Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Non Nah und Fern. — Der Verein „Chewrath gemiluth chasadiin“ veranstaltete am 7. Oktober in Dräsels Festsälen eine Simchas-Thora-Füer mit anschließendem Kränzchen. — Das von dem Verein Jedide ilmim errichtete Gebäude für die jüdische Taubstn m rnell - Ansta l t in Weißensee ist neuerdings seiner Bestimmung übergeben worden. Die feierliche Einweihung wird in einiger Zeit stattfinden. — Ein israelitischer „K in derv e rein Mal bisch Arumim“ ist in Berlin gegründet worden, der sich, wie schon der Name besagt, die Aufgabe stellt, arme Kinder für den Winter mit warmen Kleidern zu versehen. Jeder Knabe und jedes Mädchen im.Alter von einem Tage bis zu sechzehn Jahren kann Mitglied werden und hat monatlich 20 Pfg. Beitrag zu zahlen. Der Gründungstag des Vereins foll in der Folge am 22. Tischri (Simchas Thora) mit einem Kinderfest gefeiert werden. Diese Idee ist nachahmenswerth. — Das groß herzoglichhessische Konsistorium hat sich veranlaßt gesehen, die hessischen Geistlichen auf das Ernstlichste zur Bekämpfung des sittlichen Nothstandes, der sich in dem Ueberwnchern des Antisemitismus äußert, aufzurufen. — Bei seiner Durchreise durch Jarotschin wurdeSe. Majestät der Kaiser durch den Bürgermeister, unseren Glaubensgenossen Goldenring, begrüßt. Der Kaiser unterhielt sich mit Herrn Goldenring aufs Huldvollste. — Die israelitische Gemeinde Rheydt, welche bisher eine Filiale des Synagogenbezirtes München-Gladbach war, ist aus diesem Bezirk geschieden! und wird vom 1. Januar 1891 an mit einigen Nachbarorten einen eigenen Synagogenverband bilden. — Am 9. Oktober, dem Sterbetage des Freiherrn Abraham von Opp enheim, wurden die Zinsen eines Vermächtnisses von 150,000 Mark zur Hälfte an christliche und zur anderen Hälfte an jüdische Arme vertheilt. Am 24. d. M., dem Sterbetage der Freifrau Charlotte von Oppenheim, gelangen wieder die Zinsen eines gleich großen Vermächtnisses in ähnlicher Weise zur Verkeilung. Die der Synagogengemeinde zufallende Zinsen-Hälfte beträgt ca. 5500 Mark, welche in Gaben von durchschnittlich 20 Mark vertheilt werden. — Dem prakt. Arzt Dr. rned. Sal omon Herr heim er zu Frankfurt a. M. ist der Charakter als Sanitäts-Rath verliehen worden. Dr. Herxheirner ist ein Neffe des seligen anhaltischen Landrabbiners. — In einer Sitzung des Stadtverordneten-Kollegiurns zu Dresden hatte ein antisemitischer Jnnuugsschwärmer, Bäckermeister Mertig, sich darüber entrüstet, daß die städtischen Lieferungen gegenwärtig einer Brodfabrik übertragen sind, deren Leistungsfähigkeit und Neellität allgemein, selbst von konservativen Stadtverordneten, anerkannt wurde, deren Inhaber indeß ein Jude ist. Es war darauf ein Antrag angenommen worden, den Stadtrath zu ersucheil, vom 1. Januar k. I. ab das Brod für die städtischen Anstalten nur bei Jnnungsmeistern zu entnehmen. Der Stadtrath ist aber diesem Beschluß nicht beigetreten. — Am jüngsten Montag wollte der bekannte Berliner Hofprediger die antisemitische Bewegung nach Baden tragen, und zwar in einer „konservativen Landesversammlung" in Karlsruhe. Der dortige freisinnige Verein hat es deshalb für angezeigt gehalten, am Montag Abend eine öffentliche Volksversammlung anzuberaumen, zu der der Herr Hofprediger eingeladen ist. - - Vor dem Schöffengericht Müllheim wird demnächst sich ein Antisemiten-Prozeß abwickeln. Der Reichstags-Abgeordnete Lieb er mann von Sonnenberg hat gegen einen Müllheimer Israeliten, der einen Artikel angeblich beleidigenden Inhalts gegen den genannten Abgeordneten in den Müllheimer Lokalblättern veröffentlicht, sowie gegen die Redakteure des „Müllheimer Tagblatts" und des „Oberrheinischen Anzeigers" Privatklage wegen Beleidigung erhoben. — Die österreichisch-israelitische Union hat am 27. September ihre Vereinsthätigkeit mit einer Versammlung wieder anfgenommen. In den Vorstand wurden gewählt: als Präsident Dr. Jos. Grünfeld, zu Viceprüsidenten die Herren Wilhelm Freyberg und Dr. Marcus Spitzer, zum Kassirer Herr Jac. Jaiteles, zu Schriftführern die Herren Tr. I. Kohn und Adolf Rosenbaum, zu Kontroleuren die Herren B. Kanitz und Leop. Ouittner — Auf Veranlassung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat das k. f. Kasern-Kommando in der bereitwilligsten Weise in der Rudolfs Kaserne ein geeignetes Lokal zur Verfügung gestellt, wodurch es möglich war, für die dort garnisonirende Mannschaft israelitischer