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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 541

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 541 (sequence 5)
Language
German
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541 wo matt Gelegenheit hat, jüdische Zeitungen zu lesen, um Vorträge über. Gegenstände jüdischer Wissenschaft abhalten zu lassen, um litterarische Unternehmungen ausreichend zu subventioniren, um vor Allem der Jugend Gelegenheit zu bieten, mehr zu lernen, als der dürftige, in der Zeit beschränkte Religionsunterricht zu bieten! vermag. > Wir haben aber auch außerhalb der eigentlichen amtlichen Thätigj feit noch eilte große Menge von Pflichten. Das Publikum betrachtet j den Rabbiner als Autorität in Fragen des religiösen Glaubens. Je \ schroffer er sich nun allen wissenschaftlichen Erfahrungen der Gegenwart gegenüber stelle» wird, desto mehr wird sich in einzelnen kritisch gestimmten Geistern die Anschauung befestigen, daß die Religion ihren j Ursprung hat in den Gelüsten herrschsüchtiger Priester, welche für ihre j Zwecke die Leichtgläubigkeit der Massen ansbeuteten, und daß sie auch! nur so lange dauern wird, als es hinlänglich Schafe giebt, um der! Pfeife des Hirten zu folgen. Man wird z. B. den Rabbiner fragen: l Giebt es wirklich einen trotz aller Forschungsreisen nuentdeckten Lrt,! an welchem die Quellen des- Euphrat und Tigris mit denen des Ril und etwa des Indus oder Ganges entspringen, und überdies als Abzweigungen eines einzigen großen Stromes? Ter Rabbiner wird antworten: Das ist allerdings so oder es war wenigstens einmal so. ] Was wird die Folge sein? Man wird sagen: Der Mann macht es! sich bequem. Er redet sich in ein Neuffens hinein, uni seine Stellung! moralisch zu behaupten; thatsächlich denkt er iin Grunde seines Herzens anders. Tie letzte Folge wird aber sein, daß man die Religion als etwas Unhaltbares ansieht, tvas nur infolge der dem Menschen angeborenen Geistesträgheit sich zum Scheine behauptet. Wenn Sie hingegen offen eingestehen, daß Gott zu keiner Zeit | die Absicht gehabt haben könne, den Menschen auf dem Wege des j Wunders Naturgeschichte beizubringen, tvährend er ihnen den maßlos! forschenden Geist geschenkt hat, damit sie durch ihre eigene Thütigkeit! ihrett Gesichtskreis zn erweitern vermögen, wenn Sie ferner folgerichtig zugeben, daß die Erzählungen über den Ursprung des Menschen- I geschlechtes, wie sie in der heiligen Schrift enthalten sind, nur die! allgemeinen, wie die Keilschriften zeigeit, nicht einmal den Israeliten s allein eigenthümlichen Vorstellungen davon enthalten, daß ferner die Göttlichkeit des Berichtes nur in der auf Gott als Weltenmittelpnnkt gerichteten Anschatiung liegt, so werden Sie viele aufrichtige Herzen, Me Gott suchen, mit der Religion versöhnen, ganz besonders aber i Me Jugend gewinnen, welche heutzutage ebenso unnöthiaerals! mnlltzerweise mit der Pflicht des Glaubens an lintnögliches be-! chwert wird.! Nicht viel anders steht es mit den Anschauungen über das rabbij tische Schriftthum. Gewohnheitsmäßig hat sich die Anschauung gej üldet, daß wir glauben müssen, die rabbinische Litteratur sei eitel! Weisheit und göttlichen Ursprunges. Nun aber findet der Eine oder! :er Andere in einem der zahlreichen Werke, welche der Antisetttitisinns j nie Pilze nach dem Regen hat hcrvorschießen lasse», irgend eine! izarre oder gar bedenkliche Aeußerung aus dem Talmud. Er fragt! eu Rabbiner danach, und der Rabbiner gesteht die Aeußerung zu, \ ull sie aber vcrtheidigen oder umdeuten. Wird man ihn nicht als! nren Heuchler betrachten, dessen Urtheil statt nach Wahrheitsnur > ach Zweckmäßigkeitsgründen sich richtet? Wird er nicht das Ent-; egengesetzte von dem erreichen, was er erreichen wollte, daß er auch j Me Achtung vor dem Theile des rabbitnschen Schriftthutns unterj -.fabelt wird, welcher die höchste Achtung verdient? Tiefer Theil meiner Ausführungen ivird, ich bin mir dessen wohl ' ewußt, am meisten Anstoß erregen. ES wird nicht an Leuten fehlen, reiche, wie Sie mir vor nicht langer Zeit mitthcilten, mit drohend i zusammengezogenen Augenbrauen und unwilligem Kopfschütteln sagen werden: „Der Mann kann doch kein Blatt Gemara lernen". Ich mache mir aus solchen Leuten nichts und ermahne Sie, mein lieber Freund, daß Sie es mit diesen Herrschaften ebenso halten. Nichts ist bequemer, als dem Gegner Unwissenheit vorzuwerfen. Man hilft sich so am leichtesten aus der Verlegenheit, indem man thut, als stehe der Gegner gar zu tief, als daß man sich aus der Höhe der eigenen für die Mehrzahl der Sterblichen gar nicht erreichbaren Gelehrsamkeit zu ihm herablassen wollte. Man beruft sich vielleicht auch auf König Salomos Wort: „Antworte dem Narren nicht nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleichest" (Sprüche 26, 5), obwohl der Talmud diesen Ausspruch nur für eine Kontroverse in weltlichen Dingen gelten lassen will (Sabbath 30, b), während für religiöse Dinge der andere Theil der Antithese gilt: „Antworte dem Narren nach seiner Narrheit, damit er sich nicht weise dünke". Hat nicht Moses selbst es als sein Testament hinterlassen, daß die Lehre Gottes „nicht im Himmel ist und iticht jenseits des Meeres" (V. Moses 30, 11 ff.). Merken Sie sich das: Was sich mit dem geheinmißvollen Schleier des Adeptenthums utngicbt, sei es Goldtnacherknnst oder Kabbala oder was es sonst dieser Art sein mag, es ist nichts als Schwindel oder hochmüthige Hohlköpfigkeit. Uebrigens lassen Sie uns sehen, ob denn diese Dinge wirklich von der Art sind, daß sie für ein gewöhnliches Menschenkind mit normalen Siitnen und normaler Bilduttg nicht zugänglich sein können. U Die Lreuhersonate des Grafen Tolstoi. Von Rabbiner Dr. I. Caro in Pilsen. Fürst Galitzyn hat Recht. Auf die Frage, ob er die Kreutzersonate von Tolstoi gelesen, antwortet er: Es haben sie ja Aste gelesen; gerade so tvie der Influenza, konnte ihr Niemand entgehen. Sie beschäftigt die öffentliche Meinung so sehr, daß es fast für jeden Gebildeten zur Pflicht wird, sie gelesen zu haben. Es handelt sich um das Problem der Ehe. Ein russischer Gutsbesitzer, der alle sinnlichen Genüsse der goldenen Jugend bis zum Ueberdruß durchgeschwelgt hat, verheirathet sich mit einer Dame lgleichen Charakters und Temperaments. Da dieser Ehe jedes ethische Moment abgeht, und da die Gleichheit der Charaktere die gewöhnliche Abstoßung bewirkt, bleibt in derselben nur der geschlechtliche Umgang als Inhalt übrig. Der Verdacht, sich in diesem mit einem Andern theilen zu müssen, macht den Ehemann rasend und zum Mörder. Er ersticht seine Frau, ohne sie in flagranti ertappt zn haben. Der Nebenbuhler, ein Musiker, hatte nach seiner Meinung durch Musik, besonders durch die Kreutzersonate — inde nomen — das Herz des Weibes verführt. In einem Eisenbahneoupö trügt nun der von der Jury freigesprochene Mörder Reflexionen über seine That vor, Gedanken, die Tolstoi ausdrücklich als die seinigen in Anspruch nimmt. Er hat in der Ehe ein Haar gefunden, ist darüber alt geworden und bekennt sich nun zur Abtödtung des Fleisches bis in die äußersten Konsequenzen. Die Vernichtmtg des Menschengeschlechtes durch allgemeine Ehelosigkeit und Keuschheit ist sein Ideal. Inwiefern der Mystiker Tolstoi bei seinem Gedankengange von irgend einem religiösen Standpunkte ausgeht, ist nicht Gegenstand unserer Untersuchung, in ethischer "und moralischer Beziehnng hat ihm der Fürst Galitzyn in einer kleinen Erzählung „Du sollst nicht tobten" in einer wahrhaft liebenswürdigen und reizenden Weise erwiedert. Aber Tolstoi hat zu seiner Erzählung ein Nachwort erscheinen lassen, in welchem er

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