Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Tu es ihm indessen nicht uni die Wahrheit in der bloftcu Erkenntnis; zu thnn war, sondern um die Verwirklichung der Wahrheit, nicht um den Forscher und den Künstler, fonbevn um den Menschen, so tonnte er nicht in der freien Schöpfung von Phatasiegebilden seine Befriedigung finden; nur die Wirtlichkeit mit ihren harten Objekten j drängte sich ihm auf und nahm seinen Kopf und bcimit sein Herz | oder sein Herz und damit seinen -Kopf, in Anspruch.? Nun war er aber, obwohl auf das Gegenständliche hingewiesen, doch nicht objektiv, und so war auch sein Denken nicht systematisch.! Gr bezog wohl jede Einzelheit, die ihm begegnete, auf den Mittel-! Punkt seines eigenen Wesens, aber er verband nicht die vielen Einzelj Heiken mit einander. Im Eentrum feine* Geistes trafen unzählige j Strahlen zusammen, nur daß dieselben durch keine Peripherie vor- , bunden waren. Darum vermochte er es nicht, ein mnfassendes! litterarisches Werk, weder ein poetisches noch ein historisches, zu Stande j zu bringen, er konnte kein großes Ganzes schaffen. Rur einzelne , Blätter konnte er schreiben. „Was jeder Morgen brachte, was jeder j Tag beschien, was jede Nacht bedeckte, dieses zu besprechen," sagt Börne, „hatte ich Lust und Muth." So war er ganz eigentlich i Feuilletonist, aber einer, wie Deutschland keinen zweiten hat. - Indem er auf diese Weise die am weitesten von einander liegenden; Gegensätze vereinigte, blieb er, ungeachtet aller Mannigfaltigkeit der Gegenstände und trotz der größten Beweglichkeit seines Witzes, unentlvegt bei dem Einen, der Idee, Gott. Tie* waren die Kontraste, 1 welche sein Humor zusannnenband; und in dieser Nebeneinanderstellung de* kleinen Menschlichen gegen das Unendliche ist er ein wahrhafter Prophet. Er sagt (VI, 181)): „Ich strebte nie nach denn Ruhme eine* guten Schriftstellers, ich wollte nie für einen Schreibkünstler gelten. Meine Natur hat nur ein heiliges Amt aufgetragen, das ich verrichte, so gilt ich kann." Ja, ein heiliges Amt und ein schwere*, sehr schweres. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß Börne in der Zeit lebte, welche zwar! nicht die llnglücklichste, lvohl aber die schmachvollste der deutschen Gej schichte war, wo Deutschland in weiter nichts Einigkeit zeigte, als in j der rücksichtslosesten Unterdrückung jeder freien Regung. Börne aber! nach seiner dargelegten Eigentümlichkeit fühlte nicht blos den Gej sammtdruck al* eine niederbengende, jedes schöne Wachsthum hemmende i Macht, sondern ihn erregte auch jede kleinliche Rache eines Polizeij mannes oder parteiischen Gerichtshofes an irgend einen! Orte; jedes! böswillige Verbot und jede thörichte Verordnung einer Behörde im weiten deutschen Reich, jeder Censnrstrich eines vorsichtigen Eensors, jeder Abfall eines ursprünglich frei denkenden Mannes und sein Uebertritt in das Lager de* hohnlächelnden Gegner*, jede Verdüsterung eine* früher Hellen Geiste*; und noch mehr „das bescheidene Rechten, mäßige Fordern, sanfte Tadeln" jener Gemäßigten und ihr Bitten und Danken und Rühmen, wo sie selbstbewußt auftreten und nicht Piertetsgeschenke für da* berechtigte Ganze annehnien sollten; jede Eröffnungsrede eines Landtage*, jede Antwortsadresse und jeder Landtagsabschied; und zu allermeist jede grausam niedergeschlagene Hoffnung einer hier