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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
Seite 518 (sequence 6)
Language
German
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Damen, wo man nicht nur die vaterländischen und europäischen Klassiker, sondern auch orientalische Dichtungen, Firdusi und Mirza Schaffy findet, nach einer eleganten, in zierlichen Band gepreßten Ausgabe des Psalmenbuches suchen; denn an Juda Halevi oder Salomo Gabirol nur zu denken, grenzte an Vermessenheit. Und doch, welche Fülle anregender Gedanken, göttlicher und menschlicher Betrachtungen über die mannigfachen Schickungen des Lebens tritt uns in jenen Liedern entgegen, deren ältestes im Alter neben Homer rangirt, und deren jüngstes noch älter ist, als die ältesten Nachrichten über die Zustände der germanischen Stämme. Ich kann daher wünschen, daß man Gelegenheit nehme, jene Dichtungen mir zu lesen, abgesehen von alten religiösen oder nationalen Beziehungen, die man dazu haben könnte, eben blos als Herzensergießungen älterer hebräischer Dichter, und aus diesen Ergüssen sich ein Bild von den Lebensanschauungen des Volkes, aus dem jene Dichter hervorgegangen, zusammenzustellen; vielleicht würde sich auch für unser Thema, das heitere Element im Judenthum, manches unerwartete Resultat herausfinden lassen; daß man den Psalter zu heilkräftigen, erbaulichen, gottesdienstlichen Zwecken verwende, bleibt dem Ermessen des Einzelnen dahingestellt. Bei einer Lektüre des Psalmenbuches, wie ich sie wünsche und mir denke, würde ich aufmerksam machen, daß an so zahlreichen Stellen Redewendungen Vorkommen, in denen der Dichter sich seines Gottes freut oder auch Andere auffordert, sich zu freuen.: Z. B. „Ich freue mich und frohlocke deiner; ich singe deinem Namen, Höchster!"') „Ihm angenehm sei mein Lied; ich freue mich des Ewigen."-) „Freuet euch des Ewigen, frohlocket, ihr Gerechten, und jubelt Alle, die ihr redlichen Herzens seid."^) „Seiner freut sich unser Herz, auf seinen heiligen Namen vertrauen wir."') „Es frohlocken und freuen sich Alle, die dich suchen."') u. s. w. Was hat es mit dieser Freude an Gott für eine Bewandtnis^ Welchen Schluß auf die religiöse Anschauung des Volkes, aus dem solche Freudenrufe erschallen, dürfen wir uns gestattend Jedenfalls freut man sich nicht über einen „Gott des Schreckens und des Zorns". Im Gegentheil: das alte Israel scheint —- wenn ich mich eines fast trivialen Ausdrucks bedienen darf — mit seinem Gotte auf sehr freundschaftlichem Fuße gestanden zu haben. Mit anderen, ernsteren Worten: Wo ein Dichter oder Denker seinen Geist zu Gott erhebt, wo er Gelegenheit hat, dessen Wirksamkeit in der Natur oder in der Geschichte des Menschengeschlechts zu betrachten, da wird sein Geist von einer heiteren, erhebenden Stimmung erfüllt. Das ist es, was der Pessimismus, über den wir vorläufig zur Tagesordnung übergehen, dem Judenthum zum Vorwurf macht. Nicht blos der Einzelne, dem ein lang gehegter Wunsch zu Theil geworden, oder der sich von einer drohenden Gefahr befreit sieht, jubelt seinem Gotte zu; auch die Gesammtheit soll in freudiger Stimmung vor ihrem Gotte erscheinen: „Zieht ein in seine Thore mit Tanklird, in seine Höfe mit Lob; danket ihm, preiset seinen Namen; denn gütig ist Gott, ewig währet seine Huld, von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue"/) - „Kommet, lasset uns jauchzen dem Ewigen, lasset uns jubeln dem Horte unseres Heils."') — Nicht blos die eigene Volksgemeinschaft, sondern auch die anderen Nationen werden gerufen, in diese Freude über Gott mit einzustimmen: „Es werden Stationen sich freuen und jubeln: denn du richtest Völker in Geradheit und Nationen leitest du auf Erden." ") Endlich wird sogar die unbeseelte