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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 jviH)ev Mrci&umibav.tf in Anutftabt uitb Kreisphysikus in Schrimm. <5;r ist and) Wepvötentant der Jüdischen Reformgerneinbe zu Berlin. * Berlin,!5. Oktober. Ter beut s che A n t i s e m i t e u b n n b hielt am Sonnabend eine Versammlung ab. Dem Berichte der „Kreuzzeitung" entnehmen wir Folgendem: Der antisemitische Abgeordnete Zimmermann hatte seine Rebe gehalten, in welcher er am Schlüsse allsführte, baß bas Iudenthnm bem Volt das Christenthum entreißen wolle. Jubelnd erhebt sich die Versammlung von den Sitzen. (Es entsteht Unruhe, weil eiliige sitzen bleiben.) Lehrer Scheer: Ich habe mich nicht verpflichtet gefühlt, aufzustehen bei dem Applaus für den Redner . . . Vorsitzender: Es sind nur deutsch-nationalgesinnte Münner geladen! Sind Sie ein solcher? Scheer: Sie haben mir das Wort ertheilt. Vorsitzellder: Ob Sie national gesinnt sind? Scheer lachend: Deutsch-national gesinnt bin ich nicht. «Rufe: „Raus!"» Vorsitzender: Ich fordere Sie auf, bas Lokal zu verlassen. Er wirb hinausgewiesen. X Berlin, 14. Oktober. ,. A n tise unten- Spie ge I". So nennt sich die neueste Erscheilinng auf dem deutschen Büchermärkte, und hoffentlich ist sie berufen, in der (beschichte der antisemitischen Bewegung eine bedeutsame Nolle Zn spielen. Zum Unterschiede voll allen bisherigeil Schristeil, welche in dem eitlen Wahne, die Gegner seien dllrch Beweismittel irgeild welcher Art zu überzellgen, ihrell Ursprlillg hatten, befolgt diese Schrift einen nelien Weg. Sie wendet sich nicht mehr an die Antisemiten, sondern all bas Volk selbst, belehrt dieses über bas Wesen der Illben und über bas Treiben der Jubenhetzer. Es ist ein Buch, gleich werthvoll für Diejenigell, welche unparteiisch an die Beurtheiluilg der Indellfrage herantreten wollen, wie für solche, welche, von der Ungerechtigteit der Bewegnilg bereits überzeugt, sich berufen fühlen, in dem Kampf gegen die Hetze Mitstreiter zll seiil. Jede einzelne Phrase, mit welcher die Antisemiten das Volk alifzuregen pflegen, wird hier gründlich beleuchtet und in ihrer Haltlosigkeit vorgeführt. Eingeleitet wirb bas Büchlein dllrch den trefflicheil Aufsatz, beu jüngst Heinrich'Rickert in der ./Nation" veröffentlichte. Es folgen bann kurze, schlagend geschriebene Berichte über: die Zahl der Jlideil in Deutschland, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden, die Entwickelung des Antisemitismus, Kaiser Friedrich uub Kaiserin Angnsta über die antisemitische Agitation, die Lügen über die Allin net; israelite uni verseilt», die Jllden im Heere, der Inden Antheil am Verbrechen. Die im nächsten Monat erscheinellbe zweite Lieferung wird n. A. enthalten: Die Schuldebatte hu Abgeorbnetenhause, Wucher und Güterschlächterei, die Darlegung der Alltisemiten über Talmud uub jüdische Sittenlehre, der Wohlthätigkeitssilln der Juden, die Autisenlitell und die Reichsballk. Neben der trefflichen Schreibweise macht der überaus billige Preis das Büchlein zur Massenvertheilung in Stadt und Land vorzüglich geeignet. Die Verlagsbuchhandlung <A. W. Kafemann in Danzig) liefert das Heft für bell Preis voll nur 20 Pfennigen, bei Bezügeil von einer größeren Anzahl von Exemplaren noch billiger (50 Stück 8 Mt., 