Konfession anläßlich der hohen Festtage Rosch-Haschano und Jom Kipur einen Gottesdienst zu veranstalten. — Michael N i s c r a d o s, welcher am 00. April den jüdischen Handelsmann Adam S ch w a r tz auf der Eperjesen Straße nach Nadsreg bei Galantha ermordete und beraubte, stand Freitag den 19. September als Angeklagter vor dem Gerichtshof in Pretzbnrg. Der Gerichtshof fällte folgendes Urtheil: Niscrados ist des Raubes und der den Tod herbeiführenden schweren Verletzung schuldig und wird mit 15 Jahren K erker und 10 Jahren Amts Verlust bestraft. —- Unser Glaubensgenosse, der ausgezeichnete Jurist T. M. C. Ass er, welcher zur Zeit die Stellung eines Rechtsanwalts beim holländischen Ministerium des Aeußern bekleidet, wurde von der Negierung zum holländischen Vertreter bei der demnächst in Bern zusammentretenden internationalen Konferenz zur Regelung der den Gütertransport auf Eisenbahnen betreffenden Fragen gewählt. — Die Zahl der Juden in Schweden beläuft sich auf ca. 4000 gegenüber 45'« Millionen Gesammtbevölkerung. Die Mehrzahl derselben wohnt in Stockholm und Gothenburg, wohin dieselbe gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aus Polen auswanderte — Während der Manöver, welche um Brescia stattfanden, > hat der K ö n i g vonJtalien mit dem Kronprinzen auch das Arsenal! besucht, dessen Direktor Hauptmann Giuseppe Lattes, ein Jude, ist.! Beim Verlassen des Arsenals drückte der König seine Befriedigung aus über die energische und intelligente Art, in welcher der Direktor den Pflichten seines verantwortungsreichen Postens nachkommt. — Rabbiner Cammeo von Neapel hat eine Broschüre über die Geschichte der neapolitanischen jüdischen Gemeinde veröffentlicht. — Die neue Hammersmith und West-Kensington-Synagoge in London, welche kurz vor Neujahr eingeweiht wurde, sah am Molltag ganz eigelle Gäste. Eine Anzahl, arabischer Juden, welche der Truppe des „Wild East" in der französischen Ausstellung Carls Court angehören, wohnten in ihrer malerischen Kleidung dem Gottesdienste bei, und ihr Scheik Ibrahim Hassan wurde zur Thora aufgerufen. — Herr Julius Heymann, Kapitän der Infanterie in Paris, ist zum Major befördert worden. — Die ottomanische Pforte hat Herrn Felix Bloch wegell der Dienste, welche er seit mehr als 20 Jahren für die Civilisation geleistet hat, zum Offizier des Medjidje-Ordens ernannt. — In Epernay ist am 8. Oktober ein lleues israelitisches Gotteshaus eingeweiht woldeu. — Am Fuße des Berges M i t h r a d i t e s beiFevdosia air der Südkiste der Krim liegt eine Synagoge, welche fast tausend Jahre alt ist. Eine Tafel, welche in die Wand eingelassen ist, enthält folgende Inschrift: „Durch Menschenweisheit wurde dieses Haus erbaut. Messias! Komm' und versammle dein Volk Israel! Im Jahre 678 (4768 A.-M.)". In den letzten Jahren der Herrschaft der Khane wurde die Synagoge fast ganz zerstört, aber sie wurde voll der Kaiserin Katharina II. nach Erwerbung der Krim wiederhergestellt. Vor fünfzig Jahren brachte Firkowicz, ein gelehrter Karaite, aus dieser Synagoge ein altes Sepher imb einige Pergamentrollen nach Petersburg imb verkaufte dieselben an die kaiserliche Bibliothek. - Aln 8. September weihte die Gemeinde „Sichron Ephraim" in New- Aork ihre prachtvolle neue Synagoge in 67. Str. Zwischen 3. imb Lexington Ave. unter entsprechenden Zeremonien ein. — Baron Hirsch hat in Amerika ausgedehnte Gebiete angekauft, auf denen er die heimathlos gewordenen russischen Juden, und zwar zunächst 5000 Familien, ansiedeln will. Für die Zwecke der ersten Ansiedelung hat Baron Hirsch nach der zitirten Quelle zehn Milliollen Gulden bestimmt. — Aus Oran meldet man: In Maskara sind israelitische Kaufte nie voll Eingeborenen überfallen wld beraubt worden. Der Polizei, die erst nacherüglich auf dein Schauplatze erschien, ist es gelungen, zwei der Araber zu erwischen. — Der Komrnalldant der Milizen in Paramaribo (niederländisch Indiens Major R. Buena de Mesguita, ein Jude, hat auf den Posteil resignirt, und wurde ihm aus diesem Anlasse vom General-Gouvernelir der offizielle Dank für die während seiner Amtsdauer dem Staate gelelsteten Dienste ausgesprochen. Der heutigen Nummer der „Allgemeinen ZeitlUlg des Judeilthums" liegt ein Prospekt der Firma Earl Schleicher Schult in Düren über ihre Diamantspitzfedern und Briefpapiere für beu Damenschreibtisch bei. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBanckwißin Berlin.