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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 42. ^^4 iöerlin, 30. Oktober 1890. HZeikcrge zuv „Attgemeinen Zeitung des Iuöenthums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X Berlin, 27. Oktober. Graf Moltke, der greise Schlachten lenker, hat gestern seinen neunzigsten Geburtstag unter jubelnder Bethätigung des ganzen deutschen Volkes ohne Unterschied der religiösen und politischen Parteien gefeiert. Auch wir Juden bringen dem edlen Heldengreise in Liebe lind Verehrung unsere ehrerbietigsten Glückwünsche dar. In der Neuen Synagoge hat Herr Rabbiner Dr. MaYba um beim Sabbathgottesdienst diesen Gefühlen beredten Allsdruck verliehen. Auch in allen andern Synagogen und in vielen jüdischen Schulen wurde der Ehrentag Moltle's gebührend gefeiert. Wir huldigen Moltke als deutsche Bürger, aber auch als Juden. Denn er hat stets den Gedanken der Humanität hochgehalten und war immer von der Idee der Gleich- > berechtignng aller Konfessionen erfüllt. Wo er in seinem thatenreichen Leben nur Gelegenheit hatte, diese Idee zu bethätigen, hat er es freudig und entschiedell gethau. Ein erhabener Denker, ist er von allen Vorurteilen frei imb hat im amtlichen wie im persönlichen Verkehr nie einen Unterschied zwischen den Bekennern verschiedener Religionen gemacht. Schriftsteller nub Künstler jüdischen Glaubens haben bei ihm stets sreundwillige Ausnahme gefunden. Es ist wohl bekannt, daß er! ll. A. Herrn Dr. Gustav Korpeles feine besondere Huld zugeweudet hat,! der vor Jahren Moltle's erstes Werk über Polen lind neuerdings seine! gesammelten Reden herausgeben durfte. Von den Künstleril jüdischer Abstammung sind Josef Joachim und Heinrich Grünfeld sehr oft Gäste des Moltke'schen Hauses. Meister Joachim spielt ihm au den Winterabenden ganz befonbev^ ausgesuchte musikalische Kompositionen vor.! Eine uralte Melodie hat sich aber dem greisen Feldmarschall ganz be-! sonders tief in sein Herz geschmeichelt. Es ist jenes weltberühmte Eingangsgebet zum Versöhuuugstage, jenes „K ol Nid re", das Lenau 311 1 einem seiner tiefempfundenen Gedichte begeisterte, dessen Weisen der unsterbliche deutsche Heermeister oft und mit ergriffenem Herzen lauscht.; Die rührende Weise, in welcher jenes Gebet gehalten ist, muß allerdings.! mit Joachims unvergleichlicher Kunst auf der Geige vorgetrageu. bis! ins Mark erschüttern. Etwas „Beethoven - Stimnnlng", um mit dem Kanzler zu reben, ist in dieser unendlichen Melodie; wir glauben wenigstens, daß zwischen dieser und der unendlich rührenden Weise, mit welcher Beethoven den Chorsatz in seiner Neunten einleitet, eine unverkennbare Gemüthsverwandschaft besteht. Nun, sei dem, wie ihm wolle. Es ist immerhin von Interesse, Zu erfahren, daß der Mann, der kalten Blutes während des kritischsten Augenblickes in der Schlacht von Königgrätz dem neben ihm zu Pferde haltenden NUilisterpräsidellten Bismarck sein Eigarreu - Etui anbietet, sich in die melodische Weise unseres Buß- ' gebetes so zu vertiefen vermag, daß er sich dieselbe oft und gern Vorspielen läßt. Dieser kleine Zug aus denn Leben des großen Mannes gehört auch dazu, um das geistige Antlitz desselben in seiner ganzen; physiognomischen Besonderheit und in seiner ganzen anziehenden Schärfe voll hervortreteu zu lassen. Wir schließen mit dem innigen Wunsche, j daß die Vorsehung das Leben dieses edlen Heldengreises dem deutschen Volke noch lange in ungetrübter Rüstigkeit unb Kraft erhalteil möge! j 5 Berlin, 21. Oktober. In der vorgestrigen geheimen Sitzung! der Reprüsentantenversammlung fanden die Ergänzungswahlen j zllm V 0 rstande statt. Zu wählen waren drei Stellvertreter, nnb die | Stimmen vereinigten sich, wie uns gemeldet wird, auf die Herren! Dr. jnr. Edmund L achmanll, Rechtsanwalt Dr. Heinrich Nt eher j Cohn und Rechtsanwalt Breslauer. Die Wahl wird nicht verj fehlen, in allen Kreisen der hiesigen jüdischen Gemeinde Befrledigung hervorzurufen. # Berlin, 28. Oktober. Vorgestern Abend hielt der Ailsschnß! des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes eine Plenar-; sitzung ab, welche, da eine mehr als 12 Punkte umfassende Tagesordnung j zll erledigen war, bis ilach Mitterllacht währte. Voll den Beschlüssen > ist namentlich die Annahme eines von dem Kuratorillm des Waisen-! Hauses zu Dinslaken gestellten Antrages hervorzuheben, nach