Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1890)
- Date
- 1890-10-30
- Page
- Seite 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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538 gegen die russische» Juden und mit ihm Jeder, der Menschenrecht ehrt. Hört es aber vor Allen, ihr theuern Glaubensbrüder! Auf, zur raschen Hilfe! Mitleid, erbarmende Liebe ist eine vielgeriihmte Tugend unseres Stammes, hier gilt es, sie zu üben. Verweilen wir einen Augenblick bei der Vorstellung der unmenschlichen Leiden und Qualen, wir, die wir uns des Schutzes der Gesetze erfreuen. Müßten wir da nicht zu jedem Opfer bereit sein, den gepeinigten Brüdern beizusteheu, ihnen zu einem bessern Loose zu verhelfen? Wohl mag so mancher denken und in stolzem Selbstgenügen sein Gemüth damit beschwichtigen, das Gros der russischen Juden verdiene ihr schweres Schicksal. Ich selbst habe gelegentlich einer Sammlung kür eine aus Rußland vertriebene jüdische Familie von einem sonst sehr verständigen und vorurtheilsfreien Manne eine solche philanthropische Aeußerung gehört. Allerdings muß zugestanden werden, es ist nicht die Elite der Nation, die am härtesten betroffen werden, aber sie sind gewiß nicht schlechter als ihre Peiniger und würden unter günstigeren Verhältniffen sich wohl zu besseren Menschen entwickeln. Diese Armen, Enterbten der Gesellschaft, die täglich mit der gemeinsten Noth des Lebens zu kämpfen haben — kann es Wunder nehmen, daß sie in Sprache, Haltung und Geberde nicht die angenehmsten Geschöpfe sind, daß sie zu einem großen Theil verwahrlost und bis zur Infamie herabgesunken sind? Danken wir demüthig nnserm Schöpfer, daß wir die Glücklicheren sind und darum leicht die Gesitteteren werden. Aber Erbarmen und Hilfe erheischt gebieterisch die Noth des gequälten Brudervolkes, nicht nur weil sie Juden, sondern weil sie Menschen sind, auch in ihrer traurigen Entartung, die diejenigen zu verantworten haben, die sie dazu getrieben. Die Reichen erkaufen oder erlaufen sich zumeist die Erlaubniß, in dem trotz Allem und Allem geliebten Vaterlande zu bleiben. Was aber soll die fast zu Tode gehetzte und gequälte Schaar? — Die Leute von Äodom. Von Georg Minden. In einem Berliner Theater sollte vor Kurzem ein Stück zum ersten Male aufgeführt werden, welches den Titel führt: „Sodoms Ende". Viele unserer männlichen und weiblichen Glaubensgenossen hatten — wenn ich recht berichtet bin, lediglich aus Interesse an dem biblischen Titel, der einen religiösen Inhalt voraussetzen ließ — Premierenbillets bestellt. Da wurde die Vorstellung polizeilich verboten, und man weiß über den Inhalt des Stücks nichts Authentisches. Was man aber allgemein weiß, ist, daß Sodom wegen der in ihm verübten Laster zu Grunde ging, und daß die neugierige Frau Loth, weil sie sich noch einmal umsah, zur Salzsäule wurde. Nicht so allgemein bekannt ist, daß die Leute von Sodom in unseren Gebetbüchern noch einmal Vorkommen, nämlich in den Sprüchen der Väter V, 10. Dort heißt es nämlich: Vier Sinnesarten giebt's bei den Menschen. Wer spricht: das Meine ist mein und das Deine dein — das ist die gewöhnliche Denkweise. Wer spricht: das Meine ist dein und das Deine mein — das sind die Leute ohne höhere Bildung. Wer sagt: das Meine ist dein und das Deine auch dein — das ist die Art der Fromnien. Wer sagt: das Deine ist mein und das Meine auch mein — so denkt der Frevler. Dies Alles ist leicht verständlich; einige Stellen klingen sogar so, als seien sie direkt für unsere Zeit und nicht schon vor fast 2000 Jahren geschrieben. Eine Zwischenbemerkung