Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 517 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Peixotto, dem auch mehrere Jahre die schweizerischen Konsulargcschäfte vom Bundesrath in Bern übertragen waren, kehrte im Juni 1876 nach Amerika zurück. Zwei Jahre später wurde er vom Präsidenten Hohes zum Konsul in Lyon ernannt. Dieses Amt legte er im Dezember 1885 nieder und kehrte nach New-Pork zurück. Die letzten Jahre seines Lebens verbrächte er in seiner Geburtsstadt als Advokat. Im Interesse der „B'ne Berith" gab er seit 1886 unter dem Titel „Menorah" eine Monatsschrift heraus, in der er sich die Aufgabe stellte, den Orden auch nach Europa zu verpflanzen. Der edle Mann wurde in seinen schönsten Hoffnungen oft getäuscht, von seinen Zeitgenossen oft verkannt. — Die unparteiische Geschichte wird sein humanitäres Wirken und die Verdienste, welche er sich um seine Glaubensgenossen erworben hat, in gerechter Weise zu würdigen wissen. Gott sah, daß cp gut war. Von Dr. David Cassel. (Fortsetzung.) Dieser aus der optimistischen Weltanschauung stammende Gedanke der mosaischen Gesetzgebung, daß man nämlich die Feste in heiterer Stimmung begehe, aber auch dafür sorge, daß die weniger Bemittelten ebenfalls zu einer solchen Stimmung gelangen können, dieser Gedanke ist kein frommer Wunsch geblieben; er ist dem jüdischen Stamme von den ältesten Zeiten bis — Gott sei Dank — in die Gegenwart zu Fleisch uud Blut geworden. Das Judenthum spricht zwar nicht viel von seinem Gotte — der ja ein Gott des Schreckens und des Zornes sein soll —, aber es sucht seine Werke der Liebe und des Erbarmens an seinen Geschöpfen nachzuahmeit. So war es von icher, und so wird es wohl auch bleiben. Als nicht lange nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil eine feierliche Vorlesung des Gesetzes am Neujahrstage stattfand und des Volkes sich eine bis zum Weinen gesteigerte Rührung bemächtigte, da belehrten es die Führer mit den Worten: „der heutige Tag ist Gott geheiligt; trauert nicht und weinet nicht; esset und trinket, was euch schmeckt; sendet aber auch Gaben denen, die sich nichts vorbereiten konnten — und o ging das Volk zu essen und zu trinken und Gaben zu senden und inen Freudentag zu begehen."') — Bei Feststellung des Purimfestes wurde bestimmt, daß die Tage, welche den Juden „aus Kummer in Freude, aus Trauer in Festtag verwandelt worden, als Tage des Mahles und der Freude begangen werden, an denen, man den Freunden Gaben schicke und die Armen mit Geschenken erfreue.') Nach einem glänzenden Siege des Juda Makkabüus ist der erste Gedanke der heimkehrenden Sieger, von der gemachten Beute einen ntsprecheirden Theil den Wittwen und Waisen zuzuwenden.•') Aber — höre ich sagen — da hat es sich doch immer um sinnliche Genüsse gehandelt; man gab seiner Freude Ausdruck durch Essen und Trinken. Ja — um der Wahrheit das volle Recht zu geben — bas waren bis jetzt nur vereinzelte Fälle, aber es gab deren noch mehr. Bei der Bundesschließung am Sinai wird gegessen und getrunken'); nach der Aufrichtung des tragbaren Gotteshauses liefert jeder Stammesfürst seinen Antheil zu den Opfermahlzeiten"); die >) Nehem. 8, 9-11. 5 Ester 9, 22. {)) 2. Makkab. 