Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1890)
- Date
- 1890-10-30
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
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ganzen Reiche, nach einheitlicher Direktive des Rabbinerverbandes, der Inspektion der Rabbiner unterliegen müßte. Wir wissen, das; solch ein Jnspektionsbesuch eines Rabbiners, selbst nur einmal im Jahre, von bleibendem Werthe und Einflüsse nicht inir für den Unterricht, sondern für die inspizirtc Gemeinde ist. Ganz unwillkürlich glauben solche Gemeinden auch der Seelsorge des betreffenden Inspektors zn rinterstehen und wenden sich in allen irgend dringlichen Fällen an ihn. Die Kosten würden die Gemeinden bezw. der Gemeindebund gern tragen, wie denn auch der Gemeindetag schon wiederholt die Nothwendigkeit solcher Inspektionen ausgesprochen hat. Die Schwierigkeit aber liegt vorläufig auf einem ganz anderen Gebiete. Unsere Lehrer gefallen sich nämlich vielfach in einem gewissen Widerspruche gegen die Rabbiner und mögen diese nicht gern als Vorgesetzte anerkennen, ihren Unterricht also auch nicht von jenen inspiziren lassen. Dieser Widerstand hat darin seinen gewiß nicht ganz unberechtigten Grund, daß der Lehrer dem Rabbiner, wenngleich eine umfassendere Fachkenntniß, so doch keine höheren pädagogischen Kenntnisse, als sich selbst, zngesteht. In der That ist es als ein Fehler zn bezeichnen, das; unsere Rabbiner nicht insgesammd darauf sehen, neben ihrem Doktordiplom auch die Berechtigung zum Unterricht in den höheren Gymnasiatlassen zn erwerben. Es lväre ein Verdienst der Rabbinerseminare, wenn sie ihren Hörern die Erlangung der facultas docendi zur Pflicht machten. Die Ablegung eines Staatsexamens, die auf solche Weise von den Rabbinatskandidaten verlangt würde, dürfte diesen späterhin sehr zu Gute kommen. Ganz abgesehen davon, daß das äußere Verhältnis; des Rabbiners zum jüdischen Gemeindelehrer dem eines Gymnasiallehrers zum Elementarlehrer vielfach ähnelt, haben auch die Gemeindemitglieder, welche heute die Fähigkeit, die Fachbildung eines Rabbiners zu belirthcilen meist entbehren, einen Gradmesser für dessen allgemeines Wissen. Den größten Erfolg würden wir darin sehen, das; der Rabbiner auf diese Weise kraft seines Zeugnisses die Fähigkeit hätte, wirkliches — statt wie bisher zugelassenes — Mitglied des Lehrerkollegiums öffentlicher höherer Lehranstalten zu werden. Die Stellung des jüdischen Religionsunterrichts im Lehrplan solcher Anstalten würde mit einem Schlage eine andere werden, und manche Forderung dürfte uns da»» von Seiten der Behörden zugestanden werden, die uns heute beharrlich verweigert wird.? Griefe an einen jungen Theologen. Von Dr. G. Deutsch, Rabbiner. Sie beklagen sich, mein lieber Freund, das; ich Ihnen schon längere Zeit nichts geschrieben habe. Sie wissen ja, die Mehrzahl der Briefe beginnt mit einer Entschuldigung wegen verspäteten Schreibens. Ich aber will mich nur rechtfertigen mit den Worten des Midrasch zu»; Hohen Liede (5, 2): „Ich schlafe und mein Herz ist wach." „Wenn ich auch zu schlafen scheine wegen Mangels an Thaten, mein Herz ist wach in liebevoller Gesinnung." Ja, cs ist eine schöne Sache um unsere heilige Schrift, wie um das rabbinische Schriftthum. Wir suchen in jener nicht inehr Orakel, wie die alten Rabbinen gethan haben, die ein vorübergehendes Kind nach seinem Bibelverse, d. h. offenbar nach seiner letzten Lektion, fragten (Chnllin 95, b, Gittin 56, a); wir sehen in diese,; nicht mehr die Quelle der höchsten, für Menschenkinder erreichbaren Weisheit, aber wir fühlen uns doch durch beide emporgehoben zum Göttlichen, angeregt von dem Geiste Gottes, der ans den alten Heiligthümern redet. Wir glauben wohl nicht mehr, das; die Geliebte, die in ruheloser Nacht den Geliebten sucht, „die Versammlung Israels" ist, wie