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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 547 (sequence 11)
Language
German
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547 „Was soll da mehr sein?" sagte Borech, da sich die Sache nicht mehr verheimlichen ließ, „draußen sitzt er in der Kalt' auf der steinernen Bank und weint!" „Das heißt mir das Leben verwüsten!" rief der Randar nun erzürnt, „was will er haben von mir? wer hat ihm etwas gethan? soll ich hinausgehn und ihn um Verzeihung bitten? augenblicklich soll er hereinkoinmen!" „Er will nicht!" sagte Rachele. „Er will nicht? Ich will aber! augenblicklich sag' ich." „Still! Vater-Leben!" beruhigten die Kinder sämmtlich, „thu Dich nur nicht zum zweitenmal vergessen! Wenn man einen Fehler gemacht hat, muß man ihn nicht durch einen noch größeren Fehler ausbefsern. Du kannst ihn ja nicht zwingen," sagte Borech, „und was wirst Du thun, wenn er auf und davon geht und Alles stehn und liegen läßt, und meinen Feinden gesagt, ich will meine» Mund nicht zum Bösen aufthun —" „Thu Dich beruhigen, Vater-Leben!" begütigte Koppel, „und thu mir versprechen, daß Da kein bös' Wort reden wirst, ich nehm' es über mich, ihn hereinzubringen." Mit diesen Worten ging Koppel hinaus, ohne das Versprechen des Vaters abzuwartcn. Bald darauf brachte Koppel wirklich den jüngern Bruder zurück in die Stube. Rachele verstand es sogleich, ein Gespräch voll Heiterkeit auf's Tapet zu bringen, woran sich anfänglich allerdings nur die zwei älteren Brüder betheiligten, während der Vater und der jüngste Sohn vorerst theilnahmslos und gegenseitig miteinander zu schmollen schienen. Die Wendungen wurden aber immer heiterer und lustiger, Rachele namentlich bot allen Witz auf, der ihr zu Gebote stand, und wußte Entferntes und Naheliegendes, Dinge und Personen so unbefangen und kindlich durcheinander zu würfeln, daß allmählich auch der Vater und dann auch Haschele über ihre Späße lachen mußten. Und nun hatte sic das Spiel gewonnen; sie gab sich jedoch mit dem Lachen des Vaters und des jüngsten Bruders noch nicht zufrieden; immer muthwilliger wurde ihre Laune, und sie trieb es so lange, bis endlich auch der Vater und Haschele an der Unterhaltung wieder Theil nahmen, und so beschloß man i» heiterer fröhlicher Stimmung, als ob gar nichts vorgegangen wäre, den Abend. Wer jetzt in diesen heitern Kreis da eingetreten wäre, der hätt' es nimmermehr glauben mögen, daß vor einer kurzen Stunde der geliebteste Sohn des Hauses den Willen hatte, dieses väterliche Haus auf immer zu verlassen. Denen aber, die jetzt sich hier so heiter und wohlgemuth „gute Nacht" sagten, war es, wie solche», die aus einem Schiffbruche gerettet, glücklich wieder ans Land gelangt sind. Leb Beheme war im Stall bei den Pferden und wußte nichts davon, was für ein Kampf um seinetwillen hier gefochten wurde. Es war zum Staunen, wie rasch er mit der Natur der Thiere, die er nun zu warten und zu pflegen hatte, sich vertraut gemacht und wie diese wieder an ihn sich gewöhnt hatten. Leb verrieth jedoch über die Beförderung zum Kutscher keinerlei Zufriedenheit. Als Rachele am andern Morgen wieder Hinaufstieg in den oberen Stock und aus dem Fenster in den Hof hinabdlickte, hatte sie die Freude, zu sehen, wie Leb die Pferde an den Wagen spannte und wie er liebreich und sanft die Thiere streichelte, und wie die Thiere dem neuen Herrn gar willig Folge leisteten. Und. als Haschele zu ihm sagte: „Schon recht, Leb! ganz fein macht Ihr das! ein guter Kutscher darf gar nicht wissen, daß in der Welt eine Peitsch' existirt!" da fühlte das Mädchen über das dem demüthigen Fremdling ertheilte Lob ein so inniges