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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-23 · Heft 41 (23.10.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 41 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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# Jüchen, Reg.-Bez. Düsseldorf, 18. Oktober. Die Synagogengemeinde Jüchen feierte Srmchas-Thora das Fest des 50jährigen Bestehens ihres'Gotteshauses. Unter Betheiligung fast aller Gemeinde-Mitglieder war eine prachtvolle Gedenktafel gestiftet worden, welche die Namen Derjenigen trägt, die durch Zeichnung von Beiträgen für längere Jahre den Bail der Synagoge ermöglicht und angeregt hatten. Die Tafel wurde während des Festgottesdienstes enthüllt, welchen in wahrhaft erhebender Weise in der aufs Schönste geschmückten Synagoge Herr- Lehrer und Kantor A. Ollendorff leitete. Die Festrede desselben, welcher als Text Hosen K. 2, V. 21, 22 zu Grunde lag, wird allen Theilnehmern der schönen Feier unvergeßlich bleiben. Gesang eines Männerchors begann und schloß die Feier. - Konzert und Ball hielten eine fröhliche Menge von Theilnehmern bis spät in die Nacht zusammen. — Der Bürgermeister wohnte dem Festgottesdienste bei. Der katholische Pfarrer sandte herzliche Glückwünsche mit der Versicherung: „daß ich an Ihrer Freude, ein eigenes Gottesdienstlokal zu besitzen, im Geiste Antheil nehme", und der evangelische Geistliche schrieb: „Ich wünsche meinen Mitbürgern von Herzen die in Psalm 1 und 119 geschilderte nilT rPirD pfiffi nflW" ein Beweis, daß die hiesige Gemeinde im schönsten Einvernehmen mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern steht, und daß die Geistlichen ihren währen Beruf darin erkennen, Duldung und Eintracht zu fördern. * Dresden, 17. Oktober. Für die Richtigkeit des Inhalts der Briefe der Kaiserin Augusta spricht beweiskräftig die von Berthold Auerbach in seinen Briefen an Jakob Auerbach vom März 1881 verzeichnete Unterredung desselben im Palais der Kaiserin Augusta mit dieser und dem großherzoglichen Paar von Baden. Der Großherzog sprach.von der Ermordung Kaiser Alexanders. Auerbach wies bedächtigerweise aber jedenfalls mnthig darauf hin, wie die fortwährende Judenhetze auch ein Werfen von Tvnamitbomben sei. Der Großherzog erwiderte, daß das hoffentlich bald vorübergehe, obwohl er die tiefe Schädigung, die das Volk damit erleide, vollkommen erkenne. Auerbach legte der Kaiserin Augusta dar, wie tief ihn die Judenhetze im Gemüth störe. „Es ist kein Geringes — sagte er — daß man sich sagen lassen muß, man gehöre nicht zu den Deutschen und sei ohne Vaterland. Das muß ich noch erleben, der ich bereits vierzig Jahre mit bester?Kraft für das deutsche Volk arbeite und im Patriotismus Niemand nachstehe." Das wurde Auerbach bestätigt. Die Großherzogin sagte: „Diese häßliche Sache ist nur in Berlin." Die Kaiserin fiel ein: „Und auch hier ist sie nur vorübergehend. Berlin treibt über Nacht, man weiß nicht woher, eine Pflanze auf am anderen Tage ist sie wieder vergangen, sie hat keine Wurzel. Die Sache ist wesentlich schon vorüber, oder ganz gewiß im Verschwinden." Auerbach bestritt das und wiederholte, daß man am Hofe wahrscheinlich von dieser Verhetzung der Gemüther und der Verdrehung allen geraden Sinnes nicht genugsam unterrichtet sei. Darauf erwiederte die Kaiserin: „Wir haben unsere Beziehungen zu den alten Freunden — ich sehe von Ihnen ab, denn Sie sind nicht nur ein Freund, sondern auch ein Dichter — immer sorterhalten und werden es auch immer so zeigen." Die Kaiserin wiederholte, wie unablässig wohlthätig die Juden sich bewähren, und wie sie selber vor Kurzem das jüdische Alters-Verwrgungshaus besucht habe, wie sie nächstens das jüdische Krankenhaus besuchen wolle, und so solle ich nur rllhig sein, es wird sich Alles wieder schon ausgleichen." — Bedarf es eines Weiteren als dieses Zeugnisses für den Hochsinn der Kaiserin Augusta und ihrer Kinder, für den Mannesmuth Auerbachs, um die Richtigkeit der angefochtenen Briefe ihrem Inhalt nach und die Nichtigkeit der antisemitischen Anzweiflungen darzuthun? Emil Lehmann. B. Stuttgart, 17. Oktober 1890. Der bekannte Berliner Hofprediger, über den gegenwärtig in den Tagesblättern Reminiszenzen verbreitet werden, besonders über sein Verhältniß zu Fürst Bismarck, hält in dieser Woche in Süddeutschlaud Vorträge über die soziale Frage. Dienstag wohnte er der evangelischen Predigerkonferenz bei, in der er eine längere Ansprache hielt. Abends hielt er einen ausschließlich für Frauen bestimmten Vortrag: „Was können die Frauen thun im Kampfe gegen die Unsittlichkeit?" Heute Abend sprach er im Festsaale der Liederhalle über das Thema: „Sozialdemokratie und Sozialmonarchie." Die Versammlung war von 3 4000 Personen besucht. Es war jedoch keine Versammlung jener Art, wie man sie als „christlich-soziale" gewöhnt ist. Das Wort „Jude" erschien in dem ganzen Vortrag nicht, nur einmal wurde