Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1890)
- Date
- 1890-10-30
- Page
- Seite 544 (sequence 8)
- Language
- German
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- 514 Bekenner machten sich die Oase und den: .sie überragenden Berg zu j eigen. Sie verwüsteten hier altes christliche Leben, während sie es mit Tschebel Mnsa ans wunderlichen religiösen Gründen duldeten. Ter Prophet Muhammed soll nämlich auf einer seiner Reisen von den Mönchen gastlich ausgenommen worden sein und ihnen zum Tank einen von 'Ali verfaßten Schutzbrief ausgestellt haben. Er selbst verstand nicht zu schreiben, und so drückte er nur, wie es heißt, eine geschwärzte Hand als Insiegel unter denselben. Was in der Oase Firau und am Serbal von mönchischen! Niederlassungen und christlichen Namen bestand, mußte also unter! solchen Umständen im Laufe der Jahrhunderte zu Grunde gehen, und 1 wenn hier dennoch Erinnerungen an eine frühere Heiligkeit des Serbal! erhalten blieben und man einige Stellen in seiner Nähe immer noch j mit der Gesetzgebung in Berbindung bringt, ist das wunderbar genug. : Einige Argumente, deren ich in „Durch Gosen zum Sinai" : gedenke, müssen hier leider, da sie weitergehende Erklärungen erfordern würden, unerwähnt bleiben; doch fehlt es, denk' ich, schon j dem Gesagten nicht an überzeugender Kraft, und es bleibt nur noch | übrig, die letzte Frage zu beantworten, wie es denn kommen konnte, daß gegenwärtig ein Berg ganz allgemein für den Sinai der Schrift i gehalten wird, der doch ein weniger majestätisches und ins Auge j fallendes Ansehen besitzt als ein anderer (der Serbal), von dem sich 1 außerdem beweisen läßt, daß er in früherer Zeit für heilig gehalten wurde als jeder andere der Halbinsel. Ties ist — verzeihen Sie das triviale Bild — in ähnlicher Weise geschehen, wie man einen Handschuh von einer Hand auf die andere j zieht. Es kam nämlich unter den Byzantinern eine Zeit, in der; dogmatische Streitigkeiten die Christenheit spalteten und die monotheletische Lehre, welche behauptete, daß Christus zwar zwei Naturen, j eine menschliche und eine göttliche, aber nur einen Willen habe, - unter den Mönchen am Sinai Annahme fand. Diese Lehre wurde ' in Konstantinopel als eine der Orthodoxe feindliche fluchwürdige : Ketzerei angesehen, und es blieben Briefe erhalten, aus denen hervor-; geht, daß schon 151 n, Ehr. die Ketzerei auf den Sinai gedrungen j war, und daß damals ein Bischof „der von P ha ran oder vom : Sinai" genannt wird. 530 n. Ehr. Unterzeichneten auf der Synode i zu Jerusalem die meisten Bischöfe der Halbinsel die gegen die! Monophysiten, welche in Christus nur eine, die göttliche Natur,! anerkannten, und andere Häretiker gerichteten Beschlüsse. Doch! fehlt unter ihnen — und das ist bezeichnend genug — der! von Pharan und vom Berge Sinai. Mondhar 111. zog für die \ gemißhandelten Ketzer das Schwert und schlug die Legionen des; Justinian; im selben Jahre aber gründete dieser, gleichsam um die > kriegerische Niederlage durch einen friedlichen Triumph über die Irrgläubigen gut zu machen, das Verklärnngskloster am Fuß der Tschebel Musa-Gruppe, das den Ketzern vom Serbal den Ehrentitel raubte, „Sinaiten" zu sein, und das nur rechtgläubigen Mönchen Unterkunft gewährte. Wer den genannten Kaiser und seine und seiner Gemahlin Theodora fanatische Abneigung gegen jeden Abfall von der Rechtglaubigkeit kennt, der wird leicht verstehen, weshalb er den von ketzerischen Lehren ergriffenen mönchischen Genossenschaften vom Serbal das Recht entzog sich „Sinaiten" zu nennen und warum er damals einen Berg für den wahren Sinai bezeichnete, der bis dahin als solcher keine offizielle Anerkennung gefunden. Bei der Besiedelung der Halbinsel durch Anachoreten scheint sich auch an der Tschebel Musa-Gruppe eine Schaar derselben niedergelassen und den Schauplatz ihres asketischen Lebens und ihrer Beschäftigung mit dem Tode „die Stätte des brennenden