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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
Seite 524 (sequence 12)
Language
German
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524 „Er sagt, er wird sich Müh' geben." „Er wird sich Müh' geben?" „Und wird fleißig sein und thätig." „Im Ernst?" „Und man wird mit ihm zufrieden sein." „Sag mir, Rachele," begann jetzt Reb Joichene, „Hai er wirklich Vas Alles gesagt? kann er denn das Alles reden? Hör' an, Bruder- Leben", wendete er sich hierauf an den Randar, „wenn das Alles wahr ist, was Rachele da erzählt, sei muß der Mensch noch nicht lange Schnorrer sein, rind es ist ihm vielleicht nicht bei der Wieg' vorgesungen worden, daß er einmal wird als Schnorrer in der Welt herumziehen; denn ein Schnorrer, der an das Schnorren gewöhnt ist, hat gar keinen solchen Einfall, daß er dienen will. Und wenn er das Alles gesagt hat und es im Ernst meint, so kann es auch gar nicht sein, daß er so dumm ist, wie es uns bis jetzt scheint, und ich möcht' an Deiner Stelle es mit ihm probiren.!^ „Bruder-Leben," erwiederte der Randar lächelnd, „das ist eine gefährliche Sache — ein Pollak in einer Branntweinbrennerei! er tvird mich zum armen Mann trinken." „Hast Tu denn schon gesehen, Vater-Leben," nahm das Mädchen wieder das Wort, „daß er seit gestern schon so viel getrunken hat?" „Spaß, Narrele!" sagte der Vater, „ich mein' ja eine ganz andere Gefahr; ein Beheme in einer Brennerei. Was ihn ich, wenn er mir, Gott behüt', einen Schaden an dem Kessel macht, daß mir dann der Kessel springt und die ganze Rande in die Luft fliegt, schrei dann und laß ihn hiniiberführen zum Herrn Anton; wird er Dir sagen, er hat's nicht gern gethan, »nd ich kann mir dann das Manl abwischen." „Und wo ist den» Koppel und Borech und Huschele?" wendete das Mädchen ein, „mußt Du ihn den» gleich anfänglich in der Brennerei und beim Kessel verwenden rmd ohne Aufsicht? Laß ihn . erst etwas Anderes machen, und wenn er's gut verricht', Du wirst ja j sehen, kannst Du ihn nach und nach mit einem von den Jungen auch in die Brennerei lassen, und wenn nur Haschele bei ihm ist, Hab' ich keine Furcht, daß etwas geschehen kann; der ist ganz so vorsichtig, wie die Mutter, Friede mit ihr, gewesen ist."! War es vielleicht diese Erinnerung an die Mutter, an die frühzeitig deihingeschiedene Frau des Hanfes, welche den Randar plötzlich weich stimmte, oder war es die überzeugende Kraft der Gründe, welche das Mädchen den Besorgnissen des Vaters entgegenzusetzen wußte,! oder wirkte beides zusammen — kurz, die Aufnahme des Fremden! stieß ans keinen weiteren Widerstand. Haschele wurde rasch herbeigerufen; der Vater machte ihm die , kurze Mittheilnng, er habe ein neues Stück Beheme in die Wirth-! schuft genommen, mit welchem sie wahrscheinlich inehr Plag' haben ■ werden, als mit allen Pferden, Ochsen und Kühen, die in den j Stallungen stehen, zusammengenommen. „Was für eine Art von Beheme ist es?" fragte Haschele.; „Leb-Beheme!" antwortete der Vater, »ud, nun erzählte er rasch das Vorgefallene und ertheiltc ihm die nöthigen Verhaltungsmaßregeln. Hierauf ging er mit Haschele in die Schünkstube hinaus und sagte zu dem Fremden: „Also Ihr wollt bei mir in Dienst gehen?" „Ja," antwortete der Gefragte. „Run, alsdann sag ich Dir, Leb, daß ein jedes Wort, welches Dir eins von meinen Kindern sagen wird, Dir sein muß, wie wenn ich selbst es Dir beseht'; aber besonders hast Tn zu befolgen, was mein Haschele da Dir befehlen wird. Er hat einen eisernen Kopf; er wird Dich in die Lehr' nehmen. Paß auf und gieb Achtung auf jedes Wort, was er Dir sagt; wenn er nichts aus Dir machen kann, ist nichts zu hoffen von Dir." Leb folgte seinem Führer, diesem, dem Knabenalter noch nahe stehenden Jüngling, hinaus auf den Hof, gewärtig der Befehle, die er erhalten würde. (Fortsetzung folgt.)? Litterarische Mittheilungen. H. Steinthal: Zu Bibel und Religionsphilosophie. Vortrüge und Abhandlungen. Berlin 1890. Georg Reimer. 