100 Stück 15 Ml'., 1000 Stück 100 Mk ). Teil Wohlmögenben itufcver Glaubensgenossen ist hier reiche Gelegenheit geboten, sich all km Kampfe für die Auftlärullg zll betheiligeu. Mögen sie dazu beitragen, baß tausende und abertausende von Exemplaren des „Antisemiten-Spiegels" über bas ganze Land verbreitet werden und bas Volt belehren. Dann werdell sie nicht mir für sich selbst, sonderil für das gelammte deutsche Volk Frieden stiften. -g. Hannover, im Oktober. Herr Oberkalltor Lazarus ans Teplitz, der zllm Nachfolger des leider so früh bahingeschiedenen Oberkantors Berggrün gewählt wurde, hat am 1. September fein neues Amt angetreten lind all bell Festtagen bereits sungirt. -g. .Hannover, 12. Oktober. Tie hier tagende sechste allgemeine lutherische Konferenz hat gleichzeitig eine Spezialkonferenz betreffs der Mission unter Israel gehalten. Alls dem über die Sitzung veröfferltlichtell Referate ersehen wir, daß der Missionssekretär Dr. Müller- Leipzig die Erfolglosigkeit des seit 20 Jahren eingeschlagenen Weges, durch einen Missionar zu wirken, eingeftanb. Er hob dann hervor, baß die Missioll sich dem Judenthlnu gegenüber in der Defensive befinde (sie!), dem Angriffe jedoch mit beu der evangelisch-lutherischen Kirche allein eigenen Waffen uub der ihr allein geziemenden Taktik entgegenzutreten hätte. Keine äußerliche Gewalt, ungeistliche Waffen, unchristliche Mittel, keine Anleihe bei dem Staate helfe da. Die Aussendillig eillzekner Missionare unter die Inden wirb aufgegeben, was immerhin erfreulich, da die Herren durch ihre Zudringlichkeit oft sehr lästig fielen, dahingegen wirb die Herstellung uub Verbreitung von Schriften, wie das Instihikim Judaicum m Leipzig empfohlen, und der Errichtung solcher Inslilula jndaica an allen Universitäten warm das Wort geredet. A Ottweiler lRheinpreußen). 5. Oktober. Als kleinen, doch nicht uninteressanten Beitrag zu den tröstlichen Wahrnehmungen in unserer kritischen Zeit, und um zu konstatiren, was Verhetzung und was Aufklärung vermögen, mag Folgendes dienen: Der für das Saargebiet gegründete „Verein gegen Wucher", welcher sich meist mit dem Nothstande der ländlichen Bevölkerung im Allgemeinen befaßt und in Bezug - auf dessen Wirksamkeit sich der Spruch Garn su lelow (auch dies zum! Guten» auweudeu läßt, hält von Zeit zu Zeit Versammlungen ab, über! lvelche sich in den Lokalblättern Berichte finden. So enthielten dieselben | genaue Mittheilungen über die vor einigen Monaten stattgehabte Ge-? neralversammlung. Insbesondere betonten sie, und selbst ein sonst wenig j judeufreundliches Blättchen, glaubte es nicht verschweigen zu dürfen, > daß der Vorsitzende lein königlicher Notar» — anerkannt die bedeuj tendste Kraft im Verein — bei der Aufzählung der bereits erzielten günstigen Resultate in belehrender Weise dessen Erwähnung gethan. baß die schrecklichen Verfolgungen und Zurücksetzung der Juden im! Mittelalter erst den Wucher der Inden verschuldet hätten. Tiefen Eindruck machten diese Worte auf die zahlreiche Versammlung, und über die ernsten Gesichter der Zuhörer verbreitete sich Rührung — so ungefähr , schloß der Bericht. -E Posen, 3. Oktober. Gestern waren hier in Keilers Hotel etwa 25 Lehrer der Provinz versammelt, um über die Gründung eines Lehrervereins zu berathen. Nach einer