Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 530 (sequence 6)
- Language
- German
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530 welche wichtige Rolle der Vorsänger bei dem Gottesdienste einnahm, so wird man es nicht für einen Zufall halten, daß bei dem Eintreten der Juden in die moderne Kultur es gerade die Musik ist, welcher eine größere Zahl jüdischer Celebritäten angehört, als einer anderen Kunst. Wir haben oben mit vielleicht unzarter Hand die schöne Litteratur, die sich ans den Lesetischen jüdischer Damen findet, einer Kritik unterzogen. Bei dem Respekt, den der Jude dem weiblichen Geschlecht gegenüber zu beweisen hat, fühlen auch wir die Verpflichtung, das, was wir etwa gefehlt, durch einige Bemerkungen gut zu machen, umsomehr, da dieselben auch in den Kreis der optimistischen Lebensauschauung gehören. Noch vor hundert Jahren war Ehelosigkeit ein Makel in dem Leben eines Juden; die Einführung der Braut unter den Trauhimmel und die Betheiligung an der Feier galt für ein verdienstliches Werk; als Adam und Eva, damals die einzigen Menschen, sich vermählten, hat — nach Der Hagada") — der „Heilige gelobt sei Er" aus feinem Himmelsglanz einen Trauhimmel gewoben und selbst als Brautführer fungirt. Mönchs- oder Nonnenklöster hat es bei den Juden nie gegeben; nie hat man geglaubt, daß des Priesters Würde unter der Berührung eines Weibes leide. Die Polygamie ist seit tausend Jahren geschwunden, nachdem sie ebenso lange vorher nur in der Theorie existirt hatte. Mit der Stellung, welche man zur Gegenwart einnimmt, hängt doch wohl auch zusammen, was mau über die Zukunft denkt. Wenn das Judenthum, wie wir ansznführen suchten, von einer optimistischen Weltanschauung getragen wird, wie denkt es dann über die Frage, was aus ihm, was aus der Menschheit überhaupt werden soll. Schließt es sich vielleicht der aus klassischem Alterthum geläufig gewordenen Vorstellung an, daß einst ein goldenes, dann ein silbernes, dann ein ehernes, endlich ein eisernes Zeitalter gekommen; mit einem Worte, daß das Menschengeschlecht sich in zunehmender Entartung und Verschlechterung befinde? — Wie schrecklich schlecht müßten nur sein, da schon vor 2000 Jahren das eiserne Zeitalter begonnen! — Das Judeuthum im Gegentheil lehrt, daß die Menschheit sich in fortwährender Vervollkommnung befinde. Den Propheten schwebt das Israel vor von allgemeiner Gotteserkenntniß, von einer hohen Stufe der Sittlichkeit, von ungestörtem Frieden, das ist die messianische Idee in ihrer ursprünglichen Lauterkeit, und einem Messias, der uns solche Güter bringen soll, möchten wir wohl Alle gern entgegcnharren. Wir wollen uns doch hier nicht auf die Streitigkeiten eiulassen, ob der Messias schon gekomnien sei oder nicht, ob wir an einen persönlichen Messias oder blos an die messianische Zeit überhaupt glauben oder nicht glauben. Aber in dem messianischen Gedanken selbst, wie ihn das Judeuthum vermöge seiner optimistischen Weltanschauung lehrt, sind wir einig und sprechen es in einem bekannten Gebetstück aus mit den Worten: „Darum hoffen wir ans dich, Ewiger unser Gott, daß wir bald schauen den Glanz deiner Herrlichkeit, daß du hinwegräumest die Götzen von der Erde und alle eitlen Gebilde gänzlich tilgest; daß du vervollkommnest die Welt durch dein Walten, Allmächtiger, und alle Fleischgebornen deinen Namen anrnfen; daß sich dir znwenden alle des täglichen, auch des festtäglichen Rituals versetzt zu werden. Daß ich dieses Glück ein zweifelhaftes nenne, werden diejenigen verstehen, die ein Bild von dem Anblick haben, den unsere Gotteshäuser auch an den hohen Feiertagen in der letzten Viertelstunde des Gottesdienstes darbieten. Sei dem, wie ihm wolle; das Gebet Alenu durfte da nicht gut fehlen, wo von der optimistischen Weltanschauung des Judenlhums die Rede ist. Alenu enthält die jüdische Vorstellung von dem „Jüngsten Tage", und es darf wohl darauf