Schöpfung aufgerufen, ihren Jubelsang anzustimmen. In dem Brausen der Meereswogen, in dem Funkeln des Blitzes, im Krachen >) Ps. 9, 4. -> Das. 104, 44. -'0 Das. 4L, 11. Das. 44, LI. ') Das. 40, 17. •) Das. 100, 4 u. 4. o Das. 95, 1. ") Das. 07, 5. des Donners, im Rauschen der Bäume hört das Ohr des nur seinem Gotte erfüllten Sängers ein Loblied erschallen: „Es freuen sich die Himmel und es jubelt die Erde; es brauset das Meer und seine Fülle, es frohlockt das Feld und Alles, was darauf ist."') So enthält Ps. 29 eine prächtige Schilderung eines Gewitters, und im drittletzten Psalm stimmt die ganze Schöpfung, die himmlische wie die irdische, den Lobgesang Gottes an. (Schluß folgt.)? Neue Auffassung einiger Stellen de? biblischen Exodusberichtes. Eia Brief an Herrn Dr. Gustav Karpeles. Von Georg Ebers.» (Fortsetzung. In der Zeit bis kurz vor dem Auszug, in der die Aegypter zuerst wohlberechtigte, zuletzt aber immer fraglichere Ansprüche auf den Besitz Vorderasiens erhoben, hatte manches Pharaonische Heer bei Pithom-Suceoth die aegyptische Grenze zu überschreiten, und sobald es diese und die vom Süßwasserkanal , den schon König Seti I., der Vater Ramses II., des Pharao der Bedrückung, gegraben, befruchteten Fluren hinter sich gelassen, mußte es tagelang eine völlig wasser und vegetationslose Einöde durchwandern, bis es endlich wieder au der philistäischen Südmark auf Nahrung und Tränkung bietendes Kulturland stieß. Jede Armee mußte also, bevor sie den heimischen Boden verließ, reichlich verproviantirt werden, und das zugleich der Vertheidigung des Grenzortes Pithom-Suceoth dienende Gebäude, welches Naville ausgrub, ist so beschaffen, daß man nicht umhin kann, das Magazin in ihm wiederzuerkennen, indem man die Borräthe auf speicherte, deren das Heer für den Marsch durch die Wüste bedurfte. Die gewaltig starken geböschten Mauern dieses Bauwerkes und seine Eintheilung entsprechen durchaus den erwähnten Zwecken und den bildlichen Darstellungen der Magazine, die sich aus den Denkmälern finden. Wie bei diesen waren die Räume des erhaltenen Vorraths Hauses von Pithom-Suceoth nur von oben her zugänglich, und kleine sensterartige Oeffnungen am 'obersten Theil der Wände sorgten für die Lüftung der hier aufgehüuften Brodfrucht. Auf den Darstellungen aus der Pharaonenzeit sehen wir, wie die Arbeiter der Grundbesitzer das Korn und andere Borräthe auf Leitern oder Treppen zu dein offenen Dach der Magazine hinauftragen und sie von oben her in die Kammern schütten oder versenken. Ebenso muß es zu Pithoin gehalten worden sein; denn der dortige Speicher besaß keine Seiten Öffnung, keine Thüren oder größeren Fenster, durch die sich dies hätb. bewerkstelligen lassen. Bei der regenlosen Natur dieser Breiten konnte! die Speicher eines festen Daches entbehren. Man scheint die offenen Kammern nur mit Holzwerk oder großen Leinwandplanen geschlossen zu haben. Geschah dies mit Brettern, so waren die Luftlöche. nöthig, deren wir oben erwähnten. Von Dieben hatten die Magazin nichts zu befürchten; denn durch die thür- und fensterlosen Mauen gab es keinen Eingang, und sie waren von so gewaltiger Dicke, das sie sogar dem Ansturm feindlicher Schaaren zu widerstehen vermochten. Auf einen solchen war ihre große Festigkeit und leichte Neigum berechnet, und wir wissen auch, gegen wen sie die Stadt beschützen sollten; denn wir hören oft genug von den räuberischen „Schasu", den gefürchteten Beduinenhorden reden, welche die Wüste zwischen der östlichen Grenzmark Aegyptens und Palästinas durchschwünnten, und die nur zu gern die Grenzforts umgingen und in das Fruchtland des Delta einfielen, um die Scheuern der Bauern zu plündern und ') Pf. 9t;, n.

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