lebhaften Diskussion wurde beschlossen, einen Verein unter dem Namen: „V e r e i n j ü d i s ch er Le h r e r P o s en s und der Nachbarprovinzen" zu gründen und am ersten Weihnachtsfeiertage die erste ordentliche Generalversammlung abzuhalten, in welcher die Statuten endgültig festgestellt werden sollen. In den Vorftaub wurden durch Zettelwahl berufen: Hauptlehrer Herbst-Lissa als Vorsitzender, Hauptlehrer Eohn-Rogasen und Lehrer Auerbach- , Tremessen als Beisitzer, Lehrer Spiewkowski-Won growitz und; B r ock- Schakken als Stellvertreter. Auf Vorschlag des Vorsitzenden werden die Versammlungen des Vereins nicht immer an demselben Orte i stattfinden, damit durch Wanderversammlungeu die Propaganda für den Verein möglichst verbreitet werbe. Für bie nächste Versammlung ist ein Vortrag des Herrn Brock in Schatten angemeldet, welcher mit den Statutberathungen eine Verhandlnngszeit von 3 -4 Stunden in Anspruch nehmen dürfte. Nach der ersten Versammlung ist schon eine Zahl; neuer Anmeldungen eingelaufen, und es ist zu hoffen, daß binnen Kurzem die jüdische Lehrerschaft nicht nur von Posen, sondern auch aus den anj grenzenden Besirkeu der Nachbarprovinzen sich um den neu gebildeten Mittelpunkt schaareu wird. Der Arbeit giebt's viel, säume keiner, bas j Seiuige zum Gelingen bes Ganzen beizntragen! * Tholey, 8. Oktober. Das war gestern, am Tage der Gesetzesj freube, für unsere kleinen unb großen Knaben eine Seelenlust! Sie j wurden, obschon sie zum Theil noch nicht konfirmirt, wie alljährlich j am Schlüsse der Vorlesung von und mit mir zur Thora aufgerufen, I um au der heiligen Bundesrolle Jsrael's Gott, den Einig-Einzigen, I öffentlich und feierlich zu bekennen. Es ist dieser altherkömmliche syua- > gogale Gebrauch, sofern er in würdiger Weise erfolgt, eine hochreligiöse j Handlung und, wenn ich so sagen darf, vom pädagogischen Standpunkte! aus ein wahrhaft praktischer und nachwirkeuder Religionsunterricht, i dessen Beibehaltung und regelmäßige Handhabung ich jedem Iugeud-! lehrer oder religiösen Führer nur aurathen, ja von Herzen empfehlen kann. Akt dieser jungen Schaar laut und deutlich bie Vor- und Nachbeuediktionen (die ihnen natürlich rechtzeitig erklärt werden müssen) an i der heiligen Thora zu sprechen, wozu die versammelten Väter und i Mütter, Groß und Klein, ihr Banich schcmo (Gelobt sei Gottes Name!) > und Amen sagen, ist für alle Betheiligten eine Freude und eine Ehre! zugleich. Nach Verlesung der Schriftstelle, und nachdem ich ihnen den herkömmlichen Segen (Mischeberach) ertheilt, singt „A lles, was! Odem hat", den erhebenden Ehoral (bekannt unter dem Namen I „tlagbalia” von Dr. At. M. Haarbleicher nach Melodie 9tr. 18 in Dr. Ludlvig Philippsou's Israelitischem Gesangbuch): „Dies i.st die - Thora, dies das Wort, bas Gott uns hat gegeben, baß wir's bewahren! fort und fort, und tragen durch bas Leben." Alsdann begeben sich! alle Knaben hocherfreut wieder an ihre Sitze au beiden Seiten des j Altars. Nach Beendigung des Gottesdienstes segnen auch die Väter! uub Mütter ihre Stammhalter und erfreuen sie noch mit oem, was der! Herbst Köstliches bietet. Ich bin überzeugt, diese Iugendeindrücke ver- > fliegen nicht leicht! Biele „unter uns" aber sind — und das ist de-

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