Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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8 deutlich — tiefen alles Althergebrachte, beider äfft man mitnllter lieber die 3lnber$c|läubiflcr nach, die dem Judenthnm fremd und mit demselbeil iu keinen Einklang zu dringen sind, und daher mehr schaden, als nützen. Wer aber Lust und Liede „an dem Erbe der Versammlung Jakobs", wer wahre Anhänglichkeit an unsere altehrwürdige Religion und ihre tiefen ethischen Gebräuche heit, der fliehe in unserer mode-! süchtigen Zeit -- gleichwie es unsere hochgebildeten und hochangesehenen j Glandensbrnder in England noch thun, die alten Bräuche 311 schützen! und, wenn mich geistig, zu durchdringen. Dann können uns — beffen | bin ich sicher — alle unsere Feinde nichts allhaben. Lasset lms fest-! halten an der ererbten Gottesfahne, dann werden wir stark sein! | Gerrna n Sender, Lehrer ittib Kantor. j Oesterreich=Ungarn. * Wien, 12. Oktober. Hier herrschte große Elnpörllng, veranlaßt durch ein antisemitisches Wahlnianöver bei den jüngsterl Landtagswahlen. Es wurde in massenhaft zur Bertheilung gelailgtell Flligblättern verbreitet, Kaiser Wilhelm hätte beu antisemitischen Führern ">O00 fl. zur Bekämpfung des Judenthums gespelldet. Frankreich. 0 Paris, 3. Oktober. An Stelle des verstorbenen Seminardirektors Tränet hat die Verwaltung des Rabbinerseminars den Schwiegersohn des Oberrabiners ZadocKahn, Herrn Rabbiner Israel Levi, bisherigen Adjunkten beim PariserOberrabbinat, gewählt. Herr Levi hat jedoch die auf ihn fallende Wahl ab gelehnt. Ter Lehrstuhl für beu Talmud-Unterricht, welcher früher mit dem Posten des Direktors verbunden war, ist bei der Neuwahl von demselben getrennt und Herrn Rabbiner Lehmann übertragen worden. Großbritannien. * London, 19. September. Die Einrichtung voll F e ri e n k ol 0 n i e n für Schulkinder hat erst vor welligen Jahren in England Eingang gefunden. Allein diese humanitäre Institution hat solchen Anklang gefunden, daß in diesem Jahre bereits circa 500 jüdische Schulkinder je 14 Tage auf dem Lande lllltergebracht werdell konnten. Allerdings hat das Komitee nicht blos durch Sammlungen die nöthigell Mittel aufgebracht und persönlich die höchst beschwerliche Inspektion besorgt, sondern einzelne Mitglieder habeil ganze Parteien in vollständige Veroflegung genommen. Mr. Samuel Montague hatte, wie im Vorjahre, die Güte, während des ganzen Sommers 30 Kinder auf seinem Landsitze in Swathling 31t beherbergen; Mr. Ernest Frau kl ill llahm 15 Kinder in Eaterham und Mr Arthur Franklin ein Dutzend in Folkestone auf. Es ist dies eine wahre Wohlthat für die Kinder der armell Juden des East-End, weshalb schon jetzt für eine umfasselldere Aktion für das llächste Jahr Sorge getrageil lvird. Rußland. " Warschau, 12. Oktober. lUllängst nmrde gemeldet, daß der Gonn'rnenr von Wilna. General Kochanow, die hervorragendstell Mitglieder der israelitischen Gemeinde Wilnas 31t sich besch jeden ulld sie rmahnt habe, in ihren Kreisen dafür Sorge zu tragen, daß die jüdische Bevölkerung sich eines besserell öffentlichen Betragells befleißige als bisher. Geileral Kochanow betonte, er habe auf seinen Reisen in Westeuropa stets gefunden, daß die dortigen Inden bestrebt wären, sich den netreffenden Landessittell anzubeguemen, während in Littalien das Gegentheil der Fall wäre und die littanisehell Inden noch obendrein mrch das Hervorkehren gewisser Gebräuche geradezll bestrebt wären, ne christliche Bevölkerung zu reizeil. Dieser Tage hat nun auch der Tber-Polizeimeister (Polizei-Präsident)von Warschau sämmtliche Rabbiner Warschaus zu sich entbieten lassen und ihnen folgende Eröffnlrng gemacht: Das Betragen der jüdischen Bevölkerung und besonders der indischen Jllgend in Warschau sei vielfach ein sehr tadelnswerthes. Die ärmere Bevölkerung sei über alle Maßen unsauber, liederlich und unsittlich, während in den wohlhabenden jüdischen Kreisen oft eine große Anmaßung gegenüber der christlichell Bevölkerung zlir Schall getragen lverde. Biele Jlldell wären feine pflichttreuen und zuverlässigen Staatsbürger. Die Rabbiner sollten durch Beispiel, Wort und Schrift bessernd und veredelnd ans ihre Glaubensgenossen einuüvfen. Jetzt sind nun in allen Warschauer Shllagogeil große Tafeln in hebräiscöer Schrift anfgehangen wordell, auf wetchell die Rabbiller die Gemeinde- Mitglieder zur Gottesfurcht, Nffichstenliebe, zu