aber liegt dem Verständniß nicht so nahe und erschließt sich erst bei einigem Nachdenken. Hinter dem ersten Satz: seheli, seheli, schelecha schelacli, das Meine ist mein unb das Deine dein — das ist die gewöhnliche Denkweise, hat nämlich der Weise einfließen lassen: Manche sagen: das sei die Art von Sodom gewesen. Wie? fragt man zuerst erstaunt: In Sodom, wo auch nicht zehn Gerechte sich fanden, dort soll man so gedacht haben, wie nur der gerechteste Mann denken kann? Das muß wohl ein Druckfehler sein; aber es steht da und weicht nicht, und wenn man sich mit der Frage beschäftigt, so findet man, daß auch die Römer, das Rechtsvolk, von dem wir noch heute den größten Theil unserer Rechtsbegriffe haben, ebenso dachten. Sie sagten: Summum jus, summa injuria, das höchste Recht ist das höchste Unrecht, und trat justitia, pereat mundus. „Wenn man die Gerechtigkeit aufs Aeußerste treibt, geht die Welt unter." Das ist doch derselbe Gedanke, wie die engherzige Gerechtigkeitsliebe von Sodom von unserm Weisen geschildert wird. Aber auch bei uns ist an solchen Gesinnungen kein Mangel. Man braucht gar nicht gleich an Shylock zu denken, der auf seinem Schein besteht. Die Gattung seheli seheli sieht bei uns viel harmloser aus: es sind lauter Gemüthsmenschen. Da ist der Streber, der mit seiner Familie den Sprung über die Grenze macht und denkt: Was gehen mich meine Stammesgenossen und der Antisemitismus an? An der Nase wird man uns doch nicht ansehen, woher wir stammen. Da ist der Separatist, der zu den Lasten der Gemeinschaft nicht beitragen will, weil nicht Alles nach seinen Wünschen eingerichtet ist. Da sind auch die, die zwar an Familientradition hängen, ihre Kinder aber möglichst von den Andern sernhalten wollen, anstatt sie zu Gliedern der Gesammtheit, der Gemeinde zu erziehen. Da sind die, die eine kleinliche — wenn man in jüdischen Dingen so sagen darf — Kirchthurmspolitik treiben, anstatt ihren Sinn auf's Große und Ganze zu richten. Da sind — doch ich fürchte, daß ich alle Zeitgenoffen und schließlich mich selbst unter die verschiedenen Zweige der Familie seheli seheli einrangiren werde, wenn ich so fortfahre. Und doch liegt die geschilderte Engherzigkeit dem Judenthum so fern, wie nur möglich. Dies hat sehr gut der Sprachgenius des deutschen Volkes herausgefühlt, der keine drastischere Bezeichnung für Leute von dieser Gemüthsart kennt, als den Namen der Todfeinde des alten Israel: er nennt sie mit Vorliebe Philister. Gegen Philisterthum und Philisterhaftigkeit anzukämpfen, wie der starke Simson und der kleine David, das ist unsere Aufgabe als Juden nicht minder, wie als Deutsche. Denn engherzige Gesinnung — das ist der Anfang von Sodoms Ende. 9 Unsere Gemeinde-Verhältnisse. Von Arnold Budwig. II. Die zahlreichen Reformvorschläge, welche in der jüngsten Zeit in Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln für die Umgestaltung der jüdischen Gemeinde-Verhältnisse in Preußen veröffentlicht worden sind, haben allerdings genügende Beweise für die Reformbedürftigkeit dieser Verhältnisse zu Tage gefördert; doch leiden fast alle diese Vorschläge daran, daß sie im Eifer, das Bessere zu erreichen, über das Ziel hinausschießen. Fast alle erstreben sogleich die Umgestaltung der gesammten Organisation der jüdischen Gemeinden und sprechen auf diese Weise Wünsche aus, zu deren Erfüllung ein Eingreifen der Gesetzgebung nothwendig wäre. Wir meinen, daß das Gute näher liegt, und daß der heutige gesetzliche Zustand wohl auch die Grundlage bietet, um eine Besserung so manchen Schadens herbeizufithren.