Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227867--47449-3268971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
536 fortgehe und wie früher als heimathlofer Schnorrer in der Well umherziehe, und um Ende, tröstete sie sich, war es ja doch sein eigener Wunsch! Diese Ueberlegung war vernünftig, aber ihr Gemüth erhob dagegen dunkle Einsprache. Wie schön sie sich die Sache auch mit dem Verstände zurecht legen mochte, immer behielt doch das Herz die Oberhand, und ne konnte nicht anders, sie musste den armen Menschen tief bemitleiden, besonders wenn sie die seinen zarten Hände ansah. Sie versuchte es eines Tages mit dem Bruder. „Sag' mir, Hafchele-Leben!" sing sie an, da sie mit ihm ein wenig allein war, „thut es Dir nicht scheinen, wie wenn Leb zu etwas Anderen! könnte gebraucht werden, als wie zum Wassertragen?" „Warum?" fragte Haschele, „tragt oder schöpft er es denn nicht gut genug." „Das mein ich nicht," war Racheles Antwort, „aber seine Hand'!" „Was willst Tu haben von seine Hand'?" „Hast Du Dir sie schon angesehen, wie fein sie sind?" „Bon deswegen? sie werden schon rauh werden." „Er scheint nicht gewöhnt zu sein an so harte Arbeit." „Das versteht sich, als Schnorrer hat er keine Arbeit verrichtet." „Wer weist, ob er sein Leben lang immer ein Schnorrer gewesen ist?" „Besser für ihn, wenn er jeist wieder aufhören kann, einer zu sein." „Ich möcht'," sagte die Schwester, „mit ihm etwas Anderes probiren." „Was?" fragte Haschele. „Etwas, wobei man nicht so viel die Hand', vielleicht etwas, wobei man auch ein bissel den Kopf braucht." „Ten Kopf'?" rief Haschele und lachte unbändig. „Run ja, den Kopf! was lachst Du so?" „Leb Beheme soll ich mit dem Kopf arbeiten lassen?" „Meinst Tu es denn auch, daß er ein Beheme ist?" fragte gutmüthig und theilnamsvoll das Mädchen. Haschele aber erwiederte: „Ob ich's mein! Was brauch' ich da viel zu meinen? Hat's der Vater nicht gleich in der ersten Stund' erkannt?" Rachele konnte dagegen nichts erwiedern. Sie musste gehen und den Bruder gewähren lassen. Sie war aber nicht wenig erstaunt, als sie des anderen Tages wieder vom oberen Stockwerk in den Hof hinuntersah und bemerkte, daß Leb eben die Pferde aus bem Stalle herausführte und Haschele sich anschickte, ihm begreiflich zu machen, wie man den Pferden das Geschirr am bequemsten anlege, und wie man sie ani besten vor den Wagen spanne. Haschele war in seinen Unterweisungen nicht gerade weitläufig, vielmehr etwas kurz angebunden, aber genau und verständlich. Er zeigte ihm, wie man das Pferd nnpacken, wie man die „Ehommeter" (Riemenzeug) binden müsse, welche Länge die Stränge haben müssen, mit denen das Pferd an die Wage der Deichsel gebunden wird, und endlich die Hauptsache, wie inan mit dem Pferde umgehe, wie man es behandeln müsse. Rachele war freudig überrascht; ihre Fürbitte hatte also doch die gewünschte Wirkung hervorgebracht. Ter Bruder mochte hinterher selber die Empfindung haben, dast es gut sein nröchte, mit dem Schiller einen Schritt weiter zu gehen. Derselbe hatte die bisherige Aufgabe zur vollkommensten Zufriedenheit erfüllt; freilich war es nichts als Wassertragen, Holzspalten und ähnliche Verrichtungen, wozu er den Fremden bisher verwendet hatte; allein Haschele, welcher in Dingen, die die Wirthschaft betreffen, ein Wort mitreden durfte, sagte sich, dast selbst bei diesen Dingen oft ein großer Unterschied in der Verrichtung derselben sich benierkbar mache, und dast ein Mensch, dem man überhaupt nichts zutrauen dürfe, selbst solche Aufgaben, wie sie Leb bisher gelöst hatte, nicht zur Zufriedenheit bewältigen möchte. Der Mensch zeigt sich im Kleinen; in Allem, was einer macht, liegt etwas von ihm selbst; und aus dem Geringsten, was Einer