Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 534 (sequence 10)
- Language
- German
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534 Schr. II. 45); aber eben schon dies, daß doch alle Anderen ein so großes Gewicht auf das Theater legten und von nichts Anderem redeten, das verdroß ihn; und dann: er „sah im Schauspiel das Spiegelbild des Lebens" (Ges. Schr. IV, 6), und, sagte er, „wie ein Volk, so seine Schauspiele". So sah er denn im Theater nur das Elend des deutschen Voltes jener Zeit und fühlte in Frankfurt jede» Abend die von Oesterreich diktirte Sklaverei. Wie nun Börne's Geist einmal angelegt war, so hätten wir ihin u priori die Briefform als die seinem Wesen geeignetste empfehlcu müssen. Ta kam das Geschick zu Hilfe. Der einzige warme Sonnenstrahl, der in Vörne's Leben fiel, ist sein liebevolles höchst inniges Verhültniß zu seiner Freundin. Ihr schrieb er und feine Briefe an sie sind nicht erdichtete, sondern wirkliche Briese und — Kunstivcrke. In diesen .seufzte und klagte er, jubelte, hoffte und verzweifelte er, fluchte und segnete er: vor der Freundin ergoß er, was er dachte, urthcilte, wünschte, glaubte. So ist auch seine schriftstellerische Thätigkcit als solche an die Wirklichkeit gebunden. Er hatte gar nicht den Trieb, sein Inneres vor dem Volke z» offenbaren, zumal ihm dies so schmerzhaft war; mir der Drang, zur Freundin zu reden, drückte ihm die Feder in die Hand. Wer nun objektiv darstellt, wie Goethe, der stellt seine Gemüthserregung, seinen Schmerz in feinem Kunstwerk ans sich heraus und befreit sein Inneres. Wer aber seinen Schmerz in sich hineinschaut, wie Börne, dem thut die Darstellung weh, und obenein schüttet er nichts aus und schüttelt nichts ab, sondern er betrachtet lind prüft nur seine Wunde und macht sie um so schmerzhafter. Ein Mensch, dem es in allen Nerven ohne Unterbrechung prickelt, der muß wohl bald inerten, daß es ihm an Geduld fehle. Schon 1825 <2. März» klagte er scherzend: „Wo kaufe ich Geduld?" Wie ernst ihm aber diese Klage wa>, zeigte er 1830 (Ges. Schr. VIII, 10), als er fein Gebet an die Geduld niederschrieb: „Geduld, sanfte Tochter des graiifaiilsten Vaters; schinerzerzeugte, milchherzige, weichlispelnde Göttin, Beherrscherin der Deutschen und der Schildkröten; Pflegerin meines armen tranken Vaterlandes, die dii es wartest und lehrest »varteu. „Die du hörest mit hundert Ohren, und flehest mit hundert Angen, und blutest a» hundert Wunden und nicht klagest. „Die dii Felsen kochst und Wasser in Steine verwandelst. „ Sieh, mich plagt die böse Ungeduld . . . mir zucken die Lippen; ich zapple mit dem Füßen wie ein Windelkind, das gewaschen wird; ich renne toll wie ei» Seknndenzciger um die schleichende Stunde . . . ich verzweifle, ich verzweifle, o rette mich! „ . . . berühre mit kühlen Fingern meine heiße Brust. Hänge Blei an meine Hoffmingen, tauche meine Wünsche in den tiefsten Sumpf, daß sie auszischen unb dann ewig schweige». Deutsche mich, gute Göttin, von der Ferse bis zur Spitze meiner Haare und lasse mich bau» friedlich ruhen in einem Naturalienkabinet unter den seltensten Versteinerungen" u. s. w. Dieses 0>ebet konnte die Göttin freilich nicht erfüllen, aber sie erhörte es doch lind bot Börne ein Mittel, mit dem er bis in das zweiundfünfzigste Lebensjahr gelangen kviinte. Dieses Mittel war folgende Lebeusanschaiiung, mit deren kurzer Betrachtung ich schließen will. Von Kindheit an nannte er das, was ihm mißfiel, nicht schlecht, sondern diiinm; an die Schlechtigkeit der Menschen wollte er nicht glauben; liiir ihre Albernheit empörte ihn. Oft rief er von seinen Gegnern, den Gegner» des Menschenwohls, ans: Wenn sie nur kltiger wären! So berichtet Gutzkow (S. 54). Aber Gutzkow hat diesen Ausriif wohl nicht völlig verstanden. Denn ich zweifle nicht, daß Börne mit jenem Ausrufe hat eine Uebersetzung des hebräischen lu hakemü geben wollen. Darum versteht nur derjenige den ganzen Sinn jenes Börne'schen Wortes: „Wenn sie nur klüger wären!" dem der Sinn dieses biblischen Wortes aus dem Rügelied Mosis (5. M. 32, 29) vorschwebt. Was aber sollten denn die Menschen einsehen? 