Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 41 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- Seite 528 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227867--47441-3268963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lief) ist schon die Diskussion gewester „Frmzen" mißlich und schädlich, über insolunge die Staatsgrundgesetze, die die Gleichberechtigung verbürgen, in Kraft sind, werden schlechte Gesetze immer nur zum Schaden des Ganzen ansschlagen. Wir sehen in dem Antisemitismus eine Zeitkrankheit, die überwunden tverdcn muß: es ist die Herrschaft der hohlen Phrase und der blöden Gedankenlosigkeit der unzufriedenen Masse, die auch sonst in Europa herrscht und überall zu unnatürlichen Bündnissen geführt hat, so in Frankreich der Boulangismns und Monarchismus, in Italien der Jrredentismus und Batikanisinus, bei uns der Antisemitismus und Klerikalismus; aber in der Unnatürlichkeit der Bünde liegt die Gewähr der Gesundung. Es darf aber nicht verkannt werden, daß dieser mehrjährige Zustand der Verrohung der Massen auch nach einer anderen Richtung hin schädlich gewirkt hat, die uns näher geht und auch für die Leser dieser Zeitschrift von größerem Interesse luid die eigentliche Veranlassung dieses unpolitischen Briefes ist. Es muß nämlich die Thatsache verzeichnet werden, daß diese Verwilderung auch in das jüdische Gemeindelcbe» Wiens übergegriffen hat, und zwar auch hier angeblich zum Schutze des Judenthums gegen den Antisemitisnnls. Es hat sich dies recht deutlich bei Gelegenheit der letzten Wahlen in den Wiener Kultusvorstcmd gezeigt, lind die damalige Wahlbewegung bot ganz genau iin Kleinen das Abbild der letzten Landtagswahlbewegung. Wie hier Streber lind Schreier das große Wort führten, so waren es auch dort Männer, die von sich mit Recht sagen konnten: „Meine Kraft besteht nur in meinein Munde" fNL- 'N2 'ptf], die mit großklingenden Phrasen uiid Versprechungen um sich warfen. Wie hier theils der nationale, thcils der religiöse Standpunkt hervorgekehrt wurde, so wurde auch dort mit denselben Schlagworten herumgeworfen. Wie es hier gelungen ist, Männer, die seit Dezennien das Vertrauen der Wähler genossen und im hingebungsvollen Dienste ergrauten, um ihr Mandat zu bringen, so wurden hier altbewährte Männer, die durch ihr Wissen, ihren Charakter und ihr Wirken hervorragten und sich in allen Thcilen der Bevölkerung der größten Achtung erfreuten, aus dem Wiener Vorstand verdrängt. Wie hier Neid, Mißgunst und Verdächtigung die Motive und Kampfinittel waren, so zeigten sich dieselben Erscheinungen auch dort. Wurde doch einem Manu, der ganz besonders durch seine kluge Besonnenheit, seine Einsicht, seine Thatkraft und seinen Eifer seit mehr als zwanzig Jahren im Interesse der Gesammtheit wie der Einzelnen hervorragend gewirkt, der auch als Gelehrter allenthalben Anwerth hat, allen Ernstes der Vorwurf gemacht, sein Name werde in asten Angelegenheiten genannt, er habe zu großen Einfluß, sogar in den verschiedenen Ministerien. Ja, was noch trauriger ist: wie bei den Landtagswahlen sich wieder gezeigt hat, daß der Ausgang nur eine Geldfrage ist — wird doch beglaubigt erzählt, daß im 3. Bezirk, wo erst im dritten Wahlgange der klerikal-antisemitische Kandidat, ein Hetzkaplan ärgster Sorte, gegen einen der verdientesten und achtbarsten liberalen langjährigen Vertreter durchdrang, der Kampf eigentlich zwischen zwei Millionären sich abspielte, von denen der eine, der liberale, nur 14, der andere aber mehr als 80 Millionen besitze — so sind es auch ganz große Siimmen, die die letzten Vorstandswahlen verschlungen haben. Und ivas das traurigste ist: wie bei den letzte» Wahlen die Angestellten der Gemeiilde von den Lehrern bis hinab zu den Dienern in die Bewegung hineiugezogen wurden, .so geschah dasselbe bei den Vorstandswahlen, wo denn thatsächlich die vom Vorstand Abhängigen sich ihren