacht hat, daß die Rheinlande für solche Tendenzen ein sehr unfruchtbarer Boden sind. Da die Herrn Antisemiten wie die Diebe der Nacht heran-! schleichen, indem sie nicht durch Annoncen in den Tagesblüttern, sondern! durch Schreiben an die Mitglieder der „staatserhaltenden Parteien" zu der Versammlung einluden, so konnten erst in allerletzter Stunde Schritte zur Hintertreibung dieser Versammlung geschehen. Eine dieser Einladungen, die durch einen Zufall in die Hände unseres Herrn Rabbiners gelangte, veranlaßte ihn sofort, dahin zu wirken, daß wenigstens die städtische Tonhalle, das Gemeingut aller Bürger, zu einem solchen Zwecke nicht mißbraucht werde. Diese Anschauung wurde auch in den maßgebenden Kreisen gelheilt, doch gelang es nicht, wegen der vorgerückten Zeit, einen aufhebenden Beschluß herbeizuführen. Cg} ®e%npm, im Oktober. Am neunten Tischri d. I., dem Rüsttage des Versöhnungsfestes, wurde eine hervorragende Persönlichkeit in! dem Privatier Rabbi Selig Lewy zu Grabe geführt. Ein Sohn des j Rabbi Simon Lewy, des einstigen Rabbiners von Rogasen und Fordon,! ein Neffe und Schüler des N. Akiba Eger s. A., gab er sich dem Talmudstndium aus reiner Liebe von seiner Jugend an hin und lebte fast bis zum letzten Tage seines 85 jährigen Daseins lediglich der Wissenschaft und der Wohlthätigkeit. Auch hatte er es unternommen, die talmudische Litteratur zu bereichern durch Herausgabe von Abhandlungen, die sein sel. Vater verfaßte, unter dem Titel „Schaar Schimon". R. Selig Lewy hat sich nah und fern einen guten Namen erworben. Sein Haus stand allen Armen, allen Fremden offen, itnb in ihm wurden nicht wenige Waisenkinder erzogen, verpflegt und unterstützt. Von seiner menschenfreundlichen Gesinnung giebt auch sein „letzter Wille" Kunde, durch den nicht nur seine natürlichen Erben, sondern auch die verschiedensten Vereine und Stiftungen bedacht sind. Frankreich. <E Paris, 26. Oktober. Von dem Central-Komitee der Alliance israelite universelle geht uns das nachstehende Schreiben zu: „Ein Individuum, welches sich bald Dr. Mnnk, bald Albert Schweizer nennt und vielleicht noch andere Namen annehmen dürfte, und welches wahrscheinlich Komplizen hat, nimmt seit einiger Zeit in verschiedenen Ländern die öffentliche Wohlthätigkeit durch Veranstaltung von Sammlungen in Anspruch, deren Ertrag nach seiner Angabe zur Unterstützung bedrängter israelitischer Gemeinden dienen soll. Der Betreffende zeigt zu seiner Beglaubigung einen angeblichen Brief der Alliance israelite auf einem mit der Firma der Alliance versehenen Briefbogen vor. Wir bitten Sie, Ihren Lesern mitzutheilen, daß dieser Brief gefälscht und nachgemacht ist, ebenso wie der Briefbogen, und daß die Alliance Niemandem einen Brief der genannten Art gegeben hat oder jemals giebt." Großbritannien. * London. 27. Oktober. Gladstone hat an das „Jewish Chronicle" folgendes Schreiben gerichtet: Hawarden Castle, 15. Oktober. Ich habe mit Schmerz und Entsetzen die verschiedenen Berichte über die Leiden der Juden in Rußland gelesen. Die einzige Empfehlung, die ich geben kann, ist. daß die Zeitungen aufgefordert werden sollten, die Berichte zu sichten und die Thalsachen festzustellen und dann, wenn sie festgestellt zu sein scheinen, das Gewissen Rußlands und Europas in Betreff derselben aufzuwecken. Ihr ergebener W. E. Gladstone. U Von Nah und Fern. Der Grobherzog von Hessen und das hessische Staatsministerium haben am 29. d. M. Vertreter der hessischen Judenschaft empfangen und ihre Beschwerden betreffs der Antisemitenbewegung in Hessen entgegengenommen Ausführlicher Bericht folgt in nächster Nummer. — Englische Blätter lassen sich aus Berlin telegraphiren, daß zu einer von dem bekannten Hofprediger geplanten Pastorenkonferenz die behördliche Genehmigung verweigert worden sei, weil man zu einer neuen Hetze gegen die Juden keine Gelegenheit geben wollte. Hier in Berlin ist von einem solchen Verbot nichts bekannt geworden. — Die hebräische Zeitschrift „Hamagid" erscheint jetzt in Berlin unter Redaktion des Herrn Samuel Fuchs. Wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, Freunden der hebräischen Sprache dieses Blatt, welches bereits auf 33 Jahrgänge blicken kann, bestens zu empfehlen. — In jüngster Woche verschied plötzlich der Kantor Heimann Türk, früher beim Verein „Schochare Hatow", zuletzt bei der Gemeinde „Adath Jeschuruu" angestellt. — In der Synagoge für den Jugendgottesdienst in Breslau fand am Montag, den 29. September, Abends, im Anschluß an das „Fest der Gesetzesfreude" die Weihe verschiedener Heiligthümer statt, welche die Familie Sulke zum Gedächtniß einer theuren Dahingeschiedenen gespendet hat. Besonders tritt eine Tafel hervor, welche 1 m breit und 1,25 in hoch, von breitem Goldbarockrahmen umkleidet und von der Königskrone geziert, auf weißem Grunde in hebräischer und deutscher Sprache das Gebet enthält, das bei der wöchentlichen Sabbath-Liturgie für das Königshaus zum Vortrag kommt. Der Prediger, Herr Rabbiner Dr. P. Neustadt, wies bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß das Judenthum bei aller Verschiedenheit der religiösen Richtungen niemals Unterschiede gekannt, gelehrt oder geübt habe in Bezug auf Königstreue mld Vaterlandsliebe. — In Loslau (Oberschlesten) verstarb nach längerem Leiden im Alter von 78 Jahren Herr Elias Aufrecht, der Jahrzehnte dem Vorstand der jüdischen Gemeinde und vierzig Jahre lang dem Stadtverordnetenkollegium daselbst angehörte. Magistrat und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.