welchem der Gemeindebund einem bisher sehr vernachlässigten Theile der jüdischen Armenpflege feine lhatkräftige Förderung angedeiheu lassen wird. Es j ist dies die Fürsorge für verwahrloste und uneheliche jüdische j Kinder. Das Bedürfiliß ist auf diesem Gebiete leider größer, als allgemein angenommen wird, und die zur Zeit in Deutschland vorhandenen jüdischen Waisenhäuser schließen aus statutarischen, wie aus pädagogischen Gründen diese Aermsten unter den Armen von ihrer segensreichen Thätigkeit aus. Lokal hat mail bereits Anstalten getroffen, diesem Nothstande abznhelfen Der in Breslall segensreich wirkende „Verband zur Erziehling israelitischer Waisen" nimmt sich dieser Klasse der Hilfsbedürftigen an, indem er sie in Familien unterbringt. Diese Thätigkeit loird fortan der Gemeindebund verallgemeinern. Es ist geplant, Vereine und) Muster des Breslauer Verbandes in größerer Allzahl ins Leben zu rufen, und auch in dem Bullde bekannt gegebenen Fällen selbst für die Unterbringung zu sorgen. g. Berlin, 24. Oktober. Der Centralverein zllr Vordere i t n n g der jüdischen G e m e i n d ew a hl e n begann gestern mit den statlltenlnäßigell Generalversammlungen des in 5 Sektionen eingetheilten Vereins in dem im Osten gelegenen Saale des englischen Gartens. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzendeil Herrn Leichteutritt hielt Herr Dr. Leopold Auerbach einen Vortrag über „Die Bedeutllng des mosaischen Offenbarungs-Glaubens im Judenthum." Das Judenthum habe wesentliche Glaubenssätze, welche zum jüdischerl Religionsbekenntiliß unbedingt gehören. Es sei dies 1. der Glaube au einen einzigen, außerweltlichen, ewigen Gott, den Schöpfer nnb Leiter des Weltalls, nnd 2. der Glaube an die Göttlichkeit der mosaischen Lehre, sowohl der schriftlichen als auch der mündlichen, unb all ihre Unabänderlichkeit. Die Basis dieses Glaubens bildet die inl Pentateuch erzählte Offenbarung Gottes vor dem ganzen Volke am Sinai und vor Moses, welchen Gott zur Uebermittelung der göttlicherl Befehle nnb Anordnungen ansersehen habe. Der Vortragende verlangt von den Lehrern und Vertretern der Gemeinden unbedingtes Festhalten all biefen Glaubenssätzen. Zur Berichterstattung über die Thätigkeit itub Erfolge des Vereins im abgelanfenen Jahre theilt Herr Collrad Schätzer mit, daß der Verein auf eine Reihe von Erfolgen mit Genugthuullg schauen könne, da der Vorstand der jüdischerl Gemeinde an den hohen Festtagen fernere drei gottesdienstliche Veranstaltungell eillgerichtet, an den mit der Seelenfeier verbundenen Festtagell ill allell drei Syllagogen zwei Gottesdienste ungeordnet, den Jugend' gottesdienst eingeführt habe re. Auch sind auf den Antrag des Vereins 5 Wahllokale der Gemeinde zur Verfügung gestellt worden und hat jetzt der Vorstalld zum ersten Male ben § 78 der Statuten durch Uebersendung eines Jahresberichts nnsgeführt. Der Central-Vorstaud hat ail die Gemeinde-Behörden ein Schreibell gerichtet, welches Anlaß zur Konstituirung einer Petitions-Kommission in der Repräsentanten-Versammlung gewordell ist. Hillsichtlich der Thätigkeit des Vereins stellte Referent es als wünschenslverth hin, daß inan die Gemeindebehörden zu der Ueberzeilgullg bringe, daß llicht vie Lust an der Opposition ben Verein begründet habe, fonbern der Wunsch, in streng sachlicher Welse ans Mißställde hillzuweisen und deren Abstellung zu fordern. g\ Berlin, 28. Oktober. Heber den Brüsseler Un i v e rsitätsstalldal hatte die „Nat. Ztg." einen zahlreiche Jrrthümer enthaltenden Bericht veröffentlicht, worauf ihr von P rof. Dr. Martin Philippson, dem Rektor der Universität, gegen, den die Demonstrationen gerichtet waren, eine Richtigstellllllg zugegangen ist, in weicheres heißt: „Nicht Herr Bürgermeister Buls, sondern ich ganz allein bin von dem Komitee der Studenten, nicht zitirt, sondern höflich eingeladen worden, als ihr Rektor in einer allgemeinen Studentenverfammlnng mich über meine'Stellung zu der Frage der Freiheit der Wissenschaft ausznsprecheil. Ich sagte zu, nachdem ich eine schriftliche Garantie verlangt nnb erhalten hatte, daß ich in der Versammlung keinerlei Unannehmlichkeit zu erfahren haben würde. Als ich eintrat, von dem Komitee geleitet, erhob sich Alles von den Sitzen und entblößte das Haupt. Ich erklärte in meiner Rede von vornherein, daß ich nur von

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