Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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515 Tendenz manche vermeintliche oder wirkliche Fehler im „Nathan" entdecken. Es läßt sich aber trotz alledem, wie scharf das Sezirmesser der Kritik in jedes einzelne Glied eiudringeu mag, nicht hinwegläugnen, daß mit „Nathan" von den Brettern, welche die Welt bedeuten, wie nie zuvor in die Seelen ein überaus kralliger Hauch warmer Menschenliebe gedrungen ist, mit ihm der poetischen Schöpferkraft ein neues heiliges Feld urbar gemacht wurde, die Liebe in ihrer edelsten Gestalt, die so erhaben ist über die sinnliche, wie der Geist über den Körper, daß eine neue Zeit damit eingeleitet ward, in welcher das Gewissen erwachen und die herrschende Gewalt die Würde auch der Minderzahl nhten soll. Dieses Stück hat die immer noch schlummernden Keime der humanistischen Reformatoren 31t Leben und Blüthe erweckt, es gedeutet deshalb einen Umschwung, der kaum geringer als der der Reformationszeit anzuschlagen ist. Mendelssohn wurde davon 31t dem Üusrufe begeistert: „Dank sei es der allgütigen Vorsehung, daß sie mich am Ende meiner Tage noch diesen glücklichen Zeitpunkt hat ereben lassen, in welchem die Rechte der Menschheit in ihrem wahren ilmfange beherzigt zu werden anfangen." Und Goethe wünscht, daß das deutsche Volk durch „Nathan" auf ewige Zeiten erinnert werde, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch mit it hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und werth bleiben". Mit Recht nennt Stahr das Stück Lessings reichstes und vollen-? elftes Wert, ein Dichterwerk trotz der Nörgeleien der Romantiker, m.e froh waren, an dem stolzbescheidenen Betenntniß des großen Mannes, i aß er kein Dichter sei, ein bequemes Stichwort zu haben, und sich beeilten, ihm überall nachzusprechen, .... das unerreichte Vorbild iner Tendenzdichtung, die zugleich volles inneres Leben 1111) einen über alleZeitschranken hinausreichenden ewigen Werth hat." Aehnlich behauptet auch Berthold Auerbach, es werden im Stücke keine Lehren gegeben, das Gedicht ist eine Lehre. Es ist das Drama der Weisheit, jener Weisheit, die eine seltene Errungenschaft ulserlesener Geister ist." „Freundesliebe (Nathan und Alhafi), Bruderliebe (Saladin und Sittah und zuletzt der Tempelherr und .techa), Vaterliebe, Kindesliebe (Nathan, Recha), allgemeine 'Menschenliebe (Klosterbrüder, Saladin, Nathan), das sind die > aiten, die hier klingen, jede in ihrem besonderen Ton, und doch d en damit zur reinen Harmonie sich zusammenschließend." „Glück- ' lig der Deutsche, dem es vergönnt sein wird, Lessings riedergelegte Feder wieder aufzunehmen und der zu sein, i it Lessing selbst verkündete: „Wahrlich, er soll noch l scheinen, auf beiden Seiten soll er noch erscheinen, der Tiann, welcher die Religion so bestreitet und der, welcher d e Religion so vertheidigt, als es die Wichtigkeit und Gürde des Gegenstandes erfordert." „Fontenelle sagt von i opernicus". schreibt Mendelssohn an Lessings Bruder, „er machte i in neues System bekannt und starb. Der Biograph Ihres Bruders n irb mit eben dem Anstande sagen können: er schrieb Nathan den weisen und starb. Von einem Werke des Geistes, das eben i sehr über Nathan hervorragte, wie dieses Stück in weinen Augen über Alles, was er bis dahin geschrieben, Ir1111 ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher fingen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unfern sinnlichen klugen völlig entzieht, nnd dies that er. Nun stehen wir da, wir, di? Jünger des Propheten, und staunen den Qrt an, wo er in die hohe fuhr und verschwand. ... Er ist in der That mehr als bin Menschen alter seinem Jahrhundert zu vor ge eilt." Und