Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 523 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Reb Leb!" — sagte der Randar. Ter Fremde rührte sich nicht und that, als ob er gar nichts gehört hätte. „Reb Leb! Reb Leb!" wiederholte der Randar, „hört Ihr denn nicht?" Dabei rüttelte er ihn mit seiner derben Hand anS dem Traumicbcn, dem der Schnorrer sich hingegcbcn zu haben schien, empor. „Ich hör'," antwortete der Fremde. „Nun, warlim ineld't Ihr Euch nicht an, wenn Ihr hört, das; man Euch ruft?" „Ich heiß nicht." „Ihr heißt nicht? Wie heißt: Ihr heißt nicht? Habt Ihr nicht gestern gesagt, Ihr heißt-" „Leb," ergänzte der Fremde. „Ah so, Ihr habt kein' „Chawer" lder Ehrentitel: Reb). Ru, Ihr könnt ihn Euch bei mir schon gefallen lassen. Ihr braucht nur dcu „Chower" nicht zu bezahlen." „Rein," sagte der Fremde. „Ihr kommt von Polen?" sagte der Randar, der über die Ehower-Angelegeuheit weiter nicht disputiren wollte. „Ja!" antwortete der Frcindc. „Und wohin geht Ihr?" - „Nirgends." „Wie schickt sich nirgends? was ist das für eine Red'?" „Ich weiß nicht." „Ihr wißt nicht? Geht Ihr denn so in die Welt hinein llnd lvißt nicht, wohin Ihr eigentlich kommen wollt?" „Ich geh' nicht." „Ihr geht nicht? Perzeiht mir, man kann ans Eure;; Reden nicht klng werden." „Rein!" sagte der Fremde. Bei dieser Bestätigung seiner Ansicht ans dem Munde des Fremden mußte der Randar herzlich lachen, und selbst Reb Joichcue konnte sich des Lachens nicht ganz erwehren; Rachcle aber verzog den Mund auch nicht zum leisesten Lächeln. Mit stiller Wehmuth blickte sic ans den Fremden. „Ta habt Ihr eine kleine Gabe," sagte der Randar zu dem Fremden, indem er ihm einige Geldstücke in die Hand drücken wollte. „Ich brauch' nicht," sagte dieser abwehrend und die Hand zurückziehend. „Seid Ihr denn ein reicher Mann? Verzeiht, man sieht Euch's nicht au. Jetzt weiß ich, warum Ihr nicht geht; Ihr braucht nicht zri gehen, meint Ihr; Ihr könnt, Dank sei Gatt, fahren. Rn, wenn Ihr wollt, laß ich Euch mein Gezeugel cinspannen, und Ihr könnt fahren dahin, wo Ihr zu thun habt, mcinetivegen in die „Khille" oder aus ein Dorf. Soll ich Euch cinspannen lassen?" „Ich fahr' nicht." „Ihr fahrt nicht? Seid Ihr ein Vogel? Ihr geht nicht, Ihr fahrt nicht — nu, fliegt Ihr denn?" „Rein." „Also was thut Ihr?" „Nichts!" „Ein Beheme," sagte der Randar, indem er sich unwillig mnwendete: „mit dem Baldower ist gut schlafen zu gehn, wenn man schläfrig ist." „Warum?" fragte Reb Joichene. „Weil man bei ihm nicht aufkommt!" crwiederte der Randar und ging unverrichteter Sache in die zweite Stube, aus der er mit solcher Siegesgewißheit hcrausgetvnnnen war. Der Vetter Reb Joichene und Röchele folgten ihm, letztere vornchuilich in der Absicht, de» Vater zu besänftigen, wenn er, wie sic vermuthcn mußte, etwa gereizt sein sollte. Nachdem die Drei sich entfernt hatten, sagte der Fremde zu sich selbst: „Hier hat meine Wanderschaft ein Ende. Ich kann nicht fort, ihr muß ich dienen bis an das Ende meiner Tage!" Er wußte j nicht, daß man in demselben Moment, wo er sich die Nothwendigkeit i