Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 533 (sequence 9)
- Language
- German
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533 Palästina scheinen jede Fühlung mit der bergigen Wüste verloren Zu haben, die ihre Väter durchwandert und wo sie das Gesetz erhalten hatten; wenigstens berichtet die Schrift, wenn wir die Erzählung von der Flucht des Elias ausnehmen, von keinem, der sie besuchte. Im 4. Jahrhundert n. Ehr. änderte sich dies Alles. Die Christen des Orients waren zu der Erkenntniß gelangt, daß der Weg zum Heil und in die Wonnen der Seligkeit durch die Askese führe. So nahmen denn erst Einzelne, wie die von der Legende so reich ausgeschmückten Gestalten des kaum der Geschichte angehörenden! Paulus und des durch seine Lebensbeschreibung von der Hand des - Athanasius beglaubigten Antonius, — dann aber ganze Schaaren j von Büßern das Kreuz auf sich, wandten deni Leben und seiner Lust j den Rücken und zogen in die Einöde, um dort durch Buße, Ent- ■ behrung, Gebet und die Hingabe der ganzen Seele an Gott sich ewige! Seligkeit in einer andern Welt zu sichern und in Stunden ekstatischen j Selbstvergessen^ schon hinieden einen Vorgeschmack der Wonnen des! Paradieses zu gewinnen.! Diese Schaaren von Anachoreten und Klausnern, welche vom! 0;nbe des 4. Jahrhunderts n. Ehr. an bis zum Anfang des siebenten j die felsigen Einöden der Sinaihalbinsel bevölkerten, pflegten sich! gruppenweise bald in einzelnen Höhlen, bald in Lauren (Gassen),' wie man eine Reihe von Einsiedeleien nannte, die durch gemeinsamen Gottesdienst re. mit einander verbunden waren, bald in j Klöstern niederzutassen, und solche Kolonie von Weltflüchtigen! pflegte besondere Anziehungskraft zu üben, wenn man der Stelle, > auf der sie erwuchs, bitrd) biblische Erinnerungen eine gewisse | Weihe zu geben vermochte. So wurden die in der Exodus-! geschichte erwähnten geographischen Namen benutzt, um die ein- 1 leinen Einsiedeleien zu unterscheiden und zu heiligen. Eine wuroe j z. B. nach dem Lagerplatz der auswandernden Hebräer „Elim",; eine andere „Raphidim" genannt; befonbere Anziehung mußte! es aber bieten, auf dem geweihten Boden des Sinai in srounner! Askese den Einlaß in das Himmelreich zu erringen. So breitete sich ' damals über die Strecke, welche die Israeliten vom Rothen Meer . bis zum Berg der Gesetzgebung zurückgelegt hatten, ein Netz von 1 neuen Traditionen. Zahlreiche Stätten in der Wüste führten nun 1 biblische Namen, von denen sich freilich nur wenige mit den Angaben! der Schrift in Uebereinstimmung bringen ließen, und es gilt jetzt,! zu erforschen, welchen Berg, den Sinai der Mönche oder den | Serbal, die weltflüchtigen Besiedler der Halbinsel zuerst für den > der Gesetzgebung hielten. : In meinem „Durch Gosen zum Sinai" mache ich den Wiß-! begierigen mit dem Gang dieser Untersuchungen vertraut, und wenn > Sie ihnen felgen, werden Sie. — deß halte ich mich versichert — > grgeben müssen, daß es der Serbal war, der von den ältesten Schichten! der Klausner für den Sinai der Schrift gehalten wurde. Die große Schaar der Mönche, die sich theils am Fuß, theils! auf einigel! Hochflächen des Serbal in Klöstern niederließ, sowie die! Anachoreten, die an entlegenen Stellen seines felsigen Leibes in! Höhten Unterkunft fanden, nannten sich sämmtlich „Sinaiten". In! der Oase Firan am Fuße des Serbal erhob sich ihre älteste und! besuchteste Kirche, und der Bischof, der daselbst seinen Sitz hatte | - eine Reihe von erhaltenen Dokumenten beweist es —! wurde der von „Sinai und Firan" genannt. Tie Oase und! der Berg werden -- aus mehreren Stellen der Konzilienakten geht dies hervor - stets zusammen