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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 548 (sequence 12)
Language
German
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548 zusammennehmen, wollte er ein Umwerfen des Wcigens — was au\ solchem Wege nichts Seltenes war — verhüten. Zu dem kam heute noch der besondere Umstand, daß eine ganze Reihe von Lastwagen denselben Weg nach dem Städtchen zu sich langsam fortbcwcgtc. Bei jedem ZRuck, den der Wagen erhielt, verlor der Randar die Geduld; bei jedem unsanften Stoß wollte er aussteigen und lieber zu Fuß den Weg in das Städtchen znrncklcgen. „Pomali! Pomali!" (Langsam) rief er wiederholt, aber der Wagen flog über Stock und Stein. 9hm waren die Lastwagen auch eingeholt; man konnte sich nicht dazu verurtheilen, den langsamen Schritt jener Lastpferde anzunehmen und den belasteten Wagen nachzukriechen; es mußte vorgefahren werden; den Lastwagen konnte man aber nicht zumuthen, daß sie ausweichen und das Borfahren erleichtern sollten. Der Wagen neigte sich bedenklich nach der rechten Seite, ans welcher der Randar saß; es gingen nur noch die zwei Bäder links auf der eigentlichen Straße, die zwei andern liefen ans der abschüssigen Flüche des Straßengrabens. Der Randar schwebte in Todesangst. Nach kurzem angestrengten Laus waren sämmtliche Lastwagen überholt, das Geführt ging wieder auf der ebenen Straße, das heißt, so eben als sie just war, und der Randar athmete wieder aus. Endlich war man im Städtchen angelangt. Der Randar und die drei Söhne gingen mit dem Beiter Joichene zur „Megillah" (zur Verlesung der Chronik). Leb that desgleichen, nachdem er die Pferde in den Stall geführt und ihnen Futter gegeben hatte. Rachele half der Muhm Zipperl das Nachtmahl, oder besser das Frühstück anrichten, denn sie tvaren noch Alle „auf dem nüchternen Magen", wie inan sich in der Gasse arisdrückt. „9tu?" sagte Haschele zum Pater, da sie zur Synagoge gingen. Es war ein bedeutungsvolles „Nu" und der Randar schien dessen Bedeutung vollkommen verstanden zu haben, denn er crwiederte darauf: „Das heißt gefahren, wie der „Sambathion" '), justement wie der „Heut der guten" (der Teufel), und was war' gewesen, wenn wir um eine halbe Stund' später hier angekommen wären? hätten wir etwas versäumt? was hat er alle zu überfahren gebraucht? brennt es denn? er ist doch ein Beheiue!" „Und ich sag' Dir, Vater-Leben!" cntgcgnete Haschele, „Leb hat heut' ein Meisterstück gemacht." Man hatte die Megillah leinen gehört, Hawaii ivnrde dabei zu Tode geklopft und „gekarezt". Des anderen 9Norgen, Purinr früh, hatte sich das Schauspiel wiederholt; und nachdem man so der religiösen Pflicht (denn jeder Israelit ist verpflichtet, die Megillah zu hören) vollkommen genügt, und den Leib mit Speis' und Trank erquickt hatte, auch nach verschiedenen Hüuserii zu guten Freunden und Bekannten sowohl, wie auch zu den Armen nach altem Brauch und Herkoininen unterschiedliche Geschenke geschickt hatte, machte man sich wieder auf den Rückweg in das trauliche, heimathliche Dorf. Auf dem Rückwege empfand der Randar durchaus mehr keinerlei Beänstigung, und wenn der Wagen auch ein bischen schief ging, und es hie und da auch ein wenig haperte, er saß ruhig auf seinem Sitze und sprach mit Rachele von allerlei Dingen, unter Anderem auch, wie ihr die Khille-Lent' diesmal gefallen habe», und daß der Vetter Joichene sie sehr gern habe, und daß er bald wieder hinauskommen wolle auf Besuch, und daß des Vetters Joichcnes