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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 546 (sequence 10)
Language
German
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546 hatte; dem Vater gegenüber konnte er nicht ausweichen, und so mußte er wohl Antwort geben, wie sich's gebührt; es traf sich freilich wunderlich genug, daß er sich mit derselben Sache den Dank der Schwester und den Unwillen des Vaters zuziehen sollte. Gern hätte er schon mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: „Ich weiß, was ich thu', wenn Du mir's nicht zutraust, unterweis' Dir Deinen Leb Beheme selber!" — aber ein Blick der Schwester, ein bittender Blick, dem er noch weniger widerstehn konnte, als dem! Blick der Dankbarkeit, der ihn vorher so vergnügt gemacht hatte, belehrte ihn eines Bessern, und so antwortete er auf des Vaters Frage mit erzwungener Gelassenheit: „Ich Hab' mit ihm keine Weisheiten auszuschmusen. Ob er gescheit reden thut oder nicht, das weiß ich nicht, das geht mich auch nichts an; aber was ich ihn thun heiß', das thut er, und er thut es gut, so gut, wie jeder Andere, i und das ist mir die Hauptsache." > Racheles Freude wäre vollkommen gewesen, wenn Huschele, j nachdem er diese vernünftigen Worte gesprochen hatte, nicht sogleich vom Tische aufgestanden und hinausgegangen wäre. „Ich weiß nicht, Vater-Leben, was Du von ihm haben willst?"; begann jetzt Borech, und Koppel fügte hinzu: „Du thust, soll ich! leben und gesund sein, Haschele groß Unrecht!" „Wie so, was thu' ich ihm, Hab' ich ihm denn an die Krön' angegriffen?" „Nein, Du mußt mir verzeihen," sagte Koppel, „was sind das für Red'? ist denn Haschele etwa ein Spielhans? was willst Du vom Rössele-Spiel haben?" „Oder ein Mappel-Kind?" fügte Borech hinzu, „weiß Haschele denn etwa nicht, was er zu thun hat? Ist er Dir zu wenig Barjeh «tüchtig)? Ich sollt' meinen, Du weißt so gut wie wir, er ist ein Mensch, auf den man sich verlassen kann." „Hab' ich denn etwas wider ihn?" fragte der Randar harmlos, ,,hab' ich denn etwas Schlechtes gesagt?" „Jetzt fragst Du erst, ob Du ihm etwas Schlechtes gesagt hast! Zuerst thust Du ihn beleidigen und red'st mit ihm, wie wenn er gestern aus der Wieg' herausgefallen war', und dann weißt Du gar nicht, was Du ihm gesagt hast?" „Und was hast Du am End von ihm haben gewollt?" fragte Koppel. „Was ich von ihm Hab' haben gewollt? gar nichts! Hab' ich es denn so arg gemeint? Werd' ich ihm denn nicht erlauben, daß er mit Leb Beheme etwas etwas probiren kann?" „Nu also," sagte Koppel, „weil Du es ihm doch erlauben kannst, möcht' ich keine solche Red' reden. Wenn er ihm die Ross' in die Hand giebt, weiß er, was er thut." „Ein Vater wird doch," meinte der Randar dagegen, „auch einmal ein Wort reden dürfen. Ich mein' es doch nicht schlecht. Ich bin doch sein Vater!" „Bis hundert Jahr!," sagte Borech. „Aber Alles, was recht ist. Hören wir Dir denn, wenn Du etwas sagst, nicht gern zu, und folgen wir vielleicht nicht, wenn Du etwas verlangst? aber nur-" „Nu was für ein: Aber nur?" „Aber nur," ergänzte Koppel die angefangene Rede des Bruders,! „mußt Du bedenken, daß Du Haschele nicht mehr darfst behandeln j wie ein Chederkind, das man, wenn es früh nicht aufstehn will, mit! einer Ruth' herausschmitzen thut aus dem Bett." „Und ich sag' Euch doch," behauptete der Randar steif und fest, . „in dem Menschen ist Haschele grob im Jrrthum; denn Leb ist und bleibt ein Beheme; ich Hab' es in der ersten Minut' gesagt, wie er da in das Haus hereingetreteu ist; und Ihr werdet mir das nicht j aus deni Kopf herausbringen." I „Wer will denn das?" fragte Borech. „Wer es will? Haschele will es!" antwortete der Randar. „Einen solchen