1817 schrieb er in sein Tagebuch (Nachg. Schr. II, 262): „Warum begreift der Mensch nicht, daß Freiheit nirgends oder überall, daß jedes Kunstwerk als Kind des Menschen ein E nkel der Natur sei; daß ein gleicher Drang die Spinne zur Bereitung ihres Netzes und die Menschen zum Bau der Häuser führt, und daß der nämliche Bildungstrieb dem Büren den Pelz und uns einen Mantel umhängt?" Börne meinte also: überall entweder starre Nothwendigkeit oder Zufall oder überall Freiheit und Gott! Die Menschen aber verstehen das nicht. In allen ihren Urtheilen und in allen Handlungen, in ihren Anklagen und in ihren Entschuldigungen vermischen sie Schicksal und Freiheit, Natur und (statt, »vie es ihnen gerade paßt, schmeichelt. Wenn Börne dies gewahrte, dann fiel ihm ein Liedlein ein, das irgend eine Klapperoper in seil» Gedüchtniß abgesetzt hatte. Er sagt (Ges. Schr. II, 213): „Wenn ich sehe der Menschen ruchloses Treiben, und will ihnen nicht fluchen, ihr tolles Beginnen »n»d möchte sie nicht gewaltsam bändigen, ihren Weisheitsdünkel und ihr lächerliches Machtgepränge und will ihrer nicht spotten; will ich die Menschen tadeln, ohne ihnen wehe zu thun, sie lieben, ohne ihnen zu schmeicheln, sie keunei» m»d nicht an Gott verzweifeln; bedarf ich eines freimachenden Wortes, das klagt und tröstet, schmerzt und heilt, mißbilligt und versöhnt zugleich — dann rufe ich laut oder leise: O närrische Leute, o komische Welt!" Man würde den Sinn, den dieses Wort in Börne's Munde hatte, völlig verkennen, wenn man meinte, damit werde den Menschen Narrheit vorgeworfen, und als fühlte sich Börne in seiner Weisheit erhaben über sie alle. Börne schließt sich vielmehr mit ein >»nd spricht damit vorzugsweise zu sich selbst: ich Thor, der ich in meiner Ungeduld allen kranken Völkern helfen, der ich mich vor den Wagen der j Geschichte spannen möchte, um ihn fortzubewegen; besteht de>»n nicht eine Alles beherrschende Nothwendigkeit? lebt denn nicht ein Alles leitender Gott? Wenn die Hoffming des Propheten in ihm verzweifelte, dann erwachte in ihm die Gottcrgebenheit Hiob's. Man hat mir gesagt, Börne habe nur noch eine kleine Gemeinde. Das glaube ich und das wundert mich nicht. Hatte er denn jemals mehr als eine kleine Gemeinde? Wer den Beste» seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeitei»; d. h. objektiv durch das, was er geleistet und was in die Substanz des Nationalgeistes eingegange», hat er zum Besten aller nachfolgenden Geschlechter gelebt, ohne daß sie von ihm wissen und ahne ihm zl> danken; mit Bewußtsein aber wird derjenige, der nur den Besten seiner Zeit genügt hat, auch in den Folgezeiten immer nur für die Besten leben. Diejenigen unserer Tage, die Börne's Blitz sicher ebenso niederschmettern würde, wie er ihre älteren (steistesgenosjen vernichtet hatte, die fühlen sich auch heute unheimlich, wenn sie an ihn erinnert werden. Und iver kann zweifeln, daß, wenn er heute auf Deutschland blickte und sähe, wie sie heute, strafwürdiger als je, das Heiligste schänden und den Gott der Liebe herabwürdigen, und sähe auch, wie die Besseren in Eifer finiten und schreiben und sich abmühen, Vorurtheile und Jrrthümcr zu beseitigen, die Menschen zu lehren und z»> bessern, Börne zii sich sprechen würde, leise und mit erstickter Stimme: O närrische Leute, o komische Welt! *