dieses Entschlusses klar vergegenwärtigte, im angrenzenden Zimmer darüber berathschlagtc, auf tvelche Weise mau sich, ohne gerade hart! zu sein, des ungebetenen Gastes entledige. „Ungebetene Gast' stellt inan vor die Thür!" hatte der Randar zwar bemerkt, allein er meinte es nicht so schlimm, als cs schien; denn als Reb Joichene darauf crwiederte: „Das gilt nur bei einer Hochzeit," versicherte der Randar, er werde »nt einem dummen halbverrückten Menschen, der selber nicht weiß, was er spricht, nicht so! verfahren, ivie er cs einem vernünftigen Menschen gegenüber zu thun j berechtigt wäre. Indessen kam man vorläufig darin überein, Rachele! sollte noch einen Versuch machen, ihm das Abfertiggeld anzubieten.; „Was einem weniger znkommt, ist Gewinn!" „jagte der Randar, j nachdem das Mädchen die Stube verlassen hatte; „seitdem der Gast! angekommen ist, hat man lauter Verdrießlichkeiten; erst schneid't sic! sich in den Finger, dann muß ich ihm zu Lieb' früher Nachtmahl j essen, und zuletzt krieg' ich ihn nicht vom Hals. Ich bitt' Dich, Joichene, sag mir mir, was fängt man mit so einem Mensche» an?"! „Siehst Du," sagte Reb Joichene, „das kann auch nur auf dem Dorf passircn; in der Khille ist das unmöglich. Wenn ein Schnorrer! kommt, muß er vor Allem zum Rabbiner gehn; der rcd't mit ihm! und sicht, ob er ein würdiger Gast ist oder nur ein gewöhnlicher! „Schnorrer", dann läßt er sich von ihm seine Schriften und Zeugnisse! vvrwcisen, und je nachdem, wie es der Gast verdient, kriegt er nun! von dem Rabbiner einen Zettel auf so und so viel Groschen j und weiter ans. Schlafen thut er, wenn er ein gewöhnlicher „Schnorrer" ist, in der „Schlafstütte", und ist einer ein würdiger Gast, hat inan ohnedies nichts zu besorgen. Und im ärgsten Fall schickt man zum Kassirer oder zum Gemeindedicner und giebt so einein Mann seinen Urlaub. Hier auf dem Torf, was! willst D» mit ihm anfangen, sollst Tu ihn lasscu mit der Polizei I wcgführen!?! „Versteht sich," sagte der Randar, „ein Geruder, daß inan von mir in ganz „Marecland" (Mähren) erzählen soll!" „Man sagt ein Sprichwort: „Mit Gästen giebt »um Kinder ans", ergänzte Reb Joichene den vermuthlichen Gedankengang seines Bruders. Dieser aber crwiederte lachend: „Nu, mit dem Gast wcrd' ich kein Kind ausgeben, denn so ein Beheme exiftirt nicht in der ganzen Welt. Ich Hab' in meinem Leben keinen so dnniuien Menschen gesehen. Ru, was ist da mehr" wendete er sich an das eben eintretende Mädchen. „Vater-Leben!" antwortete das Mädchen erröthend, „er sagt, er ivill nicht weiter in der Welt hcruiitzichen." i „Was will er denn machen?"! „Er sagt, er will dableiben." „Bei uns? und was will er hier thun?" „Er sagt, er will dienen!" ' „Dienen will er, ein wahnsinniger Mensch? was kann er denn?" „Er sagt, er will arbeiten." „Arbeiten? was will er arbeiten? das müßt' eine schöne "Arbeit sei», die so ein Beheme zu Stand bringt." „Pater-Leben! er sagt, man soll» mit ihm probircn." j „Probircn!" parodirte der Randar; „mach den Segen, es kostet; nicht»! warum grad ich? soll ich ihn lassen an meinem Bart schccrcn! lernen?"