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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-23 · Heft 41 (23.10.1890) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 41 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
Seite 526 (sequence 2)
Language
German
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526 Christenthum so übel bestellt ist und er so wenig Verstünbniß für > den geistlichen Beruf zeigt, dem er sein Leben gewidmet hat, was ist | dann von seiner Sozialpolitik und seinem Verstündniß für die wirthj schaftlichen Lebensbedingungen des deutschen Volkes zu halten, deren Studium jenseits seines Berufes und seiner mangelhaften Bildung; liegt? Und was kann die Triebfeder dieser von der Kirche ebenso wie von der großen Masse der Laien zurückgewiesenen Thütigkeit j sein, wenn nicht jene Eitelkeit, welche, unfähig, etwas Gutes zu schaffen, sich durch Werke der Zerstörnng eine» Rainen zu! machen sucht? j Der Erlaß des hessischen Konsistoriums und die Enthüllung des j Lessingdenkmals in Berlin sind zwei bedeutsame Thatsachen, die! unter so vielen Kämpfen und Wirrungen, Angriffen und Verleum-! düngen, denen wir täglich ausgefetzt sind, uns doch wie die Morgen-! röthe besserer Tage erscheinen, in welchen der Haß und die Verj folgung wie die Nebel von der Sonne der Humanität und der | Bruderliebe werden verscheucht werden! U Etwas über „jüdische Pädagogik" and — Adolph Nielterweg. Von M. Spanier. j Kürzlich fand ich in einen: jüdischen Blatte den Wunsch ausj ausgesprochen, daß endlich die jüdische Pädagogik „auf eigene Füße gestellt" werden möge. Jüdische Pädagogik! Giebt es eine? Meines Erachtens nicht. Die Pädagogik ist die Lehre von der Menschenerziehung, ihre Fundamente sind auf Ethik und Psychologie gegründet. Die Grundsätze aber sowohl der Sittenals der Seelenlehre sind, ob es sich um Juden oder Christen handele, nicht zu modifiziren. Die jüdische Pädagogik hat gar keine „eigenen Füße". Ebenso wenig wie es ein Handbuch der christlichen oder jüdischen Medizin oder eine süddeutsche oder norddeutsche Erziehnngskunde geben kann, ebenso wenig ist eine jüdische Pädagogik existcnzberechtigt. Wenn nun auch heutzutage immer noch, besonders von Leuten in amtlichen Stellungen: Seminardirektoren, Schulrüthen rc., Evangelische und Katholische Lehrbücher der Pädagogik herausgegeben werden, so ist das nur zu bedauern; aber die Thatsache sollte uns nicht veranlassen, in denselben Fehler zu verfallen und die Konfession gewissermaßen als geschäftliches Aushängeschild zu benutzen. Für uns Juden ist nur eine Methodik des jüdischen Religionsunterrichts wünschenswertst. Auf diesem Gebiete sind gegenwärtig noch Dilettantismus und Mechanismus gar sehr zu Hause. Die allgemeinen pädagogischen Anforderungen sind noch keineswegs in einheitlicher Form auf diesen Unterrichtsgegenstand nach seinen verschiedenen Verzweigungen angewandf. Damit aber ersehnen wir keine jüdische Pädagogik, sondern nur einen Anhang zu einer allgemeinen Pädagogik — einen Anhang für Juden. Die weisen Erzieher aller Zeiten haben auch für uns gelehrt, und es sind zum Glück nicht alle der Meinung Wilhelm Haruisch's, wenn er behauptet: „Im vollen Sinne des Wortes giebt es keine andere Erziehung, als die christliche" — eine Aeußcrnng, die, bei aller Achtung vor dem bedeutenden Schulmanue müssen wir cs sagen, in diesem Punkte von einer jämmerlichen Beschränktheit zeugt. Wer heute zur Fahne Pestalozzi's schwört, der da gesagt hat: „Allgemeine Emporbildung der inneren Kräfte der Menschennatur zu reiner Menschenweisheit ist allgemeinen Zweck der Bildung", und dennoch dieser Grundsatz nur für die engen Grenzen seiner Konfession gelten lassen will, verfällt in einen unlösbaren Widerspruch. Es ist daher selbstverständlich, daß der Manu, der mit Recht der deutsche Pestalozzi genannt wird, der