wir können heute berichtigend hinzusügen: Er ist mehr als ein w'hrhundert dem Mcnschengeschlechte zuvorgeeilt, denn er soll heute | noch erscheinen, der Manu, welcher die Religion so bestreitet lind sä j vertheidigt. Vielleicht wird die Prophezeiung des D. F. Strauß : sich in nicht allzu ferner Zeit bewahrheiten, daß dem redlichen Kamps j der endliche Sieg nicht fehlen werde, daß die Menschheit, wenn auch j langsam und unter Rückfallen, aus der Dämmerung dem Lichte, aus j der Knechtschaft der Freiheit entgegenschreite, und daß nicht nur der! als Mensch mitzähle, der im weitern oder engern Kreise als Nathan j oder als Klosterbruder, als Sittah oder Recha, nach Kräften geholfen! hat, den Anbruch dieses Tages, das Kommen dieses Gottesreiches ' zu beschleunigen. Wie ein Wahrzeichen der Toleranz, die er ver- : kündet im Leben, erhebt sich nun das Standbild Lessings in der! Residenz des deutschen Reiches. Zu ihm lasset uns aufschauen in : Freud und Leid, und in dem Gedanken an Lessing wollen wir nns aufrichten in den trüben Tagen erneuter Intoleranz, in denen wir leben. Laßt uns fortschreiten, indem wir auf Lessing zurückgehen! d Eine Erinnerung an Friedrich Rückert. Unter den Männern, welche in neuerer Zeit für die Juden und i ihre Rechte mit warmem Eifer eingetreten, steht der Dichter Friedrich! Rückert obenan, dem sie in diesen Tagen in seiner Heimathsstadt I Schweinfurth ein Denkmal setzen. Es ist nicht wahr, daß Israel undank- 1 bar ist. Im Gegentheil: es bewahrt allen Denen, welche in Wort und! Schrift nnd That für es eingetreten sind, stets ein treues, dankbares | Gedenken. So wird auch Friedrich Rückert, der unsere Psalmen ver-! deutscht, der die rabbinische Spruchweisheit verherrlicht, der in seinen! Studien stets die jüdische Litteratur berücksichtigt und im Leben immer! mit Wärme für das Recht der Juden eingetreteu, in unserer Mitte! unvergessen bleiben.! Indem wir heute mit inniger Pietät des Dichters gedenken. : erscheint es uns als die würdigste Gedächtnißfeier, wenn wir an! dieser Stelle einen bisher ungedruckten Brief Rückerts veröffentlichen,! den derselbe an Herrn Profesior Dr. Lazarus gerichtet hat. Zur j Erläuterung desselben giebt uns Herr Professor L., dem wir für diese! Mittheilung zu herzlichem Tanke verpflichtet sind, die folgenden Notizen:! Ich hatte auf einer Reise von Bern nach Berlin einen Tag bei Rückert in Neusaß verlebt, dessen langer Abend zumal von den vielseitigsten Gesprächen erfüllt war; unter Anderem theilte er mit, daß j er mit koptischen Studien beschäftigt, die Grammatik an der Hand l der Pentateuchübersetzung studire; dabei würden ihm alldieRünigungsj und Qpfergesetze des dritten, die Zählungen und Wanderungen des j vierten Buches, da er sie langsam lesen müsse, sehr langweilig. Anderen Morgens, bevor ich Koburg verließ, schickte mir Rückert! schon ein Gedicht, welches unser Gespräch über Sprachvergleichung,; älteste Wurzelbedeutung u. s. w. zusammensaßte und ergänzte. Dafür nun sowie für den schönen und reichen Abend, den ich bei ihm verlebt, dankte ich ihm sofort in einem Briese, auf welchen der beifolgende; die Antwort brachte. „Verehrter Freund! Sie haben mich recht erquickt durch Ihre herzliche Zuschrift. Hier! haben Sie ein Pröbchen meiner neuesten Stilübungen, — in Bezug auf j einen flüchtig berührten Punkt unseres Gespräches, das indische nimma. i wobei ich Ihrer Meinung, daß Lebensmüdigkeit Gefühl der Lebensqnal! sei, widersprach, wie ich wieder thue. Ein Lebensmüder, meinst Du. muß gequält Sich fühlen doppelt von des Lebens Qual. Ist weit gefehlt: > Mich fühl ich lebensmüd' und ungequält zumal, Dem Tagesmüden braucht nicht weh zu thuu! Ein Glied, doch setzet er sich zu ruhn.