oder da in Europa angestrebten Erhebung — alle* das kostete er tropfenweise durch wie bittersten Wermuth, alles das stichelte ihn täglich mit tausend Nadeln, und jeder Stich erregte sein ganzes Nervensystem. Darum meinen wir oft einen wahrhaft jerennanischen Ton von ihm zu vernehmen. (VI, 1 (>3): „Ach," klagt er, „sie glauben, ich schriebe wie die Anderen mit Tinte, mit Worten; aber ich schreibe nicht wie die Anderen, ich schreibe mit dem Blute meine* Herzens und dem Safte meiner Nerven, und ich habe nicht immer den Math, mir selbst Onal anznthnn, und nicht die Kraft, es lange zu ertragen." lSchluß folgt.) U Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Haschelc aber ging zu dem Fremden und sagte: „Ihr werdet miitv sein vom Weg': ivciin Ihr schlafen wollt', so braucht Ihr's nur zu sagen, es ist für Euch schon ein Bett hcrgcricht'!" Der Fremde erhob sich ans Dieses sogleich von seinem Sitze und folgte dem Jüngling, der ihn in die Schlafkammer führte. „Wo gehen die Zwei hin?" fragte der Randar. „Wo sollen sie hingchcn? Er führt ihn in die Schlafkammer," antwortete Rachcle. „Jetzt schon?" „Warum nicht?" „Und was ist das für eine Mamcr, das: man so weggcht, mir nichts, dir nichts, wie ein Hund, kein „gut'Nacht", kein ,,gut Jahr", kein — gar nichts; wenn er inchl so ein Beheme wirr', möcht' ich so einem groben polnischen Schnorrer Mores lernen!" Am anderen Morgen >var das erste Wort, welches Rachcle zu dem Randar sprach, folgendes: „Vaterleben, thn' nrich Mittag ermahnen, das; ich Dich ermahnen soll, daß Du nicht vergessen sollst, „Al-Hanißim" einzusetzen." „Ich bitt' Dich, Rachcle," sagte hierauf der Randar und that, als ob er ihre Bemerkung gar nicht gehört Hütte, „ich bitt' Dich, der „Baldower" ') sitzt noch draußen. Hast Du ihm denn kein Abscrtiggcld gegeben?" „Nein!" „Warum nicht?" „Er will cs nicht annehmen." „Was teutsch, er will es nicht annehnien?" fragte der Randar erstaunt, „auf was hinauf hat er Stolz?" „Vater-Leben, er hat gesagt, er will kein Geld." „Weil er ein Beheme ist, das ist, soll ich leben, noch schöner wie schön. Komm' hinaus, laß mich mit ihm reden; ich werde gleich mit ihm fertig sein." „Red' aber keine harte Worte mit ihm," bat das Mädchen. „Narrelc, was Du bist! was soll ich mit ihm harte Worte reden? bin ich denn etwa bekannt für einen Bösewicht? zwingen werd' ich ihn nicht, das Geld anznnehmen! Ich bin nur neugierig zu sehen, wie weit seine Dummheit geht, und warunr er das Geld eigenttich nicht nehmen will." „Laß den Better Reb Ioicheue mit ihm reden," bat das Mädchen weiter. „Was hast Tu heut für Narrcschkeiten? „Weil der Vetter-Leben eine so klare, feine Stimme hat," erklärte Rachele, „mein' ich, man thut sich vor ihm weniger fürchten, wie vor Dir. Wenn Du red'st, so red'st Du immer so „hoch" (laut), daß man meint, Tn bist erzürnt, und jeder Fremde kennt dich ja i nicht so, wie ich Dich kenn', und Jeder weiß ja nicht, wie gut Du bist." „Laß nur geh',,, Narrelitschke!" beschwichtigte der Vater das besorgte Mädchen, „kommt, wir wollen sehen, ob der Baldower? verrückt ist, oder sinnedig (bei Sinnen)." : Hierauf gingen sie alle Drei, der Randar, der Vetter Reb Ioicheue i und das Mädchen, hinaus in die Schüntstube, wo der Fremde still 1 in einein Winkel faß und gedankenlos auf die Erde z» starren schien. ') verächtlich für: der Mensch. /