gedacht und erwähnt, und beide sind in Wirklichkeit aufs Engste verbunden; denn der Serbal erhebt sich so hart neben der Oase, daß es sich schwer sagen ließe, wo der eine beginnt und die andere aufhört. Von ihr aus aufsteigend trennt der Berg mit seiner bräunlichen Felsmasse das Grün der Wüsteninsel von den smaragdfarbenen Wogen des Rothen Meeres, während man anderthalb Tagereisen gebraucht, um von Firan aus zu der Dschebel Musa-Gruppe zu gelangen. Eine Anachoretengeschichte, die ich meinem Roman .,IIomo sum“ zu Grunde legte, beweist ferner, daß mit dem Sinai, über den der Bischof zugleich mit der Oase gebot, nur der Serbal gemeint sein kann. Das Gleiche wird durch eins der Klöster bestätigt, dessen Ruinen sich heute noch auf einer der Hochflächen dieses Berges erhielten, und der erste Reisende, von dem wir eine Beschreibung dieser Gegend besitzen, die er selbst besuchte, jener Jndiensahrer Eosmos, dessen ich schon gedachte, kann mit dem Berge, den er für den Sinai der Schrift hielt, sicher und gewiß nur den Serbal meinen. An diesem Berge finden sich auch außer den Trümmern alter christlicher Klöster viele verlassene Anachoretenhöhlen, in denen man noch die kleinen Feuerherde sieht, an denen sich ihre bescheidenen Bewohner in kalten Winternächten die Hände wärmten und das schlichte Mahl bereiteten, während man am Sinai der Mönche vergeblich nach so bedeutsainen Ueberresten aus dem Anfang der Anachoretenzeit sucht. l Schluß folgt.) Ludwig Uörne. Von Prof. Dr. H. St ei nt hat. «Schluß.) Das haben selbst vortreffliche Männer jener Zeit nicht verstanden. Die Einen meinten, seine Bitterkeit gegen Deutschland sei Haß wegen der Unterdrückung der Juden, unter der er auch selbst als Knabe so arg gelitten. „Man macht," sagt er (S. 166), „einen jüdischen Hannibal aus mir, der schon als Knabe den Eid geschworen, einst an den Feinden Jerusalems blutige Rache zu nehmen." Als er dies schrieb, fiel ihm wohl ein Begebniß aus seinem frühesten Leben ein. Es begegneten chm eines Tages zwei bettelnde Knaben, ein jüdischer und ein christlicher. Ta gab er sein Almosen dem Ehristenknaben. Gefragt, warum er diesen bevorzuge, antwortete er: „Weil es in den Sprüchen Salomonis heißt: Du sollst glühende Kohlen auf das Haupt deines Feindes sammeln." Sein Erzieher aber bedeutete ihn, die Christen seien nicht die Feinde der Juden. Nicht Haß leitete seine Feder, noch weniger, wie Andere meinten, eine Leberkrankheit. „Nein," sagte Börne (das. 166), „ich bin nur krank an meinem Vaterlande; es werde frei, und ich gesunde." Er schrieb seiner Freundin schon 1825 (am 2. Mürz, Nachg. Schr. 111. 88): „Ich ertrage es, ich ertrage es in Deutschland nicht. . . Das Herz möchte mir brechen über diese Wölfe von deutschen Ministern, die Alles unbarmherzig zerreißen, und über diese Schafe von deutschen Bürgern, die sich so geduldig zerreißen lassen. Es glaubt es Keiner, und Sie selbst wissen es nicht, wie mid) das bewegt." Solche Aeußerung hatte er schon einmal öffentlich gethan (Ges. Schr. V, 111): „Es ist nicht Heuchelei, nicht Spott, nicht Ziererei, es ist Ernst und Wahrheit, wenn ich meine Leser versichere, daß niich die Vorstellungen auf unserer Bühne oft krank machen, daß mir der Kopf brennt, das Herz zittert, die Brust beklommen ist, wenn ich an den Theaterabenden diese fürchterliche Pein der Langeweile zu ertragen habe." Nicht etwa die schlechten Schauspieler, sondern die Dramen hatten ihn so gequält, und zwar nicht blos und nicht so sehr die ausgeführten, sondern noch mehr der Umstand, daß man andere Dramen, die echten großen, nicht zu sehen bekam. Nun nannte er freilich das Schauspiel an sich eine „Lumperei" (Nachg.