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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-30 · Heft 42 (30.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 42 (30.10.1890)
Date
1890-10-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 30. Oktober J890 54. Jahrgang. Ar. 42. Allgemeine eitung des Iudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner 8^ Ludwig Philippson-Nonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerufnlemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion lind Expedition sind an die Adresse: Berlag der „Allgem. Zeitung des Iudenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße -48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. In I) it 11. Leitartikel: „Mütterchens Jttdeil". Bon Dr. PH. Krön er. — Die Leute von Sodom. Von Georg Mniden. — Unsere Gemeinde-Verhattiiisse. II. Von Arnold Budloig. — Wissenschaft und Litteratur: Briefe an einen jungen Theologen Von Tr. G. Deutsch. — Tie Krentzersonate des Grafen Tolstoi. Von Dr. I. Caro. — diene Aunassnng eitriger Stellen des biblischen Exodusberichtes. Von Professor Tr. Georg Ebers (Schlnfz). — Feuilleton: Ter unbekannte Gast. Von Eduard Kulte (Fortsetzung). — Aus dem Wochenabschnitt Wafern- Voll Tr. Samuel Kristeller. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, 'Mn, Hannover, Lnblinit;. Hildesheim, Düsseldorf, Kempen, Paris, London. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miscelten. - Bei der Redaktion cingeaangene Bücher. „Mütterchens Inden". Voll Vabbiiler Tr. Ph. K rauer in Berlin. Herr Prediger Dr. iheol. M oritz Schwalb ans Bremen sendet mir folgendes Schreiben: Sehr geehrter Herr! In den drei letzten Nummern der „Nation", vorn 4., 11. und 18. d. M., habe ich drei Anssatze gelesen, betitelt: „Mütterchens Juden". Das „Mütterchen" ist das heilige Rußland. Tie Art aber, wie es seine Jllden, besonders seit nenn Jahren, behandelt, war mir, obwohl ich mich, wie Sie wissen, für Israel sehr interssire, nur in geringem Maße bekannt. Von der Ausdehnilng und der Abscheulichkeit der im ,>ahre 1881 mit der Konnivenz der russischen Behörden, aller Wahrscheinlichkeit nacf) in Folge allerhöchster, wenn auch nirfit offizieller, befehle oder Wünsche ausgeführten Greuelthaten hatte ich keine Erstellung. Ganz erstaunt war ich, daß ich, ein Zeitgenosse solcher Zerbrechen, so wenig davon erfahren hatte. Man hat ja freilich ur ein paar 2aufenbc ermordet, nur für drei Millionen Rubel ldischen Eigenthums verbrannt oder geplündert! Es bleiben immer :och vier Millionen Juden übrig in Mütterchens Hanse! Von escn soll jetzt wenigstens die Hälfte zu Hause verhungern oder, l it dem Bettelstäbe in der Hand, answandern. Zwei Millionen userer Mitmenschen droht ein solches Schicksal, im Jahre des e-eils 1890! Mich überkommt ein unaussprechlicher Zorn und ein wwerer Kummer, wenn ich daran denke. Aber, geehrter Herr, was thun Ihre Leute, was thun Sie lind 'chre Kollegen, um diesen Ihren armen Brüdern zn helfen? Blich '.inkt, jüdischer Seits niüßte, um dieser allergrößten Noth entgegenmvirken, das Allergrößte geschehen. Vielleicht könnte man in allen bindern der gebildeten Welt, überall wo Rede und Schrift nicht geknechtet sind, eine große Agitation ins Werk setzen, Entrüstung, Scham und Mitleid überall erregen. Vielleicht könnte man Mütterchens mächtigen Gemahl, das Väterchen aller Reußen, durch eine im Namen! oder mit den geschriebenen Namen einer Million unserer Zeitgenossen j dargebrachte Adresse zu einer humanen Behandlung seiner jüdischen j Unterthanen bewegen. Oiesetzt j aber, es wäre im heiligen Rußland durch keines dieser Mittel eine! Hilfe zu schaffen, dann müßte, wie mich dünkt, ein Wunder der j Liebe gelhan werden. Alle in voller oder auch nur in mäßiger Frei-! heit übenden Israeliten müßten ihren so schwer, so unerträglich! unterdrückten Brüdern die Mittel verschaffen, sich anderswo, vielleicht in Palästina, vielleicht in Argentinien, anznsiedeln. Kein Opfer dürfte zu schwer, keins könnte Gott wohlgefälliger, für die Opfernden beseligender sein. Auch fänd it sich unter uns Christen gewiß Tausende, die mit Freuden ihren Beitrag gäben zu einer solchen Spende. Ich schreibe Ihnen, geehrter Herr, mit rascher Hand, ans der Fülle des Herzens meine unfertigen (Gedanken. Sehen Sie, ob Sie etwas, und was Sie daraus machen können. Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener (gez.) M. Schwalb. Ich gestehe, nicht ohne tiefe Beschämung habe ich diesen Brief gelesen, ans dem ein gerechter, heiliger Zorn nicht nur über die russischen Barbareien, sondern auch über die Unterlassungssünden der ganzen gebildeten Welt, insbesondere der außerrnssischen Juden, sich kundgiebt. Ja, dieser heilige Zorn müßte die ganze fühlende Menschheit entstammen, sie aufrütteln zu thatkräftigem Einschreiten gegen die Rohheiten und Gewaltthätigkeiten, welche unser Jahrhundert, das sich sonst so gern seiner Siege über die brutale Gewalt rühmt, schänden. Angesichts jener himmelschreienden Unthaten müßten auch die rohesten antisemitischen Hetzer verstummen, die gewerbsmäßig die öffentliche Meinung getäuscht, die den Glauben zu erwecken versucht, daß die gegen die russischen Juden verübten Frevel von ihren Religionsgenossen in übertriebener Weise dargestellt würden, und daß diese gern die ganze Menschheit alarmiren, wenn auch nur einem Juden ein Haargekrümmt wird. Hört es, ihr Lästerer, der erschütternde Mahn- und Weckruf geht von einem edeln christlichen Theologen aus, dessen Parole allerdings Förderung des Menschenwohls ist, einem Streiter Gottes ohne Furcht und Tadel, ohne Falsch und Fehl! „Atrocity“ nennt Gladstone in einer Zuschrift au das „Jewish Chronicle" das Verfahren

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