Vorstand gewühlt haben und mit dem Händedruck, den sie mit den Vorstandsmitgliedern wechseln, auch diese in der Hand haben. Es war kein erfreuliches Bild, das die letzte Borstandswahl in der hiesigen Kultusgemeinde dem fernsteheiideii unbetheiligten Beobachter! zeigte. Gerade der Wiener Vorstand ivar stets ein Muster stillen gedeihlichen Wirkens, kluger Besonnenheit und weiser Mäßigung die Stube, in der ein Jonas v. Königswarter, ein Ignatz Kiiranda gewirkt, sollte nicht ein Tunimelplatz der Phrase werden. Nach der , ewig wahren Weisung Jcthros gehören in die Vorstandsstube, be sonders eines so alten und hervorragenden Gemeinwesens wie Wien Männer, die gleich ausgezeichnet sind durch Tüchtigkeit, heiligen Eifer Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkeit, daß sie die Ehrenstelle nicht um I ihrer selbstwillen anstreben, sondern sich bewußt sind, mit der Würd i eine Bürde zu übernehme»: sie sollen aber auch Männer von Namen! sein, die sich durch Wissen, Eifer, Lebeusstelluiig bereits bewährt haben. Tie neuen Männer, die nun bereits in ihre Stellung ein : gerückt sind, haben sich erst zu bewähren, und wir wünschen, daß sie! die Verdrängten sich zum Muster uehnieu und das; cs ihue» gelinge; sie zu ersetzen; die Vorgänge gelegentlich der letzten Wahl mögen sich jedoch nicht mehr iviederholen, soweit darf die Gleichheit nicht gehen Haijnau und die Inden. j Bon E. Nathan sohn.! In Arad ist die Hülle von dem stolzen Denkmale gefallen, da^ I aus den Spenden ungarischer Bürger dem Andenken jener dreizehn j genialen, vor 41 Jahren kraft Urtheiles des Kriegsgerichts an der! selben Stelle Hingerichteten Honved- Generale errichtet wurde, unter deren Führung ein todesmuthiges, von glühendem Patriotismus be seeltes Heer Erfolge über Erfolge errang, bis die wuchtige Masse de( I vorrückenden russischen Heeren sie erdrückte. Der ungarische Freiheils! kampf war vollständig niedergeschlagen, Haynau übernahm die Her z stellung der Ordnung. Die wichtigste und höchste Aufgabe, welch» 1 dieser Gewalthaber jener Zeit sich stellte, war ein furchtbares Straf | gericht über Ungarn zu halten. Seine Wirksamkeit erregte Traue! und Entsetzen in Ungarn, Mitgefühl in der ganzen zivilisirten Well! Eine besonders liebevolle Sorgfalt wandte dieser Kriegsheld der ' jüdischen Genieinden zu, weil') „diese durch ihr schändliches und ge setzwidriges Benehmen im Allgemeinen und insbesondere durch mannig fache Begünstigung und Unterstützung der Sache der Rebellen ihn schlechte Gesinnung gegen ihren rechtmäßigen Kaiser und König all eine so offenkundige Weise an beu Tag gelegt". Nach Pest und Alt ofen ward Kecskenwt mittelst einer Proklamation eine kolossale Konten bution, „zur wohlverdienten Strafe der bedachten Judengemeinde aU zu leistende Vergütung" auferlegt. Um bemessen zu können, welche unerträgliche Last der jüdischen Gemeinde auferlegt wurde, folge hie; das Verzeichnis; der abzuliefernden Montnrsorten'): „10,000 In fanterie-Mäntel, 2000 Kavallerie-Mäntel, 5000 Jnfanterie-Pantaloiw 2000 Kavallerie-Pantalons, 10,000 Paar deutsche Schuhe, 15,000 Pam ungarische Schuhe, 20,000 Stück Hemden, 20,000 Stück Gat hei 25,000 Stück Jagdleibl, 7500 weiße Leibl für deutsche Kavallerie 2000 grüne Leibl, 2000 adjustirte Tornister in fertigem Zustande 8000 Ellen hechtgraues, 5000 Ellen graumelirtes, 1000 Ellen weiße- Tuch, 150 Centner Sohlenleder, 75 Centner Oberleder, 50 Seiitnci Brandsohlleder, 200 Stück Artillerie-Zugpferde". Diese Montursorte i mußten binnen 0 Monaten abgeliefert werden, und zwar in gleiche! Partien von 14 zu 14 Tagen. Im Falle, daß an dem einen odu anderen Termin eine Verspätung in der Lieferung einer Sorte eittreten sollte, ist der Gemeinde eine Strafkontribution Don 500 fl. E. M, in klingender Münze vorgeschrieben. Sollte die Ratenlieferung denno ti ') S. Haynau's Proklamation im Magyar-Zsido Szemle, Jahrg 180« '• 0 Ibidem.