die Rabbinen sagen, und daß der Geliebte, der heruinschweift auf den Bergen und jagt auf den Hügeln, (Kokt, der Herr, sein soll. Wir wissen ganz wohl, das; wir es mit einem LiebcSdrama zu thun haben, in welchem der König um die Winzerstvchter wirbt und sie endlich heimführt in goldgcschunickter Sanfte, begleitet von sechzig Trabanten; aber wir fühlen den göttlichen Geist aus dem Buche, der uns unser ganzes ruheloses Suchen nach Gott, unsere unstillbare Sehnsucht nach Bereinigung mit ihm, unser Bewußtsein der Unwürdigkeit, ihm anzugehören, unser Hangen und Bangen so verständlich inacht durch die Worte: „Ich schlafe und mein Herz ist wach." Wir wissen wohl, daß die Rabbinen keine Tradition aus dem Munde Salomos hatten über die richtige Auslegung seiner Worte, aber wir wissen auch, das; sie den Kern und Stern derselben erfaßt haben, >venn sie sagen ’sbi mpnxn srr rw irr. Ich kann wohl nicht, aber ich will, ich will von ganzem Herzen. Glauben Sie mir, mein lieber Freund, wenn ich auch nicht geschrieben habe; mein Herz war oft bei Ihnen. Es ist bei Ihnen, wenn ich in meiner amtlichen Thätigkeit eine Erfahrung mache, von der ich mir sagen muß, das; ich sie eigentlich in das Amt hätte mitbringen sollen; es ist bei Ihnen, wenn sich bei meinen Studien in mir eine Anschauung befestigt, die ich als fertiges Resultat hätte erhalten tonnen, und es ist bei Ihnen, wenn ich in meinem eigenen religiösen Leben eine Wahrnehmung mache, welche mir die Thatsache der religiösen Wahrheit innerlich bekräftigt. Sie wundern sich, lieber Freund, das ich Ihnen immer über die Gegensätze religiöser Anschauungen schreibe. Sie sollten sich über das Gegentheil wundern. Bon dem richtigen Standpunkt wollte Archimedes die Welt bewegen, und nur an einen; richtigen Standpunkt kann auch der Hebel seelsorgerischer Wirksamkeit mit Erfolg angesetzt werden. Sehen Sie sich nur in ihren; eigene;; Bekanntenkreise um. Ter Eine kommt mit den; frischen Muthe, welchen keine Enttäuschung bisher geschwächt hat, ins Amt. Seine erste Sorge ist die Mikwa; er findet sie nicht ganz den; Gesetze entsprechend oder nicht gut genug eingerichtet; natürlich tvird auf die Mitglieder des Vorstandes Sturn; gelaufen. Die Einen sagen wohl, das; das Bedürfnis; nicht vorhanden sei, die Andern, daß die Kosten der Herstellung sich zu hoch belaufen, begeistern können sich Wenige für das Opfer, welches der Gemeinde zugemnthet wird, aber dem neuen Rabbiner kann n;an nicht von aller Anfang Schwierigkeiten machen; man giebt nach, sei es uni des Friedens willen, sei es, weil man sich sagt, der Rabbiner müsse die Illusion wahren, daß das unhaltbar Gewordene noch immer zu Recht bestehe. So hat er einen wesentlichen Theil seines Einflusses als Raketenfeuer verpufft und die Kräfte der Gemeinde einseitig in Anspruch genonnnen, so daß der erstere in andern Fällen gebunden ist, die letzteren für wichtigere Zwecke nicht mehr ausreichen. In einem andern Falle ist es wieder das Koscherfleisch, welcher die Aufmerksamkeit des Rabbiners auf sich gezogen hat; er arbeite' nun so lange, bis die Gemeinde mit unverhältnißinäßigen Opfern einer neuen Schächter angestellt und neue Ueberwachungsmaßregeln getroffen hat. Die Folge ist nur die, daß der geringe Theil von Gemeinde Mitgliedern, welcher darin seine religiösen Pflichten sieht, befriedig; ist, ein anderer vielleicht, ohne sein Gewissen entlastet zu sehen. diese Wohlthat nritgenießt, während der weitaus größte Theil der Ke rneinde sich um die ganze Errungenschaft nicht künunert. So sind schwere Summen ausgegeben, ohne daß für das religiöse Leben der Gemeinde das Wesentlichste geschehen ist. Eine viel geringere Summe Hütte hingereicht, um eine große Zahl von Gemeindemitgliedern mit dem geistigen Leben des Inden thums vertraut zu machen, um ein Lesezimmer zu eröffnen