Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 520 (sequence 8)
- Language
- German
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520 dies Alles in der angegebenen Weise vor sich gehen zu lassen. Es haben sich nämlich im Wadi Maghara außer den erwähnten Schachten Spuren einer ägyptischen Beste und der Arbeiterwohnungen erhalten, und eine bildliche Darstellung bei den den Türiisminen von Wadi Maghara benachbarten Stollen von Umm Thema«, deren Ausdehnung so groß ist, daß sich Palmer des Ariadnefadens bedienen mußte, um sich in ihnen nicht zu verirren, zeigt uns sogar die Gestalt der Werkzeuge, deren sich die Arbeiter bedienten. Die Meißel, die sie mit Hämmern in das Gestein trieben, hatten am scharfen Ende die Form eines Schwalbenschwanzes und waren also mit zwei durch ein leeres Dreieck getrennten Spitzen versehen. Diese- Bergwerke werden von den Inschriften Maphka oder Mophka, mit dem weiblichen Artikel T-Mophka, genannt, woraus ohne Zwang, in Folge einer auch sonst nachweisbaren lautlichen Wandlung im Munde der Semiten, Dophka geworden sein kann. Dies bedeutet „die Stätte des Grünsteins", d. i. des Malachits oder grünen Glasflusses, und es scheint also, als sei hier außer den Türkisen auch das genannte, sonne kupferhaltiges Mineral abgebaut worden. Die Exodusstation Dophka darf also kaum anderswo gesucht werden, zumal sie, wenn wir dem Wege des wandernden Voltes folgen, genau dahin fällt, wohin wir sie verlegten. Der Name dieses Lagerplatzes hat sich also wiedcrgefunden, und da >oir wissen, daß die Gruben von Dophka noch in mosaischer Zeit von Staatsgefangenen, d. h. von Leuten abgebaut wurden, die sich gegen den König und die bestehenden Verhältnisse widersetzlich gezeigt hatten, so liegt die Vermuthung nahe, daß sich unter ihnen auch Hebräer befanden. Gerade diese hatte der Groll gegen ihre politische Lage veranlaßt, den Staub von den Füßen zu schütteln und dem Pharaonenreiche den Rücken zu kehren, nachdem der König und die Seinen — fasse 'man die Landplagen wie man will — Schweres durch sie erfahren. Jedenfalls gab es, wenn anders der biblische Bericht auch nur im Allgemeinen als zuverlässig angesehen werden darf, kein staatsgefährlicheres und aufsässigeres Element im Kreise der Unterthauen des Menephtah, d. i. des Pharao des Auszuges, als die Israeliten. Halten Sie, verehrter Freund, nach dem Gesagten nicht mit mir die Annahme für geradezu geboten, daß, wenn sich Israeliten unter den Staatsgefangenen befanden, die zu Dophka die schwersten Frohndienste leisteten, diese von den auswandernden Stammesgenossen, welche die Stätte ihres grausamen Elends berührten, befreit worden seien? Aber selbst wenn sich kein Hebräer unter den Minenarbeitern befunden hätte, wären die Führer des Volkes doch gezwungen gewesen, mit den Bergwerken') und der ägyptischen Kriegsmacht zu rechnen, die sie bewachte. Ob diese mit den Gefangenen entwich, als der große Wanderstrom sich nahte, ob sie sich in einen .Kampf mit den Aus-, ziehenden einließ, wissen wir nicht; aber zu der Annahme, daß es zu einem Zusammenstoß beider gekommen sei, sind wir berechtigt, und es gehört sicher zu der Tendenz des großen Unternehmens des Mose, Alles, was unter dem Druck der Pharaonischen Gewaltherrschaft litt, zu befreien und den Erlösten zu gestatten, sich zu den Fremden zu gesellen, denen es von vornherein erlaubt war, dem Zuge zu folgen. Daß ich berechtigt gewesen sei, den Josua, von dessen Leben vor seinem Auftreten als Führer der hebräischen .Krieger in der Amalekiterschlacht die Schrift nichts und gar nichts berichtet, zu einem ägyptischen Krieger zu machen, ward mir von der Kritik willig zugestanden, doch ') Eine Erinnerung an die Bergwerke veranlaßte vielleicht die griechischen