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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
Seite 521 (sequence 9)
Language
German
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521 die Geschichte, den Fortschritt und die Revolution ansah; wie er oft verzweifelte und sich immer wieder aufraffte; wie er sich über Sozialismus, Kommunismus und Religion, über Wissen und Leben, über Glauben und Wissen, über Freiheit und Sittlichkeit äußerte. Wichtiger ist es, von dem, worüber und was Börne geschrieben, uns zu der Weise zu wenden, wie er geschrieben. Hier dringen wir wirklich in den Kern des Mannes und werden erkennen, daß der Kern Börne's, seine geistige Natur, so jüdisch war, daß Börne wohl als ein jüdischer Typus gelten kann. Er gehört in die geringe Anzahl humoristischer Schriftsteller. Humor bezeichnet nicht eine litterarische Gattung, wie Lyrik, Epik, Drama; er kann in jeder dieser Formen austreten und selbst in Prosa, die er sogar der poetischen Form vorzieht. Er kann komisch oder tragisch wirken': denn eigentlich ist er immer Beides zugleich. Er ist auch nicht eine Eigenschaft irgend eines Nationalgeistes, sondern ist immer persönliches Erzeugniß einer höhen Bildung; nur die Elemente und Voraussetzungen zum Humor liefert der Nationalgeist, und allerdings finden sich diese Bedingungen bei dem einen Volke mehr oder häufiger als beim anderen. Was der jüdische, überhaupt j der semitische Geist dem Humor entgegenbringt, das sind die Elemente des Humors: Witz, Phantasie und Gcmüth, diese einander so entgegengesetzten Thütigkeiten des Geistes, die sich in hervorstechender Weise selten neben einander finden. Mm siild zwar gerade witzige Dichter mit Gemüth unter Arabern und Juden nicht selten; indessen fordert doch eben der Humor noch die gegenseitige Durchdringung dieser drei Formen zu einer wirklichen Einheit, und in einer eigenthümlichen Form, welche überall das Seltenste ist. Statt einer langen theoretischen Auseinandersetzung werden einige Beispiele aus Börne selbst das Wesen des Humors am deutlichsten machen. Börne's Witz ist von der Art, wie er im ersten Viertel unseres Jahrhunderts in den Berliner jüdischen Kreisen herrschend war. Wer von uns das Glück gehabt hat, noch einige Greise und Greisinnen aus jener Zeit zu kennen und zu lieben — ja noch heute lebt hier und da solch ein geliebter Alter —, der wird wissen, was ich meine. Wenn ich höre, wie Börne, als er sich schon im Frühjahr nach dem Bade Soden begeben hatte und dort der erste Kurgast war, von sich rühmte, er sei der Kurfürst von Soden, so ist mir, als hörte ich den greisen Leopold Zunz. Das war ein Scherz, ein Wortspiel. Sarkasmus war es, als er die Arretirung politisch Verdächtiger bei Nacht daraus erklärte, daß die Regierung der Antipode des Volkes ist, und sie daher Tag hat, während jenes Nacht. (Ges. Schr. IX, 132.) Wenn aber Börne, da er selbst bei Nacht plötzlich ins Gefüngniß gebracht war, daselbst die Bemerkung niederschreibt (Nachg. Schr. II, 271 ff.), daß man ihm einen Stiefelknecht versagt habe, gewiß nur, um ihm das Bild knechtischer Dienstbarkeit fern zu halten, so hat dieser Witz durch die Situation einen Hintergrund, durch welchen er eine ganz andere Bedeutung gewinnt. Börne geht nun weiter und zeigt, wie liebevoll es von der Polizei geschieht, daß sie die Menschen des Nachts einsteckt. Nämlich: „Der Gefangene verinißt dann nicht gleich anfänglich seine Freiheit, da ohnedies bei Nacht Jedermann in seinem Zimmer cingesperrt ist; inr Schlaf vergißt er seine Leiden." Dieser Witz greift schon tief in unser Gemüth. Ist die Wohnung das unverletzliche Heiligthilm des Mannes, so ist die Schlafkammer das Allerheiligste; und nicht stärker kann die Härte des Gefängnisses gezeigt werden, als durch den Kontrast mit dem Bett zu Haus. — Börne aber hat noch einen dritten Grund, die Milde zu rühmen, welche den Beschuldigten des Nachts verhaftet: „Der Anblick des bestirnten Himmels