Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 535 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227867--47448-3268970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
535 Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. j (Fortsetzung.) 2. Der Rnecht. Knechte und Mägde gab es genug auf dem Bestandhaus, denn! es gab da gar mancherlei zu thun. Die Pferde in den Stallungen! mußten gefüttert und gepflegt werden; die Feldarbeit wollte zur; üblichen Zeit versehen sein; die Kühe mußten gemolken werden, man ' brauchte viel Milch, Butter und Käse; die Schafschur durfte nicht j vernachlässigt werden; die Wartung der Mastochsen erforderte Sorgfalt und Genauigkeit. In Scheunen und Tennen waren Drescher und , Drescherinnen beschäftigt, welche in rhythmischen Schlügen ihre Dresch-; flegel fallen ließen. In Küche und Keller herrschte stets ein reges Leben, und ein zahlreiches Arbeiterpersonal war in der Brennerei i beschäftigt, über welches die Söhne des Randars die Aufsicht hatten. Bon allen diesen Knechten und Mägden hatte kein einziger mit dem; Randar und seiner Familie dasselve Glaubensbekenntniß, es waren j lauter Christen. Ehemals waren wohl auch einige jüdische Personen hier im Dienst. So lange die Tochter noch klein war, führte eine : jüdische Köchin das Regiment in der Küche, auch hatten die Kinder! damals eine Art von Hauslehrer, der ihren Unterricht zu besorgen, j dabei zugleich die Funktionen eilies Schächters von Rind- und Kleinj viel), sowie von Geflügel zu versehen hatte. Nebst diesen war noch j ein sogenannter „Jung" auf dem Bestandhaus, welcher dazu ver-! wendet wurde, in wichtigen und schwierigen Füllen, in denen der 1 Schlächter sich über „erlaubt" und „unerlaubt" aus eigener Macht-; Vollkommenheit kein Urtheil Zutrauen durfte, die Entscheidung hier- - über beim Rabbiner in der naheliegenden Gemeinde einzuholen.; Alle drei Personen waren aber seit kurzer Zeit überflüssig geworden. j So wie das Mädchen heranwuchs, entwand sie der jüdischen Köchin! die Oberhoheit in der Küche und nahm das Regiment selbst in die j Hand. Zugleich war sie mit ihren Brüdern der Aufsicht und Unterweisung des Lehrers eutwachsen; auch hatte der Randar sich entschlossen, die nöthigen Schlachtungen lieber von dem gewandteren und mehr erprobten Gemeindeschlüchter des naheliegenden Ortes, welcher wöchentlich zweimal aufs Dorf hinauskommen mußte, vornehmen zu lassen; und was die Botellgänge in Bezug auf religiöse Fragen anbelangt, so konnten diese in wenigen Zeilen gar wohl auch ■ einem nicht-jüdischen Jünglinge anvertraut werden, den man in! nöthigem Fällen mit einein kleinen Briefchen versehen zum Rabbiner j schickte. So war denn seit mehreren Jahren bereits kein Jude unter I dem dienenden Personal auf dem Bestandhalls, bis zu dem Augen-! blick, wo der fremde Mann, der auf seiner Pilgerfahrt da eingekehrt,; auf Racheles und des Vetter Joichenes Fürsprache in Dienst gej nommen wurde. Aus dem von Ort zu Ort herumziehenden Schnorrer war mit j einemmal ein Knecht geworden, und Alles war nellgierig, zu welcher! Art von Thätigkeit der jüngste Sohn, dessen unmittelbarer Allssicht j und Leitung er übergeben wurde, ihll verwenden werde. Am nleisten! der Randar selbst, und er konnte sich nicht enthalten, die Bemerkllllg j zu machen: Ich bin doch wirklich begierig, zu sehen, was mein Haschele j mit so einem Behenle allfangen unb was er mit ihm ausrichten wird.! Wäre Haschele etwas älter gewesen, als er war, er hätte j sich wohl selbst diese Frage vorgelegt, glücklicherweise war er für! ähnliche Fragen zu jung. Wie in der lustigen Geschichte vom „Barbier" der Lehrjung mit keckem Muthe und noch keckerer Hand vollbringt, was sich der besonnene Meister nicht zutraut, so machte sich dieser Knabe