Berichterstatter über den Exodus von den Steinbrüchen zu reden, in die man die Auswanderer, welche nationaler Haß zu Leprösen stempelte, verbannt hatte. scheint es mir hier am Platz, die Gründe mitzutheilen, welche mich zu dieser Voraussetzung bestimmten. Sie sind äußerer und innerer Natur: äußerer, weil die Denkmäler beweisen, daß während der Zeit, die wir für die des Exodus halten, viele Männer von semitischer Herkunft in der Staatsverwaltung, bei Hof und besonders häufig im Heer zu hohen Stellungen gelangten, und also auch der Sohn des hebräischen Häuptlings Nun leicht ein Befehlshaber in der ägyptischen Armee gewesen sein kann. Jener Syrer Aarsu, den ich als Nebenbuhler Josuas hinstelle, ist eine historische Person. Nach den schon von schweren inneren Unruhen beeinträchtigten Regierungen der Nachfolger des Pharao des Auszugs Seti H. und Siphtah bemächtigte dieser Syrer sich der Herrschaft, und die Anarchie, welche unter ihm losbrach, wird in einem Londoner Papyrus mit düsteren Farben geschildert. Ein Semit war also kurz nach dem Exodus mächtig genug, das alte Haus der Pharaonen zu stürzen, und das Heer hat dem Usurpator sicher Beistand geleistet. Was dem Syrer gelang — warum sollte es dem Hebräer Josua unerreichbar gewesen sein? Es spricht darum alles nicht nur für die Möglichkeit, sondern sogar für die Wahrscheinlichkeit unserer Annahme, Josua sei vor dem Exodus ein mächtiger Befehlshaber im ägyptischen Heere gewesen. Als innerer Grund läßt sich gewiß der Umstand bezeichnen, daß Mose unter den hebräischen Männern gerade den Josua wählt, unr beim ersten feindlichen Zusammenstoß des Volkes mit einem kriegskundigen Gegner die israelitische Streitmacht zu führen, und daß die stets zu Widersetzlichkeiten geneigte Menge den Sohn des Nun, den Ephraimiten, auch noch nach dem Tode des Mose bei der Eroberung Palästinas als Feldherrn anerkannte und seinem Befehl willig gehorchte. Wie andere hebräische Männer, war auch Josua in Aegypten ausgewachsen, und wenn es kaum einem Zweifel unterliegt, daß der große Gottesmann, der die Seinen mt§ der Knechtschaft erlöste und ihnen das Gesetz gab, in einer von der ägyptische» Hierarchie geleiteten Hochschule erzogen und geistig ausgebildet würde — denn alle Lehranstalten schlossen sich in der Pharaonenzeit an Tempel — und er darum auch von späteren Berichterstattern ein „ägyptischer Priester" genannt wird, so läßt es sich von der anderen Seite sehr wohl denken, daß an die Spitze der kriegerischen Angelegenheiten der Auswanderer ein Mann gestellt worden sei, der sich in der ägyptischen Streitmacht die Befähigung dazu erworben. Josua bewährte sich auch später in einer Weise als Feldherr, die es rüthlicher erscheinen läßt, ihn für einen wohlgeschulten Truppenführer als für einen schlichten Heerdenbesitzcr zu halten, den man vielleicht nur, weil mau ihn für unerschrocken und willensstark hielt, aufgefordert habe, den Hirtenstecken mit dem Feldherrnstab zu vertauschen. Mose schreibt ihm auch keineswegs vor, in welcher Weise er die Streitmacht des Volkes zu führen habe, sondern überläßt dies durchaus seinem Ermessen und stellt ihn yiit der schlichten Aufforderung, sich „stark und fest" zu erweisen, an die Spitze der Krieger. (Fortsetzung folgt.) U Ludwig Äörue. Von Prof. Dr. H. Steinthal. (Fortsetzung.) Der mir zu Gebote stehende Raum würde nicht ausreichen, wollte ich nun sehr ausführlich darlegen, welche Grundsätze und Maßstübe Börne in seiner ästhetischen Kritik zur Anwendung brachte, wie er die Aesthetik mit der Politik in Zusammenhang setzte und warum er einen Haß gegen Goethe hegte; wie er über Preußen und dessen Stellung in Deutschland urtheilte; wie er über die verschiedenen Regierungsformen und über den Zweck des Staates dachte; wie er