Sohn Chone ein Bräutigam werden soll, unkst dergleichen mehr. Rachele mußte ihn daran erinnern, daß sie bereits zu Harise seien, und daß er absteigen solle; er hätte es sonst fast nicht bemerkt, so wohl und behaglich schien er sich ans dem Wagen zu fühle». Leb Behcme sah heute vergnügter aus, als alle Tage, die er bisher ans der Rande zugebracht hatte. Was hiervon die Ursache war, wußten diejenigen, die es bemerkten, nicht; sic schrieben es ans Rechnung des Purimgeldes, das er vom Randar erhalten hatte. Indessen hatte seine Freude einen ganz andern Grund. Er hatte Rachele in die Stadt geführt, er hatte somit eigentlich heute ihr den ersten Dienst geleistet, und ihr zu dienen, das war ja der einzige Zweck, der ihn hier fcstgebannt und ihn bestimmt hatte, seine Pilgerreise abzubrcche». (Fortsetzung folgt.) d Au? dem Wochcnabschnitt Wajera. l. 23. M. Kap. 18. Von Dr. Sam uel Kristeller. In seines Zeltes Thür, geschützt vor Sonnenschein, Saß einst Held Abraham tu Mamre's kühlem Hain. Wie er das Ang erhnb, sah er drei Männer nah'n. Da ging er ans sie zu und sprach sie höflich an. Für Wandrer hielt er sie, entstammt aus fremdem Land, Doch Engel waren es, die ihm der Herr gesandt. Zur Erde tief geneigt, sprach er also zu ihnen: „Erlaubet mir die ®uuft, als Gästen euch zu dienen. Spült ab in klarem Quell den Staub von euren Fichen, Und unter diesem Baum wollt kurze Rast genießen. Inzwischen hol' ich euch, ihr Edlen, Brod zu speisen. Hub wenn ihr euch gelabt, dann mögt ihr weiter reisen." Und Jene sagten drauf: „so thn, wie's dir gefällt." Da eilte Abraham zu Sarah in das Zelt Und sprach: „Nimm drei Nt aß Niehl und tuet' und backe Kuchen." Zur Heerde lief er auch, ein Mlblein auszusuchen, Und gab dem Knaben auf, es schmackhaft zu bereiten. Nun setzt er Nahm ltub Milch den edlen Wandersleuten Und auch das Kälblein vor. Er aber stand vor ihnen, Wie's gutem Wirthe ziemt, beim Mahl sie zu bedienen. Jetzt spann sich ein Gespräch, wie's üblich ist beim Schmause, Gebührlich dachte man zuerst der Frau vom Hause. „Wo ist denn Sarahs sprich." — „Mein Weib, die ist im Zelt," Crwiederte hierauf der greise Gvttesheld. Er sprach es recht mit Stolz, denn rühmen wollt's der Alte, Daß sie tu Zucht und Fleiß am Herd und Backtrog walte. Erzmntter Sarah nun — wie wär's ihr zu verdenken — Daß solcher Nachfrag' sie, thät ihre Theiluahm' schenken, Zumal noch weiterhin die Rede blieb von ihr. So trat sie näher denn und lauschte an der Thür. Und horch', der eine Gast that mit Phrophetenmund An seinen frommen Wirth die frohe Botschaft kund: „Sieh, wiederkommen werd' zu dir ich über's Jahr, Wo dann die Sarah dir ein Knäblein hold gebar." Und Ehrensarah könnt' die Botschaft deutlich hören, Und könnt der Zweifel sich, des Lachens nicht erwehren, Und sprach so für sich hin halb schämig, halb verwundert: „Zähl' ich doch neunzig Jahr und Abraham zählt hundert!" — Doch wie hierauf der Herr der Sarah Vorwurf machte, Daß glaubensschwach sie war', da sie der Botschaft lachte, ltub wie in Furcht uub Scham ihr Lachen sie geleugnet, Und was sich weiter noch in dieser Sach' ereignet: Wer solches wissen will — ich Hab' mir nichts ersonnen —- Der schöpfe lieber selbst aus ewig frischem Bronnen, Und nehm' in guter Stund' die heil'ge Schrift zur Hand sich Und lese Mosis Eins Kapitel Einundzwanzig. Ein Strom, von denüdie Sage erzählt, daß er Steine answirft. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.

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