Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1890)
- Date
- 1890-10-30
- Page
- Seite 543 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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543 Neue Auffassung einiger Stellen Les biblischen Exodusberichtes. Ein Brief an Herrn Dr. Gustav Karpeles. Von Georg Ebers. (Sckluß.) So darf denn die Kritik behaupten, daß die ersten mönchischen Besiedler unserer Halbinsel den Serbal und nicht die Dschebel Musa- Gruppe für den Sinai der Schrift hielten, und es werden nur noch zwei Fragen 311 beantworten bleiben, die Sie, werther Freund, und mit Ihnen jeder Denkende mir wohl stellen muß, bevor er sich entschließt, meiner Ansicht sein placeI: rückhaltslos zu ertheilen. Die erste würde lauten: Haben sich denn aber auch am Serbal Traditionen erhalten, welche ihn selbst als den Berg der Gesetzgebung und einzelne Stellen an ihm als die Schauplätze gewifler Szenen aus dem biblischen Bericht über dieselbe bezeichnen? Denn wie die Mönche im Kloster am Fuß der Dschebel Musa-Gruppe würden doch auch die vom Serbal, wenn sie ihn wirklich für den Berg des Herrn hielten, Sorge getragen haben, gewisse Plätze auf ihrem Gebiet zu heiligen, indem sie dieselben für die Stätte dieses oder jenes in der Schrift erwähnten Vorganges erklärten. Die zweite Frage: Wie kam es aber, daß die hohe Würde, welche man ursprünglich und lange Zeit der einen Höhe zuschrieb, auf-die andere übertragen wurde, ist nicht minder berechtigt; doch irr' ich nicht, läßt auch sie sich genügend beantworten. Die erste führt uns in die Umgeblmg des Serbal zurück, und der Umstand, daß die muslimischen Bewohner der Oase Firan an seinem Fuße in der That heute noch mehrere Plätze auf ihrem Gebiet für die Bühne der wichtigsten Szenen aus dem biblischen Drama halten, das sich am Horeb oder Sinai (beide sind nicht zu trennen) abgespielt haben soll, scheint uns von allen Beweisgründen für unsere Ansicht am schwersten zu wiegen. Da wird zuerst in dem von Norden her zu der Oase führenden Wüstenthale, das zwei hohle Granitwände begrenzen, ein Felsblock Hesy el-Chettatin für heilig erklärt, weil er derjenige sei, aus dem Mose vor der Amalekiterschlacht den Quell schlug. Heute ist er von haufenweis aufgethürmten kleinen Steinchen umgeben, auf die man jetzt noch neue wirft, und von denen die Beduinen die folgende, allerdings recht kindische Geschichte erzählen: Als die Israeliten sich bei dem durch ein Wunder entstandenen Wasser niederließen und nachdem sie den Durst gestillt, sich der Muße Hingaben, machten sie sich das Vergnügen, Steinchen auf die Felsblöcke in ihrer Nähe zu werfen. Das wurde zum Gebrauch, den die heutigen Araber zum Andenken an das Wunder der Quellenerweckung aufrecht erhielten und von dem sie glauben, daß es besonders den Mose demjenigen geneigt mache, der ihn übe. Wer einen kranken Freund hat, der wirft in seinem Namen, lind indem er auf dessen baldige Genesung hofft, ein Steinchen zu den andern. Dieser gewiß sehr alte Gebrauch beweist, daß man in der Zeit, da die mönchischen Besiedler von Firan viele Stellen auf ihrem Gebiete mit biblischen Ereignissen in Zusammenhang brachten, den Hesy el - Chettatin-Felsen für den des Wunders der Ouellerweckung erklärten, und in der That könnte dies viel eher hier erfolgt sein, als in dem Ledscha-Thale am Sinai der Mönche, das seinen Namen der arabischen Sagengestalt Ledscha, der Tochter des Jethro und Schwester der Gattin des Mose Zippora (arabisch Zafurija) verdankt. Hier wird ein „Fels im Horeb" gezeigt, in dem sich zwölf vielleicht natürliche, aber jedenfalls künstlich erweiterte Risse zeigeil, aus denen, nachdem Mose den braunen Granit zwölfmal geschlagen, Wasser für jeden der zwölf Stämme hervorgerauscht sein soll. Aber die Stelle für dies Wunder ist so iingeschickt wie möglich gewählt; denn