Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1890)
- Date
- 1890-10-30
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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542 seine sonderbaren Thesen vom Standpunkte des Urchristenthums zu vertheidigen sucht. Auch das würde uns an dieser Stelle wenig intereffiren, ließe er sich bei dieser Vertheidigung nicht in eine Polemik mit den positiven Religionen, besonders mit dem Judenthum, ein, und diese wollen wir uns denn doch ein wenig näher betrachten. In der Verurtheiluug der Unkeuschhcit innerhalb und außerhalb der Ehe wird wohl alle Welt mit dem Autor übereinstimmen. Die Verletzung des Versprechens der Treue, das in der Ehe gegeben wird, ist in der mosaischen Gesetzgebung nicht nur, wie Tolstoi wünscht, gleich der Verletzung von Geldverpflichtungen und dem Betrüge im Geschäftsverkehr, sondern mit dem Tode zu bestrafen (Leviticus 20, 10). Der Gebrauch von Mitteln, welche der Frau die Fruchtbarkeit benehmen, also Onanie, ist ja aber seit Onan in der Bibel als ein Verbrechen stigmatisirt. Daß wir unsere Kinder, die wir als ein von Gott uns verliehenes Gut betrachten, nicht nach dem Muster des Ehepaares Podsynschew erziehen, ist am Ende selbstverständlich, und es bedurfte wirklich nicht der Mahnung eines ergrauten Sünders, um für die Erziehung der Kinder andere Ziele zu stecken, als nur den schönen wohlgepflegten Körper. Gleichwohl haben schon die Alten mit vollem Rechte „mens sana in corpore sano“ als höchstes Erziehungsresultat aufgestellt, und die Lehre des Judenthums macht Reinlichkeit, Körperpflege und Erhaltung der Gesundheit zur religiösen Pflicht. Rur ein gesunder, starker Mensch, meint sie, kann am vollkommensten seine Pflichten gegen Gott und die Welt erfüllen. Soweit also stimmt das jüdische Sittengesetz mit der ans der Unmoral Podsynschews abstrahirten Moral Tolstois überein. Aber es bleibt noch ein Punkt, und zwar der wichtigste, übrig. Tolstoi erklärt die Ehe im Fleische vom christlichen Standpunkte aus als verwerflich, als Fall, als Sünde. Man kann, sagt er, die Lehre Christi verwerfen, man kann aber, wenn man sie nicht verlvirft, nicht leugnen, daß sie das Ideal der völligen Keuschheit lehrt. Er gesteht auch offen ein, daß er in der Kirche, die die Ehe zum Sakrainente erhoben, nicht das Christenthum erblickt. Dem Einwande aber, daß er durch seine Lehre die Vernichtung des Menschengeschlechts bewirke, begegnet er mit einer höchst sonderbaren Eintheilung alles sittlichen Wandels überhaupt. Wir müssen ihm hier selbst das Wort ertheilen: „Die erste Methode der sittlichen Leitung ist die Methode der äußerlichen Verordnung, der Vorschriften: Man giebt dein Menschen bestimmte Merkmale der Handlungen, die er zu thun und die er zu lassen hat. „Halte den Sabbath, beschneide Dich, stiehl nicht, trinke keine berauschenden Getränke u. bergt.", so lauten die Bestimmungen äußerlicher, religiöser Lehren im Brahmanismus, im Buddhismus, im Islam, bei den Juden und in der Kirche, die man fälschlich Christenthum nennt. Die zweite Methode ist die Methode, dem Menschen eine ihm nie erreichbare Vollkommenheit zu zeigen. . . . Man zeigt dem Menschen ein Ideal und im Hinblick auf dieses kann er stets den Grad seiner Entfernung davon sehen. „Liebe deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele mit deinem ganzen Vermögen und deinen Nächsten wie dich selbst. — Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel." So lautet die Lehre Christi." Herr von Tolstoi wird schon gütigst entschuldigen, wenn wir darauf aufmerksam machen, daß die zitirten Worte sich im mosaischen Deuteronomium <Kap. 6. V. 5) vorfinden, und daß das Wort Leviticus 19, V. 2: „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich der Herr euer Gott", dem „Seid vollkommen" mindestens ebenbürtig zur Seite steht lind das Recht höheren Alters beanspruchen kann. Graf Tolstoi ist ein Feind des Eigenthums, aber wir muffen uralten Besitz reklamiren. Er hätte wahrheitsgetreu sagen müssen: So lautet die von Mose übernommene Lehre Christi. Aber weder die Eintheilung noch die aus derselben hervorgehende Inanspruchnahme einer mehr idealen Auffassung sittlicher Aufgaben im Christenthum können wir gelten lassen. Nach unseren religiösen Begriffen führt die Ueberemstimmung unserer Handlungen mit den Verordnungen der Lehre gerade dazu, alle unsere Thaten zu durchgeistigen, alle Gedanken zu heiligen, alle Empfindungen zu weiten und jenes Streben in uns zu erwecken, dem Ideale einer uns nie erreichbaren Vollkommenheit wenigstens nachzueifern. Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Säen und Ernten, Genießen und Entbehren sind im Judenthum in den Dienst der Religion gestellt und können zu Stufen einer erreichbaren Vollkommenheit gemacht werden. Das Bewußtsein des Grades des Abstandes von der idealen Vollkommenheit allein, wie der Verfasser meint, kann niemals der Prüfstein für die Erfüllung irgend einer Lehre, auch der Christi nicht, sein. „Wird der Zehnte gezahlt, der Sabbath gehalten, werden Vater und Mutter geehrt, Ehebruch, Mord und Diebstahl nicht geübt, dann liegt vor ihnen nichts, dem sie dauernd nachstreben könnten; was will man mehr?" Nichts? nun, es giebt noch einige andere sittliche Aufgaben, welche die jüdische Religion ihren Bekennern außerdem stellt. Die Erziehung zur Wahrheit und Gerechtigkeit, die Läuterung und Heiligung des Herzens, die Bethätigung unbegrenzter Menschenliebe, die Sorge für die Enterbten, die Förderung des Friedens auf Erden und die Verbreitung reiner Gottes-Erkenntniß, das sind, denken wir, Ziele, denen nachzustreben ein Jude nie aufhören darf, und die ihn wohl noch Jahrhunderte dauernd beschäftigen können. Mit jener geistigen Planimetrie, mit der Auffindung und Abmessung des Abstandes vom Ideal ist gar nichts gethan, ist Niemandem geholfen, ist keinem Hungrigen ein Stück Brod gereicht und keinem Durstigen ein labender Trank. Das ist ein Suchen nach der blauen Blume des Wunderlandes, von welchem ja der Naturalist Tolstoi sonst niemals etwas wissen will. Mit dem Ideal der Ehelosigkeit ist ja auch das Christenthum nicht über Christus hinausgekommen, es für die Menschheit als erreichbar und erstrebenswerth hinzustellen, mag einem Podsynschew, der seine Frau erstochen hat, wohl anstehen, nur schmähe man eine Religion nicht, welche sich mit Abscheu gegen die Vernichtung derer kehrt, für die sie geschaffen ist. Für Menschen, nicht für Engel ist die Thora gegeben, sagen unsere Weisen. In den strengen Vorschriften des Judenthums über Wahrung des Anstandes selbst bei der ehelichen Umarmung, in der gebotenen Enthaltsamkeit wahrend eines langen Zeitraumes nach jeder Menstruation und der vie! längeren noch nach jeder Niederkunft, in den vorgeschriebenen Bädern und Reinigungsakten liegt eine solche Fülle von Weihe und Heiligung des sinnlichen Aktes, daß darüber das eigentlich Thierische ganz und gar verschwindet und selbst aus der Befolgung des Instinktes noch die höchsten sittlichen Ideen erwachsen können. In der Annäherung an das höchste Ideal der Vollkommenheil wird den Juden, und wir glauben,, trotz Tolstoi, auch deu Christen, eine von Liebe erfüllte und durch Heiligkeit in Thaten und Gedanken erfüllte Ehe nie und nimmermehr hindern. U