leichten Sinnes an eine Aufgabe, welche der Randar selbst für unausführbar gehalten hätte. Ohne viel zu überlegen, wie er sich dabei anstellen müsse, wies er dem Schnorrer seine Arbeit an und gab ihm bestimmte Unterweisung, wie er sich bei derselben zu verhalten habe. Leb machte aber auch dem jugendlichen Lehrer die Aufgabe gar nicht schwer. Mit Aufmerksamkeit achtete er auf jedes Wort, das dieser Knabe zu ihm sprach, und mit Demuth unterzog er sich dem Geschäft, an das ihn Haschele gestellt hatte. Ein Aufwand geistiger Kraft war allerdings zu der Art von Geschäften, für welche Leb verwendet wurde, nicht vonnöthen; vorerst nahmen dieselben nur seine körperlichen Kräfte in Anspruch. Leb stellte dabei vollkommen seinen Mann, und die Knechte, die mit ihm gemeinschaftlich arbeiteten, fingen, da sie die Kraft des freunden Mannes wahrnahmen, zll zweifeln an, ob derselbe ein Jude sei. Es ist doch merkwürdig — sagten sie ~~ wenn der ein Jud ist, so ist er das grüßte Wunder in der Welt! Jeder andere Jud arbeitet mit dem Kops, der aber kann es mit der Hand trotz Unsereinem! Und doch hätte man nur Lebs Hände anznsehen gebraucht, um sofort wahrzunehmen, daß sie bisher au rohe Arbeit nicht gewohnt sein konnten. Diese Wahrnehmung bat Rachele zuerst gemacht. Sie hatte sich in der neuesten Zeit, seitdem der fremde Mann im Hofe beschäftigt war, öfter im oberen Stockwerk zu tf)iin gemacht. In diesen Zimmern — sie verbrachte sonst in einer Woche, oft in einem Monate nicht so viel Zeit darinnen, wie jetzt an einem Tage! Denn diese Zimmer hatten Fenster nicht nur nach der Gasse hinaus, sondern auch in den Hof hinein, und dies war allerdings gar bequem. Mit einem Blick ließ sich da übersehen, was auf dem ganzen Hofe und weit über den Hof hinaus aus den Feldern gethan und gearbeitet wurde. Da stand sie denn nun beim Fenster und betrachtete mit stillem Wohlwollen das demüthige Thun de .- fremden Mannes. Da sah sie ihn zum Brunnen gehen, der im Hofe war, den Haken vom Rade losmachen, welcher in die Speichen desselben eingeklemmt war, worauf dann der Wassereimer durch die eigene Schwere in den Brunnen hinab sich senkte und durch den Strick, an dem er befestigt und der über eine Walze aufgedreht war, das Rad in eine rasche rollende Bewegung versetzte. Sie sah, wie der kräftige Mann, nachdem der Wassereimer im Brunnen sich gefüllt, das Rad wieder zurückzudrehen begann, und wie er mit jugendlicher Kraft in mächtigem Schwünge den gefüllten Waisereimer aus dem Brunnen emporhob, wobei der Strick sich wieder orbenttid) um die Walze aufdrehte. Nachdem er den Wassereimer gänzlich empor gezogen hatte, hob er ihn herunter und goß den Inhalt desselben in eine bereit stehende große Wasserbutte; er wiederholte dieses Hinablassen und Hinaufziehen so oft, bis die Butte voll ward, darauf hob er mit kräftigem Ruck die Butte auf seinen Rücken, befestigte sich die Bänder derselben über den Achseln und trug sie mit stark nach vorwärts gesenktem Kopfe in die Brennerei. Wenn Rachele den fremden Mann da so rührig und geschäftig auf dem Hofe sah, dann that es ihr leid. Sie sah auf seine Hand und bemerkte die Zartheit derselben. Ta sagte sie sich wohl: Ter arme Mensch ist auch nicht zll dem geboren unb erzogen geworden, was er jetzt da leisten mllß. Diese Hand sieht nicht alls, als wie wenn sie schon viel in der Welt gearbeitet hatt'! Es mag ihm an der Wieg' etwas ganz Allderes vorgesungen worden sein, als wie dereinst ein niederer Knecht ailf einer Rande zu werden! — Indessen aber überlegte sie anderseits wieder, daß der fremde Mann, wollte er im Hause bleiben, unter jeder Bedingung arbeiten müsse, daß es am Ende doch noch besser für ihn sei, hier zu arbeiten und sogar schwere und anstrengende Arbeit zll verrichten, als daß er wieder