erstens liegt das Ledscha-Thal mitten in der Dschebel Musa-Gruppe, und es könnte, wäre der erwähnte Fels wirklich das, was er sein soll, hinter ihm weder die Amalekiterschlacht geschlagen, noch das Volk dem Sinai weiter entgegengeführt worden sein; denn er gehört eben zu diesem. Der Lagerplatz der Wanderer ist außerdem von ihm aus — wo man ihn auch suchen möge — in nur wenigen Viertelstunden erreicht. Dazu kommt, daß gerade der Wadi Ledscha das allerwasserreichste Thal der Dschebel Musa-Gruppe ist, und es hier wahrlich keines Wunders bedurft hätte, um das Volk zu tränken. Es war auch bei dieser Bestimmung nicht bedacht worden, daß die Amalekiterschlacht vor der Oase Firan, und nicht hinter ihr — wie früher viele Erklärer annehmen — geschlagen worden sein muß; beim es ist ganz undenkbar, daß die kriegerischen amalekitischen Bewohner der Wüsteninsel ihr kostbares, von einem Bach durchrieseltes palmenreiches Heim der heranziehenden Volksmenge ohne Schwertstreich überlaffen und sich erst hinter ihr zur Wehr gesetzt haben sollten. Das Alles hatten die Mönche und Anachoreten voii Firan wohl erwogen, und sie erklärten darum einen Felsen ziemlich weit von der Oase für den der Quellerweckung und eine Stätte zwischen beiden für Raphidim, den Schauplatz der Amalekiterschlacht. Später wurde dieser freilich, ohne Rücksicht auf den biblischen Bericht und die Möglichkeit, wahrscheinlich aus Bequemlichkeitsgründen, an eine Stelle der Oase selbst verlegt, die so schmal und eng ist, daß dort höchstens hundert gegen hundert Streiter gekämpft haben könnten. Für uns komnit es nur darauf an, festzustellen, daß dem Wunder der Quellenerweckung in der Nähe des Serbal eine Stätte angewiesen ivorden war. Ferner findet sich am Fuß des Berges ein Platz, den die Araber el-Heswe (einmaliges Schlürfen) nennen, und wo nach der Tradition Mose die Heerde des Jethro getränkt haben soll. Endlich befindet sich am Serbal, wie am Sinai der Mönche eine Höhe, welche der Dschebel Munadschat, d. h. der Berg des Gespräches (des Herrn mit dem Mose), genannt wird und auf der die Araber heute noch dem Mose Opfer darbringen. Sie halten sie so heilig, daß sie Europäer nur ungern dahin führen, doch verriethen einzelne Beduinen das Geheimnis; verschiedenen Reisenden, und unter ihnen auch Palmer, der es nicht verschwieg, obgleich er, wie ich schon bemerkte, ein Gegner meiner Ansicht war. Erwähnenswerth ist noch, daß zu dieser heiligen Höhe des Zwiegesprächs ganz ähnliche Stufen hinaufführen, wie auf den Serbal und die Dschebel Musa-Spitze. Was früher dem Serbal zukam, das ward eben — dies sei vorwegnehmend bemerkt — später in möglichst ähnlicher Weise auf den Sinai der Mönche übertragen. Wie man beim Beginn der Anachoretenzeit fromme Pilger zum Gipfel des Serbal und zur niedrigeren Höhe des Zwiegesprächs hinaufführte, so geleitete man die Wallfahrer vom Sinai der Mönche anfänglich gleichfalls auf einen Gipfel des Berges, die Dschebel Musa-Spitze, und daneben auch auf die niedrigere Höhe, die man heute noch den Berg des Zwiegesprächs nennt. Die für die Pilger leichter erreichbaren Höhen scheinen hier wie dort für diejenigen erklärt ivorden zu sein, auf denen Gott aus dem brennenden Busch zu Mose sprach, während die Gipfel der Berge, hier die höchste Serbal-Zacke, dort die Dschebel Musa-Spitze für die Stätten bezeichnet wurden, an denen der Herr seinem Erwählten bei der Gesetzgebung erschien. Daß man am Serbal heute noch an beiden Stellen opfert lind dabei an der höheren bis vor Kurzem des Moses gedachte, an der weniger schwer erreichbaren — der des Zwiegesprächs — sich dann immer noch in aller Ehrfurcht seiner erinnert, ist bezeichnend genug; denn bald nachdem man den Serbal seiner Würde entkleidet hatte, um sie auf den Sinai der Mönche zu übertragen, drang der Islam in diese Wüste, und seine