flößt ihm wie jedem Unglücklichen Trost ein; er denkt: über den Sternen sitzt ein Kassationsgcricht." Wie ist in diesem Wort Witz und Phantasie gemischt, und wie ist hier die Bitterkeit der Anklage durch den Trost verstärkt und der Trost aus der Grausamkeit selbst gewonnen! Das, meine ich, ist Humor. Noch ein Beispiel. Wenn man ihm Mangel an Liebe zum Baterlandc vorgeivorfen hat, so hat inan weder die vielen unzweideutigen Aeußernngen des mächtigsten Patriotismus noch auch die vielen Ausbrüche seines Heimwehs beachtet. So bemerkt ör einmal (VI, 62. Kritiken XXXIII): „Das Reisen wäre die angenehmste Sache von der Welt, wenn nicht zuweilen das Heimweh unser Vergnügen störte. Diesem Hebel auszuweichen, giebt es kein besseres Mittel, als vor der Abreise aus seiner Vaterstadt sich dort zum Tode verurtheilen zu lassen." Wie wehe muß dem sein, der so etwas schreibt; und doch wie erhaben ist er über solches Elend! Das ist der Humor. Doch ist mit dem Humor das Innerste Börne's noch nicht getroffen. Es muß der Punkt in ihm aufgewiesen werden, wo der Humor entspringt, und der auch erst die Eigenthümlichkeit des Hörne'schen Humors wie seines ganzen Wesens enthält. Börne war eine ganz und gar sensitive Natur, er war von einer allmählich bis zur Krankhaftigkeit gesteigerten Reizbarkeit. Was auch immer seinen Geist berührte, das ward auch Objekt seines Gefühls. Er dachte mit dem Herzen und fühlte mit dem Verstand. Der Gedanke that ihm wohl oder wehe. Wenn es nun aber meist geschieht, daß bei der höchsten Empfänglichkeit für gewisse Reize sich eine gewisse Gleichgiltigkeit oder Stumpfheit gegen andere zeigt,, so muß man von Börne sage», daß dies bei ihm nicht der Fall war. Ich wüßte nicht, welches Gebiet der Bildung, welcher Kreis wissenschastlicher Forschung, welche Form künstlerischen Schaffens ihm fremd geblieben wäre; er ist an nichts statt vorüber gegangen; und obwohl ihm der Mensch seiner Zeit vor Allem am Herzen lag, so ward er doch auch von der Naturschönheit ergriffen. Also nicht irgend welche Einseitigkeit betreffs der Gegenstände des Interesses, nicht die überwuchernde Entwicklung eines Organs hat jene Reizbarkeit bewirkt, sondern die absolute Herrschaft eines Grundtriebes in seinem Wesen, vermöge welcher er alles Einzelne, das sich ihm darbot, nur in Beziehung zu jenem Grunde und Mittelpunkte seiner inneren Welt erfaßte. Dieser Punkt war die Freiheit und in derselben Recht und Sittlichkeit. Von hier aus erhielt jedes Einzelne seine Beleuchtung, und damit gewann jedes eine Gefühlsmacht, wie sie diesem an sich selbst nicht zukam, sondern nur dadurch zu Theil ward, daß es zugleich alle Fäden des Bewußtseins in Mitleidenschaft versetzte. Daher ging sein Urtheil nicht den langsamen Weg der Logik, sondern flog als Witz mit der Schnelligkeit des Blitzes, und seine Funken, umhersprühend, zündeten. Er sieht eine unendliche Fülle von Einzelheiten, aber er bringt sie sämmtlich unter denselben Brennpunkt. Darum ist er ganz und gar subjektiv, sieht Alles aus sich heraus und ist immer extrem, die Enden mit dem Anfang zusammenfaffend. Die Mitte ist für ihn eine Hemmung der Bewegung zur Wahrheit; und die Objektivität, ach. , sagt er (I, 5), „die böse Sachdenklichkeit, es wollte mir nie damit I glücken". Von den objektiven Künstlern und Kunstkennern sagte! er (das.): „Nicht was die Kunst darstelle, cs kümmere sie nur, wie! sie es darstelle. Ein Frosch, eine Gurke, eine Hammelskeule, ein! Wilhelm Meister, ein Christus — das gilt ihnen alles gleich; ja sie verzeihen einer Mutter Gottes ihre Heiligkeit, wenn sie nur gut gemalt. So bin ich nicht, so war ich nie. Ich habe nur immer Gott gesucht in der Natur, die göttliche Natur in der Kunst, und wo ich Gott nicht fand, da fand ich Unnatur, und wo ich die göttliche Natur nicht fand, da fand ich elende Stümperei; und so habe ich über Geschichte, Menschen und Bücher geurtheilt."

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