Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. Seite 539

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
Seite 539 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227868--47457-3268980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

539 ~ In Nr. 38 dieses Blattes sind zwei Ziele als die zunächst zu erstrebenden hingestellt worden. Es sind dies die Schaffung leistungsfähiger Gemeinden oder Gemeindegruppen und die Erhöhung des Einflusses der Rabbiner. Wir stimmen dem gern zu. Doch nicht von außen her lassen sich die Mittel hierfür bieten, der Einfluß des Staates würde kaum im Stande sein, selbst wenn wir hoffen dürften, daß er zu nnsern Gunsten sich anrufen ließe, nach jener Richtung hin Befriedigendes zu schaffen. Denn die Bliithe unserer Gemeinden erwächst nicht aus der Stenerkraft, sondern aus der Opferwilligkeit ihrer Mitglieder, und der Einfluß der Rabbiner beruht nicht auf ihrer amtlichen Stellung, sondern auf der Achtung der Gemeindeniitglieder vor ihrer Thätigkeit. Um dies zu erreichen, hilft kein Gesetz, da ist Selbsthilfe, da ist fester und guter Wille uöthig, zu erkennen, was der Aenderuug bedürftig ist, und diese Aenderung auszuführen. Die Vorbedingungen sind gegeben. Die Gemeinden sowohl wie Rabbiner und, fügen wir gleich Hinz», auch die übrigen Beamten haben sich zu Verbänden znsammengethan, oder sind dabei, sich in iolcher Weise zusammen zu schließen. Wir haben den Deutsch- Zsraelitischen Gemeindebund, den Rabbinerverband, den Kantorenuerei», die Lehrervereine, deren Bestreben, sich zu einem israelitischen rehrerbnnd zu vereinen, immer mehr der Verwirklichung nahe rückt. Wenn Wiese Verbände durch zahlreicheren Beitritt von Mitgliedern bekräftigt würden und dann im Verein mit einander und in Rücksicht »uf einander wirken wollten, so würde das erhoffte Ziel schneller, als es heute den Anschein hat, sich erreichen lassen. Schaffung leistungsfähiger Gemeinden — so lautete das erste Ziel. Doch was heißt denn „Leistungsfähigkeit einer Gemeinde?" Die Gemeinden selbst werden diese Frage verschieden beantworten, und die Leistungsunfähigkeit liegt gar oft weniger in dem Mangel an Mitteln, als in den falschen Ansprüchen, welche die Mitglieder an den Gemeindesäckel stellen. Der alte Spruch von den drei Dingen, auf welchen die Welt beruht, auf Lehre, Gottesdienst und Wohlthütigkeit, schildert uns zugleich die drei Gebiete, auf welchen die jüdischen Gemeinden zu wirken haben, er giebt »ns aber auch zugleich die Reihenfolge an, in welcher die Gemeinden diesen religiösen Bedürfnissen nachzukommen Haben. Erst die Lehre, dann der Kultus, zuletzt die Wohlthütigkeit! Man mißverstehe uns it nicht! Keinesweges sollen Gottesdienst und fromme Liebeswerke cine Einbuße erleiden, doch zurücktreten faßen sie hinter der obersten Pflicht der Gemeinde, der Fürsorge für den Religionsunterricht. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist es ein Vorzug des preußischen v-esetzes vom 23. Juli 1847, daß es diese religionsgesetzliche Pflicht in einer staatsgesetzlichen macht, und jeder Synagogengemeinde aufcrlegt, „dafür zu sorgen, daß es keinem schulpflichtigen Kinde an dem »öthigen Religionsunterricht" fehle. Sind aber unsere jüdischen wemeindevorstände in den Geist dieses Gesetzes eingedrungen? Weit gefehlt! Ihnen steht immer noch der Kultus obenan, und für diesen mtfaltet sich ein nur zu oft übertriebener Aufwand an Mitteln, bine eigene Synagoge, ein Prachtbau — das ist's, wonach kleine «Gemeinden zuvörderst streben, unbekümmert, ob dadurch auf Jahrzehnte hinaus der Etat der Gemeinde mit Schulden belastet wird, vür den Unterricht aber sind meist keine Mittel vorhanden. Die große Mehrzahl der jüdischen Gemeinden Deutschlands vermag nicht >uehr als einen einzigen Beamten anzustellen. Doch worauf sieht man bei der Anstellung? Daß man einen geprüften, in feinem Fache tüchtigen l'ehrer erhält? Keineswegs. Eine schöne Stimme, das ist das Hauptnforderniß, nicht das Bedürfniß nach Unterricht, nein, das