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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-23 · Heft 41 (23.10.1890) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 41 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
Seite 527 (sequence 3)
Language
German
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Juli 1866) herausgab und durch die er mit dem Leben und Streben der deutschen Lehrer im wirksamen Zusammenhang blieb, hat er, der ein wahrer Freund Israels war, wo immer sich die Gelegenheit bot, über jüdisches Schulwesen und dessen Fortschritte berichtet. Unwillkürlich drängt sich einem der Gedanke auf: Was hätte Diesterweg gesagt, wenn er die neuzeitige Kulturblüthe des Antisemitismus hatte aufknospen sehen! Wie hätte der kampfgemuthe Streiter sein schneidig Schwert der Logik geschwungen und hineingehauen in die Reihen der Lügner und Verlüumder, die Haß setzen zwischen Bruder und Brlider. Mit welch beißendem Spott hätte er sie verhöhnt, die „positiven", strenggläubigen Hof- und Hetzprediger, so das wahre Christenthum im Besitz haben und im alleinigen Genüsse derselben schreien: Thut nichts, der Jude wird verbrannt! Wahrlich, er Hütte nicht nach oben geblinzelt, ob es auch an der Zeit sei, ein kräftig Wörtlein zu reden, ob nwn nicht hie und da beb den Vorgesetzten anstoße, ob nicht vielleicht politische Interessen ein bischen Judenhetze nützlich erscheinen lassen. Nein, nein! Er würde gerade in goldener Rücksichtslosigkeit mit seiner mächtigen Stimme das „videant «msules, ne <juid detrinienii capiat respnblica“ gerufen haben: Ihr Herren, achtet darauf, daß das Volksgemüth nicht vergiftet werde, daß unsere Bestrebungen, die Volksgesittung und den Kultursortschritt zu fordern, nicht schmählich durch demagogische Kläffer und beutelustige Streber zu Schanden gemacht werden. Adolph Diesterwcg ist nicht niehr — und es ist kein anderer Diesterweg da. Aber wir deutsche Juden, denen man bei allen Lastern die Undankbarkeit noch nicht vorgeworfen hat, wollen an dem nahenden Gedenktage uns vereinen mit den vielen tausend Deutschen, die, im Kampfe stehend für freie Menschenbildung, in herzinniger Verehrung des tobten Streiters gedenken, dessen Waffen nicht geruht bis an den Tag seines Scheidens, dieiveil sich i» seiner Seele, um niit dem Psalmisten zu reden, Liebe und Wahrheit begegneten und 'Gerechtigkeit und Friede küßten. Tenn auch für uns Juden hat er gelebt und — gelitten. * Unpolitischer Kries ans Wien. Von * * * Der Ausgang der letzten Wiener Landtagswahlen hat, so bechümend er für die Zeit und das Gemeinwesen ist, nicht überrascht: »an mußte daraus gesoßt sein und es nur als Glück begrüßen, daß wenigstens die Mehrheit des neugewählten Landtages liberal geblieben st, so daß die „antilibcrnle", d. h. „antisemitisch-klerikale" Minderheit, o groß sie ist, sich doch nur darauf beschränken kann, ihrer verehrten und brutalen Gesinnung durch Schreien Luft zu machen und inst keinen wesentlichen Schaden stiften kann. So traurig und so eschämeud aber der Ausgang war, so entbehrte doch die ganze Wahlbewegung in den Augen des ruhigen, besonders aber des jüdichen Beobachters nicht der Komik, und es verlohnt sich deshalb der iickschauenden Betrachtung, ein wenig bei ihr zu verweilen. Zwei Schlagworte waren es, welche die ganze Wahlbewegung beherrschten, die miteinander gar nichts zu thun haben: der Antisemitismus und die Vereinigung Wiens mit den dasselbe umgebenden | Vororten z» einem großen Gemeinwesen, und man muß sowohl die! kühle Verlogenheit der „Führer", als auch die unglaubliche Gedankenlosigkeit der „Angeführten" bewundern, die es fertig brachte, daß thatsächlich diese beiden Momente