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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-23 · Heft 41 (23.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 41 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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',4. Lcchrgang. «r. 41. 0«Zerlin. 24. Oktober 1890 HSeitcrge zur- „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 19. Oktober. Wirerhalten folgenben Aufruf, dem wir die weiteste Verbreitung und Beherzigung wünschen: Wiederum naht das Chnnukahfest und mit ihm die rauhe Winterszeit. Viele Hundert arme jüdische Kinder, welche die Kommunalschulen besuchen, ersehnen auch dieses Mal, durch Versorgung mit Stiefeln und warmen Kleidern gegen die Unbill des Wetters geschützt zu werden. Wie in unserem Rechenschaftsbericht vom 6 Februar a. c. nachgewiesen, vermochten wir allein im vorigen Jahre 901 Kinder mit einem Kostenaufwand von M. 14,153 zu berücksichtigen. Die bittere Noth einerseits, die wir nur allzuoft bei unfern persönlichen Recherchen in den betreffenden Familien gefunden, wie der aus Lehrerkreisen andererseits bezeugte günstige Einfluß unserer Bestrebungen auf die Kinder selbst verpflichten und ermnthigen um auf's Neue, die Wohlthätigkeit unserer Gemeindemitglieder, insbesondere die der Frauen, in Anspruch zu nehmen. Demnach erlauben wir uns auch in diesem Jahre, Sie zu bitten, durch freundliche Gaben an Geld, Stoffen, Jugendschriften rc. Jhrestheils dazu beitragen zu wollen, daß dies Liebeswerk wieder zu günstigem Resultat geführt werde. Jede der Unterzeichneten wird Geldbeiträge mib cva'ben mit Dank entgegennehmen und bereitwilligst Auskunft ertheilen. Berlin,, im Oktober 1890. Das Komitee für Chauukah- Bescheerung. Frau M. S. Meyer, Vorsitzende, Magarethenstraße 18. Frau Max Benjamin, Schatzmeisterin, Königgrätzerstraße 8. Frau Dr. Frankl, Schriftführerin, Schiffbauerdamm 33. Frau Michael Fiegel, Alexander-Platz 2. Frau Leopold Friedmann, Voßstraße 31. Frau Dr. I. Ginsberg, Potsdamerstraße 118. Frau Dr. Grabower, Landsbergerstvaße 03. Frau Albert Jonas, Halleschestraße 5. Frau > Tr. Felix Liebermann, Bendlerstraße 10. Frau Dr. Maybaum, Burg-! straße 1. Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam, Jägerstraße 61 a. Frau j Julius Reumann, Viktoriastraße 31. Frau Louis Oppenheim, Pots-; damerstraße 118a. Frau S. Schoenwald, Magdeburgerstraße 9. Frau! Louis Sieskind, Wilhelmstraße 67a. Frau Dr. Ungerleider, Orauieubnrgerstraße 57. Berlin, 20. Oktober. Fü r die Abgebrannten in Sa l on i ch i hat Herr Rabbiner Dr. I. Hildesheimer die Hilfe aller Glaubensgenossen in einem eben versandten Aufruf, den wir der allgemeinen Theilnahme und werkthätigen Liebe unserer Glaubensbrüder auf das Wärmste empfehleil, angerufen. In diesem Aufruf heißt es, daß die i Stadt Salon ich i am 6. September d. I. voll einem verheerenden Brande; heimgesucht wurde. Das ganze Judenviertel ist ein Raub der Flammen geworden, und nach zuverlässigen Berichten sind nahezu achtzehntausend Glaubensgenossen obdachlos und lagern, ihrer ganzen Habe beraubt,! ben Unbilden der Witterung preisgegeben, in Zelten und Baracken, welche für sie errichtet wurden.! □ Berlin, 20. Oktober. Der „Antisemiten-Spiegel" erfreut j sich in den Kreisen unserer Antisemiten des besten Hasses — ein Beweis,! wie wahr das Blld ist, das er von unferil Gegnern entworfen. Alle; diejenigen, w elche sich für die V e r b r e i t u n g des „Anti- : s e m i t e n - S p i e g e l s" i n t e r e s s i r e n, m ö gen ihr e A d r e s s e u! it e b ft den Beträgen a n d i e E x P e d i t i o n d e r „ A l l g e m.! Zeitung d es I n d e n t h u m s " (V e r l i n SW., I e r u s a l e m e rj st ratze 48) senden. Das Merkchen verdiellt die allerweiteste Ver- * breitung in ganz Deutschland. Q Berlin, 19. Oktober. Unter dem originellen Titel: „Mütterchens Juden" findet sich in den letzten drei Nummern der „Nation" ein lehr interessanter Essay über die russischen Juden, der die Geschichte der Verfolgungen sehr eingehend berichtet und die Vorurtheile gegen unsere russischen Glaubensgenossen sachlich entkräftet. Da es uns leider an! Raum fehlt, um die vortrefflichen Artikel zu reproduziren, wollen wir wenigstens an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf dieselben lenken. * Berlin, 20. Oktober. Durch mehrere Berliner Zeitungen ging kürzlich die folgende Nachricht: „Die Summe von