237 S. 8. Steinthal hat durch die Sammlung voll Vorträgen und Abhandlungen, die er jetzt unter dem Titel „Zu Bibel und Religionsphilosophie" veröffentlicht hat, alle wahrhaft Gebildeten sich zu tiefem Danke verpflichtet. Denn aus diesem Buche „lernt mit eins die ganze Seele". Hier wird in anziehender und fesselnder Weise die Erkenntniß erweitert und vertieft, das sittlich-religiöse Gefühl geläutert und veredelt, der Wille in der Richtung auf wahrhaft menschliche Zielpunkte gefestigt und gestärkt. Wodurch diese Wirkung hervorgebracht wird? Die Sammlung enthält die Vortrüge: Die Erzühlknnst der Bibel, Die Klagelieder Jeremiü, Vom Erhabenen überhaupt und insbesondere in der Bibel, Die Schöpfung der Welt, des Menschen und der Sprache nach der Genesis, Mythos und Religion, lieber Andacht, lieber Demuth, lieber Toleranz, ferner die Abhandlungen Haman, Bileam und der jüdische Rabi, „Höret Himmel und merk' auf Erde", Wahrheit und Entwicklung, Zum Ursprung und Wesen des Monotheismus lein Dialog)! und: lieber religiöse und nationale Vorurtheile. Hier nun spricht nicht blos der weitfchauende Philologe zu uns, der den Blick auf die Litteraturen der Kulturvölker richtet (man vergleiche z. B.: Die Klagelieder Jeremiä S. 16 ff. „Daß ein Volk seinen Tod besingen, daß es mit einem Schwanenliede im Munde seinen Geist aushauchen sollte, scheint kaum denkbar.Die gerechte Beurtheilung solcher Poesie aber könnte schmierig werden, weil die Gelegenheit zur Vergleichung fehlt. Die jüdischen Klagelieder sind absolut einzig. Trotzdem finden auch sie in anderen Litteraturen Vergleichungspunkte, und wenn wir diese verfolgen, wird sich zeigen, daß sie in der That, wie in ihrem vollen Wesen einzig, so auch in ihrer Schönheit unübertroffen sind"). Wir folgen nicht blos dem feinsinnigen Psychologen und Sprachforscher, der sich in die Seele der Schriftsteller längst vergangener Zeiten zu versenken weiß (man sehe z. B. in der Erzählknnst der Bibel S. 9 f., die Besprechung von Jakobs Worten: „Der Rock meines Sohnes! ein wildes Thier hat ihn gefressen! Zerrissen, zerrissen ist Joseph! „Psychologie und Grammatik macheil sich anheischig zu dem Beweise, daß dies die einzig möglichen Worte waren — gerade diese ltnb keine anderen, und nicht mehr, in solchen drei Absätzen und in dieser Reihenfolge und in diesen grammatischen Formen. Zuerst das Erkennen des schrecklichen Gegenstandes, dann das Ereigniß, welches daraus erschlossen wird, endlich die traurige Sachlage. Und demgemäß zuerst ein Ausruf: „Der Rock meines Sohnes!" Zum aktivischen Ausdruck aber: „ein böses Thier hat Joseph gefressen" tritt die passivische Wendung abschließend hinzu: „zerrissen ist Joseph" mit vorausgeschicktem Prädikat. Die in allen drei Absätzen zu Grunde liegende Vorstellung Joseph tritt hinter die Bestimmungen, die sich unt jene drängen, und die in drei Absätzen in solcher Reihenfolgen ins Bewußtsein und zum Ausdruck strebeil"). Wir hören nicht blos den tiefen Denker, der die höchsten Probleme, soweit sie für das sittliche Leben des Menschen von Bedeutung sind, unbefangen erwägt (vgl.: Die Schöpfung der Welt, des Menschen und der Sprache nach der Genesis, S. 112 f.: „Und wollen wir nun einmal zudringlich sein gegen den Philosophen und ihll fragen: glaubst du wie der Prophet, oder meinst du, die Menschheit habe sich aus einer Affenart durch natürliche Züchtung entwickelt? oder was sollen wir glauben? Ich habe darauf von einem alten Philosophen folgende Antwort vernommen: Kinder, sagte der Greis, mit der Wissenschaft soll man keinen Spott treiben. Der Witz, so spitz er sein mag, trifft sie nicht, oder stumpf prallt er ab. Auch Gefühle soll man nicht gegen die Wissenschaft zu Felde führen; denn das Wissen gewinnt oder verliert sein Recht allein durch vernünftiges Denken, und vor dem Gedanken hat auch das Gefühl sein Recht erst zu erweisen"). Mit alledem und über alledem vernehmen wir die auf der Höhe edler Menschlichkeit stehende Persönlichkeit Steinthals. H . . u. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Berantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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