auf gleiche Weise im Vordergründe der Diskussion standen. Wenn diese Antisemiten nur eine Ahnung davon hätten, welche Hochachtung sie vor dem Judenthum und den Juden dadurch bekunden, daß sie den jüdischen Einfluß so hoch anschlagen, daß sie bei den geringsten, wie bei den bedeutendsten Angelegenheiten zuiiachst die Frage aufwerfen: was hat der Jude davon, und bei den für das Ganze heilsamsten Institutionen nur zu denken vermögen: das ist gewiß im Interesse des Juden. Und dabei werfen diese Leute mit Worten herum wie: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt", und haben Höllenangst, wie weiland König Pharao, vor einem Häuflein Inden, oder: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre", und haben keine Ahnung davon, wie sehr sie selbst die Achtung vor ihrer eigenen Nation mit Füßen treten durch diese alberne Judenfurcht und die Ehre der Nation schänden durch ihren brutalen Judenhaß. Dem tollen Hexensabbats), den der Antisemitismus zuerst im Solde des „Nationalismus" entfesselt hat, wurde aber erst die Krone aufgesetzt, als der Klerikalismus sich seiner bemächtigte — man denke: das Christenthum, diese ureigene semitische oder sagen wir geradezu jüdische Schöpfung im Dienste des Antisemitismus! Welch' unsinniger Unfug wird in unseren Tagen mit dem Wörtchen „christlich" getrieben! Leute, die dem Jndenthum nichts Schlimmeres vorzuwerfen haben, als daß es das Christenthum aus sich hervorgebracht, werden zum Schutze des Christenthums gegen das gehaßte Judenthum als Autoritäten angeführt und gefeiert. „Närrische Leute, komische Welt!" würde Börne sagen. Aber gerade diese neueste Wendung des Antisemitismus, sein volles Einlenken in den Dienst des Klerikalismus, gewährt den Ausblick auf Besserung, so wenig geleugnet werden kann und soll, daß die Bewegung an Ausbreitling gewinnt. Tenn dem Klerikalismus ist es viel weniger um Bekämpfung der Juden und des Judenthums als um Wiedergewinnung der alten Macht zu thun, und die ihm heute Heerfolge leisten, werden, soweit es nicht elende Streber sind, gar bald mit Schaudern aus ihrein Trauin erwachen und mit Ingrimm erkennen, welchen Zwecken sie gedient und wie sehr sie mißbraucht worden sind. So ist es gekommen, daß Leute, denen man in guter Gesellschaft ausweicht, des Vertrauens von Tausenden von Wühlern für würdig befunden und in einen Vertretungskörper gewählt worden sind, der bisher nur ein Muster von Anstand und Würde und Arbeitstüchtigkeit geivesen ist. Diese Vertreter, die angeblich im Interesse Wiens gewühlt worden sind, werden diirch ihre Reden, Anträge und Abstimmungen für alle Zeiten zeigen, welches Glück es war, daß sie nicht in den Besitz der Mehrheit gelangt sind. So beklagenswerth diese Zustände sein mögen, so werden sie doch allgemach zur Klärung und hoffentlich allmülig auch zur Gesundung der Verhältnisse beitragen, und sie bedeuten mehr eine Schmach als ein Ilnglück für Wien. Vollends verkehrt will es uns aber scheinen, wenn in jüdischen Kreisen gerade die letzten Wahlen als ein Unglück betrachtet werden: es ist dies dieselbe kleinliche Betrachtungsweise, wie wir sie bei den Antisemiten finden, Alles vom Standpunkte der Frage zu beurtheilen: was bedeutet cs für eins Juden. Wir sind im Besitze der gesetzlichen Gleichberechtigung und und machen auch Anspruch auf dieselbe: aber wir haben kein Recht, zu verlangen, daß Alles so eingerichtet sei, daß unsere Interessen gesichert sind. Wir kennen keine besonderen jüdischen Interessen, und wenn durch den Ausfall der letzten Wahlen die Interessen Wiens gefährdet sind, so ist es selbstverständlich, daß auch wir darunter leiden. Frei-

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