Verlangen lach Verschönerung des Gottesdienstes ist inaßgebend, nicht ein Lehrer, ondern ein Kantor wird gewünscht. Das ist ein Uebelstand, ein Verkennen der wahren Bedürfnisse des Judenthums, wie der Gemeinden, und daher rührt zum großen Theil die Lcistnngsunfähigkeit der letzteren. Denn diesem Uebelstande allein ist es zuzuschreiben, daß jede noch so kleine Gruppe von Glaubensgenossen, welche an einem Orte beisammen wohnt, ihren eigenen Beamten haben will. Der Religionsunterricht ist nicht an bestimmte Tage und Tageszeiten gebunden, wie der Gottesdienst; ihn kann daher ein Lehrer an den verschiedenen Tagen der Woche in mehreren Ortschaften ertheilen; der Kantor aber ist an den Ort gefesselt und kann nur einer Gemeinde dienen. Hier ist der Hebel anzusetzen. Unsere kleinen Gemeinden, welche einen Beamten nur unvollkommen besolden können, niögen anfhörcn, durch Ausschreibung von Stellungen mit nngenügendem Ertrage ein Proletariat zu züchten; sie mögen den Vorbeterdienst durch würdige Gemeindemitglieder ausüben lasten und, indem sie zum Zwecke des Unterrichts sich mit einer oder mehreren Nachbargemeinden verbinden, dem Lehrer ein angemessenes Einkommen, ihren Kindern einen angemessenen Unterricht sichern und verhindern, daß eine religionslose Jugend heranwachse. Dann werden sie am besten für das Wohl der Gemeinde gesorgt haben. Es ist das Verdienst des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, durch ständige Zuschüsse diese Institution des Wanderunterrichts in vielen Gemeinden ins Leben gerufen und erhalten zu haben. Soll dieselbe aber in ausgiebiger Form und nicht nur in Preußen, sondern auch in den übrigen Theilen des deutschen Vaterlandes, welche in gleicher Nothlage sind, ausgebreitet werden, so gilt es, den Gemeindebund zu stärken und ihn kräftiger mit Mitteln zu versehen, als dies in den ersten zwei Jahrzehnten seines Bestehens der Fall war. Es ist in der That kein Zeichen von großem Gemeinsinn der deutschen Jriden, ivenn von 2600 Gemeinden dem Bunde erst 450 angehören, und kein großer Beweis von Opferwilligkeit, wenn diese 450 Gemeinden, unter denen die größten und reichsten sich befinden, kaum 8000 Mk. jährlich an Beitrügen aufbringen. Auch die Zahl von etwa 300 außerordentlichen Mitgliedern entspricht nicht der Anschauung, welche man von dem Wohlthütigkeitssinn der deutschen Glaubensgenossen zu hegen pflegt. Der letzte Jahresbericht des Bundes weist zwar ein Vermögen von über 130,000 Mk. auf. Hiervon gehören aber den vom Bunde verwalteten Stiftungen nicht weniger als 117,000 Mk., sodaß die deutsche Judenheit in ihrer Centralkasse für gemeinsame Zwecke im Ganzen ungefähr über 13,000 Mk. verfügt. Eiire klägliche Summe! Als der Gemeindebund im Jahre 1888 für Zwecke des Religionsunterrichts in Deutschland sammelte, war das Ergebnis; etwa 12,000 Mk.; zur Hebung des Schulwesens in außereuropäischen Ländern steuern aber die deutschen Juden jährlich etwa 80,000 Mk. bei. Diese Zustände müssen eine Aenderung erfahren, und sie werden es, sobald Rabbiner und Lehrer wärmer als bisher für den Bund, und damit für die Gesammtinteressen der deutschen Judenheit eintreten. Denn mit dem Gedeihen der Gemeinden hält Stellung und Würde der Beamten gleichen Schritt. Dies führt uns zu der zweiten Forderung, der Erhöhung des Einflusses der Rabbiner, und zwar bedarf es dieser Erhöhung sowohl intensiv als extensiv. Es ist nicht nur wünschenswerth, daß in den Amtsgemeinden der Rabbiner deren Einfluß sich mehre, sondern namentlich, daß die Wirksamkeit unserer Geistlichen größeren Bezirken zu Gute komme. Hierzu ist nicht direkt die Einrichtung von Bezirksrabbinaten nöthig. Es würde hierzu genügen und schon zu dem gewünschten Ziele führen, wenn die Rabbiner zu einer umfassenden Thätigkeit bezüglich des Religionsunterrichts gelangen könnten. Auf diesem Gebiete ist heute jeder kleine Lehrer fein eigener Herr. Wir sind der Ansicht, daß dieser gesammte Unterricht im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.