von Rothschild gesprochen, so daß sich mancher antisemitische Zuhörer enttäuscht sah. Der Redner führte in seinem Vortrage aus, bei der Sozialdemokratie sei falscher, in der Sozialmonarchie gesunder Sozialismus. Die Geschichte der sozialen Bestrebungen wurde des Näheren vorgeführt und dabei auch Lassalle gewürdigt. — Als Delegirter für den sozialistischen Parteitag in Halle wurde in Eanustatt Schriftsteller Stern von hier, früher Rabbiner in Buttenhausen, gewühlt. Belgien. * Brüssel, 13. Oktober. Ein unerhörter Skandal hat sich heute bei der Wiedereröffnung der hiesigen Universität zugetragen. Die Feierlichkeit vollzieht sich übungsgemäß im großen Saale des Rathhauses. Es war daher neben den Professoren and) der Oberbürgermeister, Herr Buls, und ein städtischer Polizeikommissar erschienen; das Eintreten dieses Beamten regte die Studenten auf und sie begannen durch Pfeifen, Zischen, Scharren, Miauen und ähnliche internationale Kundgebungen studentischen Unwillens gegen die Anwesenheit der Polizei zu protestiren. Die Stimmung der Jugend war bereits eine sehr gehobene, als der neue Rektor eintrat, gegen dessen Erwählung eine Manifestation verabredet war. Ter Rektor, Professor Tr. Martin Philippsou, hat den Zorn der jungen Welt auf sich geladen in Folge eines Vorfalles, der auf deutschen Universitäten etwas Gewöhnliches ist, der hier aber kurzweg als „Verfassungsverletzung" bezeichnet worden ist. Ein junger Nationalökonom, Dr. Dmelshauer, reichte bei der philosophischen Fakultät eine Habilitationsschrift ein, welche von der Fakultät abgelehnt wurde. Als Ursache der Ablehnung wurde dem Bewerber mitgetheilt, seine Arbeit würde nicht für vollwichtig erachtet, weil sie zum größten Theit nur die Wiedergabe der Lehre eines Leipziger Professors sei. Zugleich wurde der Wunsch ausgedrückt, Herr Dwelshauer möge durch Umgestaltung seiner Schrift derselben den Charakter einer selbstständigen Leistung verleihen. Deutsche Universitäten sind, wie gesagt, sehr oft in der Lage, Dottordissertationen aus ähnlichen Gründen abzulehnen. Hier entstand aus dieser an sich sehr harmlosen Geschichte eine cause celebre. Es hieß, die Universität habe, durch Ablehnung besagter Schrift, die — Redefreiheit, also die Verfasmng verletzt, und die Freunde des jungen Doktors verbreiteten geflissentlich, die philosophische Fakultät von Brüssel habe die Ablehnung aus Abneigung gegen die in Dwelhauers Schrift vertretenen Ansichten verworfen. Der Bericht der Fakultät zeigt klar die Haltlosigkeit einer solchen Behauptung. Professor Philippsou hatte an der Ablehnung der fraglichen Habilitationsschrift einen großen Antheil, da er, als deutscher Philosoph, zunächst berufen war, die von dem belgischen Doktor wiedergegebenen Thesen des Leipziger Professors zu prüfen. Die Brüsseler Studentenschaft hat ihm auf eine sehr unfeine Weise heilte 31t erkennen gegeben, wie sie über sein Urtheil denkt. Der neue Rektor hatte kaum die Rednertribüne betreten, als die Studenten zu scharren begannen. Herr Philippsou sprach: Messieurs et Mesdames! .... Ein unendlicher Lärm unterbrach und schloß seine Rede, denn es war ihm trotz der Dazwischenkunft des Bürgermeisters unmöglich, seine Antrittsrede zu beendigen. Unaufhörlich ertönten die Rufe: „Weg mit Philippsou! Er soll nach Berlin! Dwelshauer an feinen Platz!" und Aehnliches. Schließlich sang die Jugend nach der Melodie „Lampion-Lam-pion!" taktmüßig: „A Berlin!" und „Demission!" Dreimal erhob sich Philippson zum Sprechen und mußte jedesiual vor dem Höllenlärm sich Wiederaus seinen Sessel niederlassen. Der Bürgermeister entschloß sich zuletzt, den Saal durch die Polizei räumen zu lassen, während die Professoren unter den Entrüstungsrufen der studirenden Jugend sich zurückzogen. Es kam zu thatsächlichem Widerstande, aber die Polizei wurde zurückgedrängt bis hinter das Büreau, welches die Studenten umzingelten. Erst nachdem die Polizei Verstärkung erhalten, gelang es ihr, die Studenten in den Hintergrund des Saales zurückzudrängen, worauf die Sitzung aufgehoben wurde, lieber die Ursache der Entrüstung der Studenten sei noch folgende Lesart mitgetheilt: Die studirende Jugend wollte den Rektor Philippsou nicht zum Worte kommen lassen, weil derselbe mit mehreren seiner Kollegen die öffentliche Vertheidigung einer Doktorthesis untersagt hatte, deren Tendenzen im Widerspruche mit den spiritualistischen Krauseschen Theorien des Professors der Philosophie, Thiberghien, standen. Rumänien. * Bukarest, 7. Oktober. In Plonsti ereignete sich vorgestern ein Akt der empörenden Rohheit, der die Juden dieses Ortes in begreifliche Aufregung versetzt. In das m Centrum der Stadt liegende Lokal des jüdischen Uhrmachers Brinauer traten am Hellem Tage zwei Griechen und mißhandelten ohne allen Grund den Besitzer und dessen in gesegneten Umständen sich befindende Frau auf die roheste Weise. Vor dem

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