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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Gerlin. 16. Oktober 1890 54 Lchrgang. Nr. 40. Werlage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. o Berlin, 15. Oktober. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde versendet den Haushaltun gsbericht für das J ahr 1889, dem eine Zusammenstellung der Gemeindebeschlüsse aus dem genannten Jahre voraufgeschickt ist. Von diesen sind hervorzuheben die Gewährung von Beiträgen an verschiedene Religionsvereine, an die Hospitäler in Karlsbad, Kolberg. Franzensbad, Marienbad, Soden, Teplih unb Warmbrunn, an den Gemeindebund, die historische Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland, und an den Berliner Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener; die Einrichtung von Frühgottesdiensten an denjenigen Tagen, an welchen Seelenfeier stattfindet, und der Ankauf des Erziehungshauses in Pankow. Von größeren Zuwendungen werden erwähnt: die „Nanny und Julius Böhm-Stiftung für hilfsbedürftige, aus der Waisenpflege entlassene Mädchen" (150,000 M.), die „Clara Hagelberg-Stiftung" für Waisen (30,000 M.', die „David HerDg'sche Freitischstiftung" für Hochschüler (95,060 M.). Unter den Einnahmen betragen die direkten Gemeindeabgaben der Mitglieder 633,768 M., die Vermiethung der Synagogenstände 133,560 M., die Einnahmen aus den Erbbegräbnissen 34,385 M. — Die Ausgaben an Gehältern beliefen sich auf 98,906 M., an Remunerationen und Pensionen auf 14,560 M. Für den Gottesdienst wurde ein Zuschuß von 142,626 M., für die Schulen ein solcher von 120,075 M., geleistet. Die Armenanstalten erforderten einen Zuschuß voll 183,881 M., eine Summe, die erst bann zu würdigen ist, wenn man erwägt, daß die Berliner Gemeillde aus Stiftungen für diese Zwecke einen Zinsertrag von über 300,000 M. hat. Im Ganzen balancirt der Haushalt in Einnahme und Ausgabe mit 2,658,180X3 3Jt. * Berlin, 12. Oktober. Das Komitee für die gemeinsamen Interessen der Berliner B'ne Berith Logen, Abtheilung: Ferien- Kolonien, hat seinen Bericht erstattet und theilt darin mit, daß es möglich war, im Sommer des Jahres 1890 genau 100 Kinder in den Kolonien unterzubringen. Diesen großen Erfolg dankt das Komitee zunächst dem Herrn I. Sarrasohn in Stettill, welcher für 61 Kinder freie Aufnahme in hochherzigen Familien besorgte. Das Kuratorium des jüdischen Kurhospitals in Colberg gewährte 7 Kindern freie Aufllahme. Die Behrend Lehmann Loge in Halberstadt nahm gegen nur theilweise Entschädigung drei Knaben in ihre Kolonie in Ballenstedt a. H. auf. Die Allemania Loge in Stettin und die Amicitia Loge in Posen nahmen die dllrchreiseilden Kinder in Empfang, verpflegten und beförderten sie. Dlirch die thatkräftige Hilfe noch anderer Vereine und hilfsbereiter Mitglieder wurde es ermöglicht, mit verhältilißmäßig geringen Mittelil — die Summe der Eiilnahme betrügt noch nicht 2500 M. — so Hervorragendes zu leisten. Nachdem die Zahl der verpflegten Kinder sich ill 7 Jahren von 10 auf 100 gehobell hat, steht zu hoffen, daß die Institution sich auch fernerhin voll Jahr zll Jahr umfangreicher und segellsvoller gestatten werde. * Berlin, 11. Oktober. Einem stillen Gelehrtenleben ist mit deni Tode des Dr. Max Henoch am 26. September d. I. ein Ziel gesetzt worden. Zu Berlill 1841 geboren, trat er, wie die „V. Z." berichtet, als Zwölfjähriger in das Werdersche Gymilasium ein. Indessen nöthigte ihn ein Herzleiden, das ihn von Jugend auf quälte und ihm den regelmäßigen Schulbesuch sehr erschwerte, die Anstalt im Jahre 1858 ganz zu verlassen und sich in häuslicher Thütigkeit zum Abiturientenexamen vorzubereiten, welches er 1862 bestand. Er bezog dann die Berliner Universität. llm Mathematik zu studiren, und schloß sich an Kronecker und Kummer, hauptsächlich aber an Weierstraß an. Auf dem Forschungsgebiete des Letztereil lag auch der Gegenstand der Dissertation De Abelifinarum functionum periodis. auf Grund deren Henoch 1867 voll der Berliner Universität zum Dr. phil. promovirt wurde. Er ist später mit selbständigen schriftstellerischen Arbeiten nicht mehr hervorgetretenes eröffnete sich ihm aber ein fruchtbares Arbeitsfeld, als er im Jahre 1885! mit Prof. Lampe die Redaktion des „Jahrbuchs für die Fortschritte der! Mathematik" (Berlin, Georg Reimer, übernahm, dessen