Busches" genannt zu haben. Ta auch dieser „am Berg des Herrn" gestanden haben soll, nannten sie sich wie ihre sehr viel zahlreicheren und mächtigeren Brüder vom Serbal „Sinanen", ohne ernstlich in Frage zu stellen, daß dieser „der Sinai" der Schrift sei; Justinian änderte dies Berhältniß, indem er den hohen granitenen Gebirgsstock, den jene bewohnten, für den wahren Sinai und sie selbst für die ächten Sinaiten erklärte. Auch baute er ihnen, den orthodoxen Glaubensgenossen, eine gegen die Einfälle der Sarazenen befestigte Wohnung. Daß auf ihrem Gebiet vor Justinian noch kein Kloster stand, sondern daß die Brüder vielmehr zerstreut auf den Bergen und in den Thälern um den „Dornbusch, aus dem Gott zu Mose sprach", gelebt hatten, wird von Entychius, der als Patriarch von Alexandrien mit diesen Dingen Bescheid wissen mußte und aus einem guten Bericht der Klostergründung geschöpft zu haben scheint, ausdrücklich hervorgehoben, während es doch andererseits auf's Sicherste bezeugt ist, daß am Serbal schon im fünften Jahrhundert stattliche Klöster blühten und sich dort außer der Episkopalkirche wohl noch eine andere der Jungfrau Maria geweihte erhob. Diese wird auf dem Berge gestanden haben, der heute noch von den Arabern der Tschebel el-Bint oder Jungfrauenberg genannt wird. Ta Justinian, als er etwas für die von den Sarazenen bedrängten Mönche der Halbinsel zu thun und dabei einen Streich gegen die Ketzerei zu führen beschloß, zwei Mönchsgruppen fand, die sich beide Sinaiten nannten und ihren Berg für den des Herrn erklärten, gab er natürlich derjenigen den Borzug, die an dem orthodoxen Glauben festgehalten hatte, baute ihr ein sicheres Heim und ertheilte dadurch ihrem Berge als dem echten Sinai die offizietle Anerkennung des Staates. Der Serbal wurde dadurch unter den rechtgläubigen Christen seiner alten Heiligkeit entkleidet, die orthodoxen Mönche vom Serbal und Firan siedelten in das befestigte Kloster, das des kaiserlichen Schutzes genoß, über, und wenn an der ihrer alten Würde entkleideten Höhe ketzerische Mönche sitzen blieben und ihren Berg immer noch für den rechten Sinai hielten, so kann dies doch nur kurze Zeit gewährt haben, denn der schnell verdringeude Islam trieb sie von hinnen. Weder in der griechischen, noch in der arabischen Litteratur habe ich Kunde über ihr Geschick zu finden vermocht. Ihr Unglück fiel eben in die Zeit der Byzantiner, in der schneller als in jeder andern der Vergeßlichkeit anheimfiel, was den Sonnenschein der kaiserlichen Gunst eingebüßt hatte; wohl aber hören wir noch den zuverlässigen Kosmas, der, wie ich schon bemerkte, die Halbinsel — und zwar zu Fuß — bereiste, den Serbal für den Berg der Gesetzgebung erklären und von ihm versichern, daß an seinem Fuße die Stiftshütte erbaut worden sei. Die Christen, denen er dort begegnete, durch die ihm diese Nachricht zugekommen war, müssen sämmtlich an der alten Tradition festgehalten haben; denn er weiß von keinem Widerspruch zu berichten, und er selbst ist doch ein so guter Beobachter gewesen, daß er — etwas in seiner Zeit Unerhörtes - wie ein moderner Archäolog die alte griechische Inschrift, die er zu Adule (am arabischen Meerbusen) kopirte, seinem Werk einverleibte. Wenn Sie, verehrter Freund, mich nun schließlich fragen, ob sich denn bei den Kirchenschriftstellern keine Stelle finde, die meine Annahme von der Uebersiedelung der Mönche des Serbal nach der Tschebel Musa-Gruppe bestätige, so kann ich entgegnen, daß ich in des Uni'0nin8 Atmales occlesiastid allerdings die Mlttheilnng entdeckte, die heutigen Mönche von Sinai seien auf Gottes Gebot wegen der Einfälle der Sarazenen von einem anderen Berg auf die Tschebel Musa-Gruppe und in das gegenwärtige Sinaikloster übergesiedelt. Tie griechische Handschrift aus der Sforzaschen Bibliothek zu Rom, die dieser Mittheilung zu Grunde liegt, muß sich auf ältere stützen, welche Näheres über die Einwanderung der ersten heutigen Sinaiten