8,28. ') 2. Mos. ,,4, 11. »j 4..Mos. 7, 16 u. s. w. Errichtung des ersten Altars im heiligen Lande'), die Hinaufführung der Bundeslade nach Zion"), die Vision, mit der Gott Salomo würdigt, wurde durch solche Opfermahlzeiten begangen'), nicht zu gedenken der zahllosen Hekatomben, die nach der Erbauung des Tempels dem versammelten Volke zufielen.') Noch mehr! Der im Althebräischen für „Festmahl" gebräuchliche Ausdruck Mischte könnte darauf schließen lassen, daß bei solchen Veranstaltungen das Trinken die Hauptrolle spielte; eine Fähigkeit, die den neueren Juden fast abhanden gekommen und erst durch völliges Aufgehen in das Germanenthum restituirt werden könnte. Und doch! Machen wir es denn anders? Wir, die Kinder der modernen Zeit, begehen wir denn ein Jubiläum, einen Gedenktag, irgend ein für die Gesellschaft oder die Oeffentlichkeit bedeutsames Ereigniß, als bei vollen Schüsseln und heiterem Gläserklang? Ebenso, wenn auch nicht ganz so, haben es die Juden der früheren Zeit gemacht. Wir beginnen unser Zwcckesseu einer sehr löblichen Sitte gemäß mit einem ehrfurchtsvollen Spruch auf die Majestät des irdischen Königs; die jüdische Sitte beginnt und schließt ihr Zweckessen (mjfü n*ni?D) mit einem Spruch auch auf einen König, aber den ewigen und allmächtigen König der Welt. Auch an Tischreden fehlte es nicht. Die jüdische Sitte kannte als Würze des Mahles die Besprechung religiöser Themata (min '“on), sei cS auch in der ehemals beliebten, jetzt uns fremd gewordenen Manier, bei der vielleicht mehr Geist, wenn auch wohl weniger Wein konsumirt wurde, als bei manchen Tischreden, die man hier und da anzuhörcn verurtheilt ist. Jndeß, ich lasse jede Zeit ihre Feste und Gedenktage in der ihr passenden Weise begehen, da ich weder die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart, noch diese im Gegensatz zu jener hervorheben will. Ich wollte noch einer geistigen Freude gedenken, die im Judenthum existirt, und von der uns hauptsächlich das Psa.lmbuch Keuutniß giebt. Das Psalmbuch! — Ja, wenn ich darauf rechnen könnte, daß der Inhalt desselben in jüdischen Kreisen bekannt wäre, wie er zu sein es verdient. Nicht als ob etwa der Psalter der Vergessenheit, der Nichtbeachtung anheimgefallcn wäre; nur die Art und Weise, wie man Gebrauch von ihm machte und macht, ist es, welches die Erkenntnis; von ihm in die Ferne rückt. In welchem jüdischen Hause hat cs denn au einem Tehillim (Psalter) gefehlt? Und wem sollte es unbekannt geblieben sein, wie in einer noch nicht lange hinter uns liegenden Zeit, ja vielleicht noch jetzt, naiver Glaube das Rezitircu von Psalmen als ein probates Mittel für Solche erachtete, die von schwerer Krankheit bedrängt darnieder liegen. Dieser fromme, aber gedankenlose Glaube hatte gar keine Veranlassung, den Inhalt jener Reihe von Dichtungen kennen zu lernen; denn ob man Klage- oder Bußspalmcn, ob man Hymnen oder Danklieder rezitirt, — die Heilkraft aller steht auf gleicher Stufe. Die erleuchtete Gegenwart freilich wendet sich, wo die rationelle Wissenschaft zu verzweifeln anfängt, anderen Heilmethoden zu, als dem Gebrauch des Psalters, uud cs wäre ein großes Lob für solche in ellenlangen Zeitungsinseraten angepriesenc Universälmittel, wenn man ihnen nachsagen könnte, daß sie dem Kranken so wenig schaden wie das „Tillim-Sagen". — Außerdem begegnen wir einzelnen Theilen des Psalmbuches noch im Gebetbuch; ein langjähriges Besitzthum, das jetzt auch zweifelhaft zu werden beginnt, seitdem fast jede größere Gemeinde für sich ein eigenes Gebetbuch herstcllt. — Aber welchen verwunderten Mienen würde man begegnen, wollte man auf den Lesctischen gebildeter jüdischer >) 5. Buch Mose 27, 7. ff 2. Sam. 6, 17. ••) 1. Könige 3, 15. ff 1. Kön. 8, 63.