Wohlgefühl, daß sie sich selbst wie ein Räthscl vorkam. Sie konnte sich eigentlich nicht recht klar machen, was ihr eine solche Freude bereite, nur das fühlte sie, daß ihr der Bruder noch niemals so schön erschienen war, wie in diesem Augenblick, und daß sie noch niemals ihn so innig geliebt, wie eben jetzt. Leb und Haschele bestiegen den Wagen. Leb hielt die Zügel in der Hand, die Peitsche hatte er neben sich in den Wagen gesteckt, gleichsam als ein überflüssiges Ding, das man gelegentlich nur so mit sich nehme, weil's gerade da ist, das man aber eigentlich nicht brauche. Einer von den Knechten öffnete den linken Flügel des großen Thores; der rechte war schon früher geöffnet. Leb machte eine fast unmerkliche, den klugen Thieren aber deutlich fühlbare Bewegung mit der Hand, und das Gefährt rollte in raschem Schwung zum Thore hinaus. Der Randar war in der Schänkstube, als Roß und Wagen wie ein Blitz vor den Fenstern vorüberflog. Der Randar sah hinaus und lachte. „Was lacht Ihr, Alter?" fragte Pawel, der bei einem Gläschen Branntwein da saß. „Ich muß lachen über mein Haschele," sagte der Randar, „was der sich mit dem Beheme für Müh' giebt. Dawke (durchaus) will ec aus ihm einen Kutscher machen." „Da giebt's nichts zu lachen, Alter!" sagte Pawel. „Der Leb fahrt so gut, wie Unsereiner; wenn man ihn da so hinfliegen sieht mit Roß und Wagen, so sollt' man glauben, er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen." Eine Woche später war „Purim". Zu Purim pflegte der! Randar mit seinen Söhnen in die Khille zu fahren, um daselbst in der Synagoge die Megilla, das ist jene Chronik, in welcher die Geschichte vom König Ahasverus und der Königin Esther, von dem Bösewicht Haman und der Rettung der Inden durch Esther und! Mordachai erzählt wird, „leienen" (vorlesen) zu hören. Es war am Fasttag Esther, der Wagen stand schon in Bereit- , schaft; die Pferde waren angespannt; es war Alles fertig — nur zum Aufsetzen. „Wer wird uns führen?" fragte der Randar. „Leb," erwiederte Haschele. „Leb'?" fragte der Vater. „Ich getrau' mich, soll ich gesund sein, nicht auf den Wagen hinauf. Der Beheme! man kann nicht wissen, er schmeißt uns auf dem Weg irgends in eine Grub' hinein, dann haben wir eine Megillah!" „Wenn Haschele ihn fahren läßt, brauchst Du Dich nicht zu fürchten. Ich fürcht' mich nicht; und damit Du's sehen sollst, daß es wahr ist, fahr' ich mit," sagte Rachele. „Du?" fragte der Randar. „Was willst Du drinnen machen?" „Ich will Dir nur weisen, daß ich mich nicht furcht', und daß Du Dich auch nicht zu fürchten brauchst." Lächelnd bestieg der Randar den Wagen. Rachele, in einen guten Pelz gehüllt, setzte sich neben ihn, Borech und Koppel gegenüber und Haschele neben den Fuhrmann. „Ich bin nur sroh, daß Haschele neben ihm sitzt!" sagte der Randar, als sich das Gefährt in Bewegung setzte. Die Straße von dem Dorfe nach dem Städtchen hin befand sich in dem Zustande aller jener Landwege, auf deren Ban zu jenen! Zeiten noch wenig Sorgfalt verwendet wurde. Die Breite der! Straße reichte gerade hin, daß zwei Fuhrwerke einander zur Noth j ausweichen konnten; an beiden Seiten der Straße waren Graben gezogen, und die aus denselben ausgeworfene Erde, welche von Ort zu Ort kleine Erdhaufen bildete, diente nur dazu, den ohnedies engen Weg stellenweise noch mehr zu verengern. Im Fahrgeleise waren hier und da tiefe Löcher, an deren Ausfüllung man nicht gedacht hatte, an anderen Stellen lagen wieder größere und kleinere Steine im Wege, die man nicht fortgeschafft hatte; da gab es beim Fahren inanchen Ruck und manchen Stoß, und ein Kutscher mußte sich

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