thut, kann man über ihn ein Urtheil fällen. Dein jugendlichen Lehrmeister mußte es sogar schmeichelhaft sein, wenn er sich vorstellte, daß er den ihm Untergebenen auf eine höhere Stufe der Thätigkeit bringen könnte, als diejenige war, auf der er ihn bis jetzt gelassen hatte; und je weniger geistige Fähigkeiten man seinem Schüler zutrauen mochte, desto lnehr Ehre mußte es für den Lehrer sein, dessen ungeachtet höhere Resultate erreicht zu haben. Mit einem gescheiten Menschen etwas auszurichten, das ist keine Kunst! sagte sich Haschele, das trifft ein Anderer auch; ich werd' denn Vaterleben zeigen, was ich kann, ich will probiren, ob ich aus einem Beheme kann einen Menschen machen! So war denn die Bemerkung der Schwester ein Sporn für seinen Ehrgeiz, und so ließ er auf das, was er thun wollte, nicht lange warten, sondern that es gleich. Abends saß man beim Nachtmahl und plauderte allerhand. Ter Randar bemerkte nicht, daß Rachele den jüngsten Bruder heute mit mehr als gewöhnlicher Zärtlichkeit und Sorgfalt behandelte. Das schönste Stückchen Braten schob sie ihm auf den Teller, und da er ein Gläschen Wein kaum halb geleert hatte, füllte sie es wieder von Frischem an. Der Randar brauchte das just nicht zu merken, weit es hier bei Tische üblich war, daß Rachele sozusagen die Stelle der Mutter vertrat. Der Vater sowohl als die Brüder ließen sich gern von ihr vorlegen und bedienen, ebenso, wie sie es gern that. Haschele bemerkte die Freundlichkeit der Schwester gar wohl, und da er sie deshalb wie einverstanden anblickte, da begegnete ihm ein Blick der Dankbarkeit, der aus solchem Auge Jedem, auch einem Bruder, gar erquicklich sein mußte. ('Fortsetzung folgt.) O Litterarische Mittheilungen. * Zu der unlängst von Ludwig Behrendt in dieser Zeitung (Nr. 33. d. I.) veröffentlichten Erklärung des horazischen „Hotlie tricesima Sabbata" (L. I. Sal. IX.) dürfte eine Hypothese Erwähnung verdienen, welche der in Leipzig lebende frühere Rabbiner und bekannte Schriftsteller Dr. Bernhard Fischer darüber aufgestellt hat, und der verstorbene Leipziger Professor Ed. Frihsche seinen: Kommentar zum Horaz einzuverleiben für gut befand. Es heißt nämlich daselbst zur oben angeführten Stelle: „Sehr glaublich aber ist die Annahme von Bernhard Fischer, daß wirtlich ein bestimmter Sabbath angegeben werde. An den jüdischen Sabbatheu wurden bestimmte Abschnitte des Pentateuch im jährlichen Cyelus vorgelesen, die sogenannten Parascha's, deren ernster oder erfreulicher Inhalt bei dem religiösen Israeliten einen Einfluß auf die ganze Woche hatte. Dieser Brauch ist keinesfalls jünger als das makkabäische Zeitalter, fest stand er zur Zeit Christi (vgl. Ant. XIII, 13. XV. 21. Joseph, contra Apion. II. 17). Später zählte man sogar die Wochen nach diesen Parascha's. Der Cyelus derselben begann nut dem Sabbath nach dem Laubhüttenfeste. Als besonders verhängnißvoll galt und gilt noch jetzt bei den orthodoxen Juden die Woche mit dem Sabbath, wo die Parascha mit dem von Gott gedrohten Fluche verlesen wurde, (Levit. 26). Diese Parascha wurde aber im bürgerlichen Jahre der Juden am dreißigsten Sabbathe nach dem Laubhüttenfest gefeiert (in dem gewisse Abschnitte resp. vorher eingeschaltet wurden), die Parascha Tochacha. Bon einem solchen ganz besonders ernsten mosaischen Festtage konnte Fuscus — Horgz in der That etwas gehört haben und ihn deshalb namhaft machen als Zusatz zu dem Ausdrucke meliore tempore, eingedenk des ve rhängnißvollen jüdischen Feiertages." Ob diese Bermuthung stichhaltig sei, bleibe dahingestellt; jedenfalls hielten wir sie in der „Allgem. Ztg. des Judenth." für der Verzeichnung werth. I). A. Druck und Verlag von Rudolf Mvfse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.