einem sittlichen, bescheidenen ltub ehrbaren Lebenswandel unb zn.r Höflichkeit gegenüber beu Betennern anderer Religionen aufforbevn — Auch aus anderen Städten Polens wird gemeldet, daß dort ebenfalls die Behörden Verwarnungen an die jüdische Bevölkerung habe ergehen lassen. —• Die russischen Behörden R ä ch st e n l i e b e und Sittsamkeit predigen hören - das ist allerdings inmitten der trnllrigell Zllstände. iu welchen die russischen Inden schmachten, ein Schauspiel von unvergleichlicher Komis. Türkei.! Jerusalem, iln September. Wer das helltige Jerusalem I mit dem vergleicht, wie es vor zehn Jahreil lvar, der wird sich über i den Umschwung wundern, beit diese Stadt in diesem Zeiträume genommen, i Damals mailgelte es fast an Allem, was zur Bequemlichkeit des Menschen dient, es gab keine nach ellropäischen Begriffen geordnete Verwaltung, keine Wege, und die, welche scholl lange hier wohnten, hatteil einen I schwachen Glaubell an die Möglichkeit einer baldigen Veränderung, da , Seitens der Behörde eine solche gar llicht gewollt, ja sogar nach Kräften; zu verhillderll gesucht wurde. Voll allen hier ansässigen Ausländern,! woher immer auch sie stammen mögen, formte mau mit Sicherheit an=! llehmen, daß sie llur um ihres Glarlbens halber ihren Wohllsitz in Jenlsalem gewählt hatteli, denil etwas Anderes lvüre wohl llicht im Stande gewesen, unter den gegebenen Verhältnissen Fremde hier fest-! zllhalten. Aber eben dieser Grund, dem keine andere Gewalt gewachsen, j und der Berge zu versetzell im Stande ist, hat den Anlaß 31t einem | Umschwünge in Jerusalem gegeben, den Alle bewundern, die es früher j gekannt haben, und der seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hat.! Die Herstellung einer guten Straße hielt mall damals für etwas, das - das jetzt lebenbe Geschlecht llicht sehen werde, — nnb doch ist jetzt eine recht fahrbare Straße von Jaffa nach Jerusalem, lind von da nach Bethlehem und Hebron dem Verkehr übergeben worden, die sehr stark benutzt wird, selbst an einer Fahrstraße nach Jericho ist in diesem Jahre fleißig gearbeitet worden, so daß dieselbe schoil eine gute Strecke weit fertig gestellt sein soll. Diese Straßen lverden um Jerusalem her von Lohntntschern stark befahren, und mall kann um eine Kleinigkeit ill die entlegensten Theile der äußeren Stadt fahren. Aber llicht nur Lohntntscher sieht man ans der Straße, sondern auch den schönstell Egnipageil mit prächtigem Gespann degegliet mall seit einiger Zeit; diese sind meistells Eigenthnm irgend eilles reichen lind hohen Effeudi oder Patriarchell. Asien. * Bothara, 15. September. Der russische Finanzminister wird währelld seiner Rlindreise durch Eeiltralasien and) das jü dische Vierte! von Bothara besuchen, um daselbst die Seiden-Kultnr lind Manufaktur zu illspiziren, ein Industriezweig, ill welchem die Juden der transkaspischen Länder sich besonders anszeichllen. In Bothara allein sind gegen 0000 jüdische Seidenarbeiter, deren prachtvolle Webearbeitell auf den Markten von Mschnei-Nowgorod, Odessa, ja selbst Lyon sehr geslicht sind. Diese Industrie wurde von persischen Inden eingeführt und damit eine Quelle großen Reichthnms in ihre neue Heimath gebracht, der beste Dallt für die Gastfreundschaft, welche ihnen geboten wurde. Es giebt in Bothara auch mehrere Rabbiner, welche tagsüber an der Spindel bei! der Arbeit sind, während sie den größeren Theil der Nacht dem Studium! der Thora und des Talmud widmen. Die Judeil voll Eentcalasieil! werdell bald ill nähere Berührilllg mit den Glaubensgenossen des Westells j gebracht lverden, sobald die sibirische Eisenbahn, welche Petersburg mit! Wladivostok in Cftfibirten verbindeil wird, vollendet sein wird. Eille! Zahl kleiner jüdischer Gemeinden ist über Sibirien zerstrellt unb ihre | Mitglieder müssen oft eine sehr beschwerliche nnb erschöpfende Reise in! Schneestürmen und bei einer Kälte, von welcher man sich in Europa | gar keine Vorstellung machen kanll, ansführen, lim eine müßig große! Kehilla zu erreichen, wo sie sich mit den religiösen Objekten für Synaj goge, Schule und Hans versehen können. Für diese armen Leute wird j die neue Eisenbahn ein wahrer Segen fein. Ein Beweis, welchen Werth | der Emir von Bothara auf das Gedeiheil seiner jüdischen Unterthanen legt, ist die Gründung einer Waaren- und Geldbörse, welche nutev die Aussicht des rmssischell Residenten gestellt werden wird.