Menschen, der zu nichts tauglich auf der Welt, muß man benützen zu Dingen, wobei er Einem nicht schaden kann; soll er ihn benutzen zum Schneewegschaufeln, — es liegt noch genug Schnee im Hof, oder meinetwegen zum Wassertragen, wie bisher, aber mit Pferd' umzugehn, da gehört ein fester Jung' dazu, und da mutz Einer Haar auf den Zähn' haben. Und was wirst Du sage», laß mich hören, wenn es Haschele morgen oder übermorgen einfallen wird, er will den Beheme in die Brennerei hineinstellen? Werd' ich auch sagen, wenn es Haschele thut, muß es gut sein? Bin ich denn schon gar nichts mehr im Haus? Soll ich drauf warten, bis mir Leb Beheme einmal den Kessel springen laßt, daß die ganze Brennerei und das ganze Haus in die Luft fliegt?" „Seh' Du Haschelen nur für ein' Narren an!" sagte Koppel, „was füllt Dir ein, er wird ihn in die Brennerei hineinstellen." „Ein Narr ist er nicht," sagte der Randar, „aber eigenmächtig ist er gern, den großen Jungen spielt er gern, der sich von Niemanden braucht etwas sagen zu lassen." Es war schön von den beiden Brüdern, daß sie hier die Sache des jüngeren Bruders so eifrig gegen den Vater vertheidigten, obwohl sie sich gestehen mußten, daß der Vater mit manchem, was er sprach, gerade so Unrecht nicht hatte; es war um so schöner von ihnen, weil sie ja selbst zum Theil vurch den jüngeren Bruder in den Schatten gestellt wurden. Borech und Koppel waren gute, redliche Menschen und tüchtig im Geschäft, schlicht und einfach in ihrem Wandel, offen und gerad' in ihrem Wesen, fleißig und arbeitsam, niemals übertrieben, Alles zur rechten Zeit versorgend, Leute, die nian auf jeden Posten stellen und auf die man sich völlig verlassen konnte. Haschele aber war ein findiger Kopf. Der jüngste an Jahren, schien er der älteste an Erfahrung, der reifste im Urtheil in allen Dingen der ausgedehnten Wirthschaft und des ausgebreiteten Geschäftsganges. Wäre er als „Bocher" (Student) auf eine „Jeschiwah" (jüdische Hochschule) geschickt worden, gewiß, er wäre das geworden, was man einen „Charif" (scharfsinnigen Kopf) nennt, nun war er aber zu Hause beim Geschäft geblieben, und so beschränkte er seine ganze geistige Thätigkeit auf das Geschäft. Wäre er unter einem gelehrten Rabbi der beste Bocher geworden, so war er hier derjenige, der sich des ganzen Geschäftsganges am energischsten bemächtigte. Bald trat seine geistige Ueberlegenheit hervor, der Vater sah mit Freude den Sohn in solcher Weise thätig, übertrug ihm gern trotz seiner großen Jugend die oberste Leitung über das Ganze, und die Brüder, obwohl an Jahren ihm voraus, fügten sich gerne den Anordnungen des jüngeren Bruders, dessen höhere Begabung sie neidlos anerkannten. Rachele hatte der Verhandlung zwischen dem Vater und den Söhnen nicht bis ans Ende beigewohnt; Haschele war gegen seine Gewohnheit früher als die Andern vom Tisch aufgestanden und hinausgegangen, das beunruhigte sie; sobald sie nun sah, daß die Brüder die Sache des Bruders in ihrem eigenen Sinne führten, schlich sie selbst sich unbemerkt im Eifer des Hin- und Widerredens vom Tische weg und ging hinaus, um nachzusehen, wo Haschele hingegangen sei. Nach einiger Zeit kam sie zurück, stellte sich hinter des Vaters Rücken und winkte dem Bruder. Auf das Zeichen der Schwester stand Borech auf und ging, wie absichtslos, zum Fenster; leise begab sich Rachele ebenfalls dahin und raunte dem Bruder etwas ins Ohr; dies blieb von Koppel nicht unbemerkt, und ohne auf das Acht zu geben, was der Vater noch weiter ausführte, fragte er laut über den Tisch hinüber, was vorgehe. Der Vater, dadurch aufmerksam gemacht, wendete sich um und fragte: „Was ist da mehr?"

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