hingewiesen werden, daß von allem dem, was an den Messiasglauben innerhalb und außerhalb angehüngt worden, in diesem Stücke nicht die Spur ist, zumal nichts von „Angst und Noth, von Heulen und Zähneklappern." Es soll einmal vorgekommen sein, daß, während in der Synagoge das Alenu rezitirt, in einer nahegelegenen Kirche das Dies irae, dies illu gesungen und dann von einem Prediger ein erbaulicher Vortrag über den „Gott des Zornes", den die Juden anbeten, gehalten wurde. — Wir haben gelernt, daß der Mensch nicht sündhaft geboren ist, daß die Menschheit immer besser wird und einst recht gut sein soll; wohlgemerkt: die Menschheit, nicht die Indenheil; sie verzichtet daraus, allein selig zu werden. Für den Dienst des heiligen Gottes sollen alle Menschen gewonnen werden, „nicht durch Heeresmacht lmd nicht durch Gewalt, sondern durch meinen (Seift" ') spricht Gott durch den Mund seines Propheten. Die Lehren des Judenthnms sollen einst — io hofft Alenu — das Gemeingut des ganzen Menschengeschlechts werde». Tie in ihm liegenden Wahrheiten sind die Missionäre, die es anssendet; Missionäre, die kein Gehalt bekommen, keine Berichte erstatten, keine Traktütlein schreiben; sie unterwerfen und bändigen Völker ohne Alkohol und Opium. In den heiligen Schriften der Juden befindet sich ein Buch, dessen Verfasser von einer ziemlich grämlichen Weltanschauung erfüllt war, das Buch Kohelet, dasjenige Buch, welches das Thema „Alles ist eitel" variirt und sich dabei Sätze entschlüpfen läßt, die einer alten Ueberlieferung zufolge ihm beinahe die Ausschließung aris der Reihe der heiligen Schriften zugezogen Hütten. Natürlich kann nur derjenige sagen und wiederholt sagen: „Alles ist eitel", der selbst alle irdischen Genüsse ausgekostet hat. Nun sollte mau von einem so grämlichen Alten, der sich von der Eitelkeit und Vergänglichkeit der irdischen Freuden überzeugt hat, erwarten, er werde zu einem jungen Manne, der in das Leben ernteten will, sagen: „Geh in ein Kloster" (wenn cs nämlich damals Klöster oder Aehnliches gegeben hätte). Aber nein! Nicht einmal Kohelet, dem das alte Wort: „Gott sah, daß es gut war", vorschwebt, ist Pessimist; er sagt zudem jungen Manne: „(genieße deine Jugend, aber denke auch, daß du für Alles was du thnst, verantwortlich bist! Denk' an die Tage des Alters, der Gebrechlichkeit." Das ist schon wunderlich, aber noch wunderlicher ist es, daß ein solcher alter Mann zu dem Jüngling sagt: „Sprich nicht, wie kommt es, daß die früheren Zeiten bester waren als dir jetzigen; eine solche Frage gab dir die Weisheit nicht ein." -) Ir unsere Sprache übertragen: Es ist ein Zeichen sittlicher Trägheil oder sittlicher Verzweiflung, wenn man die Vergangenheit stets all das Bessere, die Gegenwart als das Schlechtere bezeichnet; eS ist nur Frevler der Erde; daß alle Bewohner des Erdenrundes erkennen und einsehen, daß dir sich beugen müsse jedes Knie, dir schwören müsse jede Zunge. Vor dir, Ewiger, werden sie sich hinwerfen und die Herrlichkeit deines Namens preisen; daß sie Alle huldigen deiner Herrschaft, und du über sie herrschest auf immer rmd ewig. Denn dein ist das -Reich und in alle Zeit wirst du in Ehren walten." Das bekannte Gebet Alenu, anS dem wir ein Stück angeführt, hat feines bedeutsamen Inhalts wegen das zweifelhafte Glück gehabt, an den Schluß eine Ausrede für Mangel an Energie und Spannkraft, wenn mau davon spricht, daß die Zeiten, d. h. wir immer schlechter werden. Und wenn auch unser Freund Horaz klagt'): Aetus parentiuin pejui avis tulit nos nequiores, mox daturos progeniem vitiosioreni und wenn auch die Hagada') (die von Horaz so viel wußte, wie dieser von Kohelet) sagt: „Wenn die Früheren Engel waren, so siiw wir Menschen; waren die Früheren Menschen, so sind wir Esel u. s. w.", so bleibt doch das obige Urtheil bestehen. ') Secharja. 4,6?) Kohelet 7,10. Carm, III, 6,46. ') Ber. R. e. 6v, ) Ber. R. c. 5.