die Lehren des großen Schweizers am tiefsten erfaßt, am klarsten dargestellt und am konsequentesten durchgeführt hat, der für das Pestalozzische Ideal freier Menfchenbildung gestritten und gelitten hat, daß dieser nicht die Pädagogik vom Glauben abhängig macht. Ich rede von Adolph Diesterweg, dessen 100jähriger Geburtstag am 29. Oktober dieses Jahres gefeiert wird. Wir Juden haben besondere Veranlassung, uns dieses Mannes in Liebe und Verehrung zu erinnern und den Wunsch zu hegen, daß das Andenken dieses Gerechten zum Segen werde. Ja, gerecht war Adolph Diesterweg, gerecht gegen uns. Man kann das von einem Manne nicht anders erwarten, in dessen Charakter glühender Wahrheitseifer und hingebende Menschenliebe lebendig waren. In dem Vorwort zur zweiteir Auflage seines Wegweisers zur Bildung für deutsche Lehrer, den er als Seminardirektor in Berlin herausgab, findet sich folgende Stelle: „Unser Prinzip duldet keine Religion des passiven Glaubens, keine Religion todter Worte oder Formeln, keine Religion der bloßen Zerknirschung und äußerer Versöhnung — denn es verlangt ein ewiges Werden und Streben, innere Entwickelung durch den Gebrauch der von Gott verliehenen Kraft, Schaffen des Guten in Liebe zu Gott und Menschen, geistiges Wirke», so lange es Tag ist — es ist eins mit der Religion des Fortschritt? in jeglicher Beziehung. Humanisirung der ganzen Welt, bis zu den Juden hinab. Auch sie sind Menschen, haben ihre unverlierbaren Menschenrechte und werden auch die bürgerlichen Rechte erlangen, trotz der Dekrete der sächsischen Kammern. Das ist, wie ich hoffe, klar genug gesprochen." — So schrieb Diesterweg im Jahre 1837. Leider Gottes können wir uns nicht darüber wundern, wenn in einer modernen (modernen? ich meine in einer kürzlich erschienenen) evangelischen Pädagogik der Verfasser den letzten Passus der zitirten Stelle besonders unterstreicht und damit hiuweist auf die sündige Vermessenheit des irreligiösen Diesterweg, der auch die Juden erziehen will, ohne sie zu Christen zu machen. Aber Diesterweg ging noch weiter. Er wirkte für die Bildung der Juden nicht blos durch seine Schriften, nein, auch durch die That, er unterrichtete sie selbst; er nahm sie als Schüler in's Seminar auf. Das wurde freilich damals oben nicht gern gesehen; denn es brach die Zeit an, wo man nicht mehr, wie am Anfänge des Jahrhunderts, von einer freien, alle guten Kräfte der Menschennatur steigernden und fördernden Bildung das Heil des Staates erwartete, sondern seinen Ruin befürchtete. Die Reaktion warf ihre schwarzen Schatten aus; sie wuchs und schwoll an z>r gewaltiger Macht. Und Diesterweg mußte fallen. 1847 trat er in den unfreiwilligen Ruhestand. Er selbst freilich sagte: „Was den Ruhestand betrifft, in den ich gewiesen worden — nun, ich hoffe, mein letztes Stündlein schlägt, ehe er eintritt." Und er hat Wort gehalten. In Rede und Schuft hat er seit der Zeit ninrmer geruht im Kampfe für die Befreiung der Schule von jeglichem Dogmatismus und Bureaukratismus, für die intellektuelle und materielle Hebung des Lehrerstandes, für Volkswohl durch Volksbildung, für Wahrheit und Gerechtigkeit. In seinem Jahrbuch für Lehrer (1851) hat er die Geschichte seines amtlichen Schiffbruchs erzählt, unter dem bezeichnenden Motto: Infandum renovare dolorem! (Unsagbaren Schmerzes Erneuerung!) Ich zitire eine Stelle aus dem Bericht, in dem er mittheilt, wie er mit seiner Vorgesetzten Behörde ständig in Konflikte gerietst: „Herr O. Schulz (der Schulrath) sah.die Juden in dem Seminar ungern; ich dagegen nahm sie gern als Gäste auf. Nur so konnten sie zugelassen werden, eigentliche Zöglinge konnten sie nicht werden. Wir tadeln die Juden wegen ihres Mangels an Bildung und — verschmähen die Mittel zur Bildung ihrer Kinder, indem wir die Bildung der

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