verdienstvoller Begründer Carl Ohrtmann soeben hingeschieden war. Dies bedeutende, seit llunmehr 20 Jahrell bestehende Unternehmen, wie es fein anderes Volk besitzt, stellt sich die Aufgabe, sämmtliche litterarischen Erscheinungen aller Kultursprachen auf dem Gebiete der reinen und angewandten Mathematik, und zwar sowohl selbständiger Bücher wie Zeitschriften- Aufsätze, in systematischer Ordnung zu verzeichnen, und soweit sie irgend erreichbar sind, ihren Inhalt anzugeben. In den Dienst dieser Idee hat sich in uneigenllützigster Weise eine Reihe von namhaften Mathematikern des In- und Auslalldes gestellt. Die Erledigung des Verkehrs mit diesen allen, die Buchführung über jede einzelne zunl Referat weggegebene Arbeit erfordert eine sehr erhebliche redaktionelle Thätigkeit, von der mall sich eine Vorstellung bilden kann, wenn man bedenkt, daß jeder der letzten Bäilde des Jahrbuchs durchschnittlich 2000 Arbeiten aufführt und die mathematischen Beiträge aus ungefähr 150 Zeitschriften behandelt. Gerade dieser geschäftlichen Seite der Redaktion nahm sich Henoch mit aufopfernder Thätigkeit an. Rechnet mall noch hillzu, daß er auch eine Anzahl von Referaten selbst lieferte, daß er sich an der Ueberwachung des Drucks betheiligte und die umfangreichen Register der einzelnen Bände anfertigte, so hat man vielleicht ein Bild von der selbstlosen Hingabe, mit welcher dieser Manu feine eigene Arbeit daransetzte, um seinen Fachgenossen die ihrige zu erleichtern. In der dankbaren Erinnerung derselben wird der zu früh Verstorbene, den auch ein haruilos liebenswürdiges Wesen auszeichllete, fortleben. O Berlin, 13. Oktober. Am 12. Dezember begeht der Chordirigent der Berliner jüdischen Gemeinde, Musikdirektor L. Lewandowski, das Fest seiner fünfzigjährigen amtlichen Wirksamkeit. Die hervorragenden Verdiellste Lewandowski's um die syilagogale Musik und die Einführung des Chorgesangs in den jüdischen Gemeinden Deutschlands sind allgemein bekannt und zudem erst jüngst in diesen Blättern eingehend gewürdigt worden. Wir könllen es daher unterlassen, aus die Bedeutung des Jubilars noch besonders hiilzuweisen. Zur würdigen Begehung der Jubelfeier hat sich hierorts ein Comitü aus Verehrern des Komponisten zusammengethau, welches eine loürdige Feier des Tages vorbereiten wird. # Berlin, l4. Oktober. Am 16. Oktober vollendet der Geheime S a n i t ü t s r a t h D r. L e w i ll, Gefängllißarzt des Moabiter Kriminalgerichts und Bezirksphysikus zu Berlin, sein 70. Lebensjahr. Am 2. Juni 1878 befand sich der gellaunte Arzt in der Mittagsstunde unter den Lindeil, als er plötzlich den Wagen mit dem von Nobiling verwundetell Kaiser Wilhelm all sich vorbei und dlirch den Thorweg ill den Hof des Palais eiufahrell sah. Er eilte demselben nach nub gelangte, ohne daß ihn Jemaild ungehalten hätte — der wachthabende Schutzluann hatte ihn erkannt, da Dr. Lewin Arzt der Schlltzmannschaft war — bis in das Schlafzimmer des Kaisers. Der Kaiser lag noch völlig angekleidet auf dem Sopha. Dr. Lewin nannte seinen Namen und brachte zugleich mit dem durch den Hallpteingallg an der Rampe hinzilkommendell Geheimrath Dr. Liman dem Mollarchen die erste ärztliche Hilfe; kurze Zeit darauf trafen dann die Leibärzte ein und vereinigkell ihre Bemühungen mit denen der zuerst Erschienenen. Da Dr. Lewin bereits damals Gefänguißarzt war, so fügte es sich, daß auch der Attentäter Nobiling. ebenso wie Hödel, welcher wenige Wochen vorher gleichfalls ein Attentat auf den Kaiser verübt hatte, unter feine ärztliche Obhut gestellt wurden. Er hatte dem die Regierung vertretungsweise übernehmenden Kronprinzen über das Befinden des Nobiling, welcher einige Wochen später an den Folgen der bei seiner Verhaftung erlittenen Wnllden starb, regelmäßig Bericht zu erstatten. Dr. Lewin rühmt stets, wenn er auf jene Ereigllisse zu sprechen kommt, die Sanftmllth des Kaisers Wilhelm, welchem ill jener schwersten Stunde nicht ein einziges Wort des Unmuths gegen den Mörder entfuhr. Dr. Lewin erhielt später den Hohenzollernscheu Hausorden — das eiserne Kreuz und den Zähringer Löwen hatte er aus dem Feldzug in Frankreich mitgebracht — und wurde vom Kaiser und der Kaiserin überaus gnädig empfallgen. Dr. Lewin ist geborener Berliner, er war

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