Vh Millionen Mark ist voll dem daselbst verstorbenen Dr. med. Ephraim dem Vorstande der jüdischen Gemeinde letztwillig zugewiesen winden mit der Bestimmung, sie in Gestalt von Legaten an christliche und jüdische Wohlthätigkeitsanstalten zu vertheileu. Es kommt also hier das Kapital selbst zur Verkeilung und für zahlreiche Vereine und Anstalten wird sich somit Gelegenheit bieten zur Aufbesserung ihrer Finanzen, bezw. zur Abwälzung von Schuldenlasten." In Berichtigung dieser Mittheilung schreibt uns Herr Justizrath S. Meyer, welcher Testamentsexekutor ist, das/das Testan'.ent die Vertheilung des Kapitals verbietet und nur bestimmt, die Zinsen desselben zu wohlthätigen Zwecken zu verwenden, imb zwar „nach Maßgabe der vom Vorstände zu treffenden speziellen Bestimmungen". Der Nachlaß beträgt übrigens nicht IV« Millionen Mark, auch fehlt der Zuwendung noch die landesherrliche Genehmigung. Berlin, 18. Oktober. Unfere Gegner müssen es entweder arg treiben, daß ihre Freunde beginnen, sich ihrer zu schämen, oder mail muß an gewissen Stellen merken, daß in Bezug auf Antisemitismus der Kurs nicht nlehr der alte ist. Anders können wir es uns nicht erklären, daß die „Post" nachfolgender Korrespondenz aus Hessen Aufnahme gewährt hat: „Schreiber dieses hat vor nicht langer Zeit einer sogenannten antisemitischen Versammlung beigewohnt. in der der bekannte Dr. Böckel als Redner auftrat. Da war von allem Möglichen die Rede, vom Achtstundentag, von den Kohleupreisen. von der Hartherzigkeit der Kohlenbarone, von der Höhe der Anwaltsgebühren, von den parteiischen Gerichten, von der Schlechtigkeit unserer Gesetzgebung, der Reichsregiernng und des Reichstags und noch von tausend anderen Diligen, allerdings verbrämt mit kleinen Scherzen und schlechten Witzen auf die Juden und Judeugenossen, aber in einer Redeweise und Art vorgetragen, daß man sich in einer sozialdemokratischen Versammlung glaubte, die reinste Hetzrede auf die sämmtlichen Besitzenden, einerlei ob Jude oder Christ. Und in der That wird auch die ganze Agitation namentlich von dem ungebildeten Landvolk so ailfgefaßt. „Wer sich schämt zu sagen, er sei Sozialdemokrat, der nennt sich heutzutage Antisemit," äußerte neulich ein schlichter Bauersmann, imb er hat das Richtige getroffen. Der Böckel'scbe Antisemitismus, wie er in Hessen betrieben wird, stachelt die niedrigsten Leidenschaften aus; er hat trotz aller Hochs auf ben Kaiser, die bei jeder Gelegenheit ausgebracht werden, ganz denselben Erfolg wie die Sozialdemokratie. Er hetzt gegen das Bestehende und bethört die Leichtgläubigen durch die ausgiebigsten, leichtfertigsten Versprechungen für die Zukunft. Blau braucht kein Freund des heutigeil Jndenthums zu sein, aber man fanti nicht genug sich abwenden imb warnen vor derartiger Agitation, deren Früchte einzig und allein der Sozialdemokratie zu Gute kommen. Ter ungebildete Bauer unterscheidet nicht so genau, er hört nicht beim Wucher- oder Schacherjuden auf, sondern er dehnt die gehörten Lehren und gewonnenen Ansichten auf alle Inden und schließlich auf alle Besitzenden ans. Und darum war eine Warnung vor der Betheiligung an solcher Agitation ganz am Platze. Diejenigen, die trotz alledem glauben, sie dienten Kirche und Staat mit derartigen Hetzereien, mögen das Goethe'sche Wort beherzigen: „Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." * Königsberg u Pr., 19. Oktober. Zum Kapitel der Ausweisungen wird der „Kön. Hart Ztg." Folgendes berichtet: Der seit neun Jahren hier wohnhafte jüdische Stübefabrikant Laser Meyerowitz, welcher seit ca. 28 Jahrell seinen Wohnsitz im preußischen Gebiet gehabt hat, ist durch die Ausweisung auf's Empfindlichste betroffen worden. Vor vier Jahren erhielt derselbe von der Behörde die Weisung, das preußische Gebiet zu verlassen, was er jedoch nicht that. In Folge dessen wurde von dem königlichen Landrathsamt in Heydekrng gegen Meyerowitz ein Strafmandat über 150 Mk. event. 14 Tage Gefängniß erlassen. Es fand darauf Zwangsvollstreckung statt, welche einen Erlös von 116 Mk. ergab. Nach Verlauf von 2 Monaten erhielt Meyerowitz wiederum ein eben solches Strafmandat. Da nun aber bei demselben keine pfändbaren Gegenstände vorhanden waren, so mußte derselbe vierzehn Tage Gefängniß verbüßen, S)ami wurde M. unbehelligt gelassen. Er erwarb sich darauf ein Besitzthum und betrieb die Fabrikation

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