Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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514?UIc die Nächsten. yajit uni daher die Juden nicht ver- | bcnuiueii, wenn sie auch Christus verdammten. Er selbst hat ja gesagt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet > werdet. Laßt uns die Muhcnnedaner nicht verdammen; auch unter diesen giebt e* rechtschaffene Ntensehen. Es ist nur ein solcher Barbar zu nennen, der unmenschlich und grausam ist."! Wahrlich, diese flüchtige Stilübung des Knaben ist das schönste! Borwort zu dem „Juden" and zum „Nathan"! Blickt man auf dte damalige soziale Stellung der Juden, die! Berachtnng und Zurücksetzung, die sie noch überall erfahren, so! mußte in dein Jüngling schon eine Ahnung seiner civilisatorischeu! Mission geschlummert haben, daß er so mannhaft und muthig gegen! das herrschende Unrecht auzukämpsen gewagt hat. „Ein Jüngling; wie ein Mann!" kann inan auch hier ausrufen. Ein angesehener! Professor durfte in Hessings Jünglingsjahren öffentlich der ganzen j israelitischen Nation noch die Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann ausweisen zu können. Das Borurtheil gegen sie, wie es Martin Krumm im Lessiug'scheu Lustpiel „Tie Juden" zu Tage treten läßt, war allgemein nad) oben wie unten hin verbreitet. Selbst im Lande des freiesten Fürsten jener Zeit, Friedrichs des (Großen, waren die Juden sehr vielen Bedrückungen ausgesetzt. Tie Reformation hat nicht alle Früchte gezeitigt, zu denen der Humanismus die Keime ausgestreut, sie verengte sich bald in theologischer Einseitigkeit und wollte ihre vielfach noch sehr beschränkten Ansichten als unantastbar betrachtet wissen. Je mehr sie an Macht gewann, desto weniger verschloß sie sich dem Gelüste, neue Fesseln zu schmieden. Tas -ist eben das Loos der Idee, daß sie, wenn sie cms ihrer Gedankenhöhe auf den Boden der Wirklichkeit herabsteigt, dort von der beengenden Atmosphäre umtlannnert wird, daß sie die Fülle ihrer ganzen Herrlichkeit auf das kümmerliche Maß der bestehenden Berhältnisse, der allgemeinen Empfänglichkeit beschränken muß. Keime und Knospen des Hmuauitätsgefühls waren wohl vorhanden, aber die immer noch rauhe Nacht des Fanatismus und der Unduldsamkeit ließ sie nicht zur Entfaltung und Blüthe gelangen. Ueberall noch in Kirche und Staat, bei Fürst und Volk Borurtheil, Religionshaß, Aberglaube! Ta ist die Selbstständigkeit mib Kühnheit des jährigen Lessing anzustaunen, wie er in gerechter Entrüstung seiner Zeit zürnst: „Ich zweifle, ob viel Ehristen sich rühmen können, mit einem Juden aufrichtig verfahren zu sein, und sie wundern sich, wenn er ihnen Gleiches mit Gleichen! zu vergelten sucht? Sollen Treue und Redlichkeit unter zwei Bölkerschasten herrschen, so müssen beide gleich viel dazu beitragen. Wie aber, wenn es bei der einen ein Religionspuntt und beinahe ein verdienstliches Werk wäre. die anderen zu verfolgen? Ich bin kein Freund allgemeiner Urtheile über ganze Völker.... Ich sollte glauben, daß es unter allen Nationen gute und böse Seelen geben könnte. Und unter den Juden Wie nöthig ein solcher Heros der Humanität seiner Zeit gewesen, das ersehen wir eben daraus zur Genüge daß selbst ein Friedrich, der es nicht wünschte, daß allen Bäumen eine Rinde wuchs, die Rinde des Borurtheils, welche ihm angewachsen war, nicht ganz von sich abzustreifen vermochte. Selbst die Gebildetsten und Aufgeklärtesten ahnten es oft nicht, oder wollten es nicht wissen, wie tief sie in die Netze verstrickt lagen, in welchen damals die Menschheit noch allgemein gefangen war. Mit seinem Gefühl für solchen unbegründeten, ererbten, gewissermaßen mit der Muttermilch eingesogenen Religions- und Rassenhaß laßt Lessing im „Nathan" gerade den freisinnigen Tempelherrn! darüber Klage führen, wie solche tödtliche Schlingpflanzen auch in den freiesten, hellsten Deukern überhand zu nehmen und die edelsten Blüthen geistiger Errungenschaft zu ersticken vermögen: „Ich seh' nun wohl, Religion ist auch Partei: und wer sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner die Stange." „Ter Aberglaub', in dem wir ausgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns. — Es sind nicht Alle frei, die ihrer Ketten spotten." Vielleicht sind die Streitigkeiten nüt den Finsterlingen und die Mißachtung, die Mendelssohn erfuhr, ein Sporn mehr zum Erscheinen des „Nathan" gewesen, keineswegs aber der alleinige Grund. Er fühlte vielmehr, wie wir oben bemerkt, von Jugend auf in sich den erhabenen Trieb und Berus, einzutreten, zu retten, wo Wahrheit und Recht verdunkelt wurden, Vorkämpfer der Toleranzidee zu werben; und ein heiliges Streben, dieser zum Siege zu verhelfen, die chinesischen Mauern des Rassen- und Religionshasses, alle Schranken aus unduldsamen Zeiten niederzureißen, durchzieht wie ein rother Faden sein ganzes Leben. Er kämpft dafür als Knabe, als Jüngling, als Mann. „Durch den Verfolg seiner Streitigkeiten mit Götze wurde das Gedicht „Nathan" nur neu lebendig in Lessing," sagt Berthold Auerbach, „während es schon lange in seinem Geiste der Gestaltung harrte. So erstand diese Dichtung durch die theologischen Kämpfe, aber sie entstand nicht durch dieselben. Lessing nennt die Novelle bei Boccaccio den Keim,-und es ist ein tiefes Gesetz, daß die Keimkraft eine Zeit lang ruhe, bevor sie zur Entfaltung gebracht wird." In diesem Sinne allein ist Kant's Bezeichnung zutreffend, wenn er „Nathan" das heilige, wertste Vermächtnis des Geistesheroen, den zweiten Theil der „Juden" nennt. Er setzt allerdings da nur i fort, was er früher schon gedacht, gefühlt, und wofür er immer ge-! ruugen und gestritten; aber „Nathan" ist doch der vollendete Ausdruck der ihn schon als Knabe und Jüngling erfüllenden Idee,! er ist der bewußte, besonnene Kampf des reifen Mannes gegenüber : der früheren jugendlichen Aufwallung der sittlichen Entrüstung. Sein ganzes Leben ist Wohlwollen. Humanität, Toleranz; er ist Humanist I im besten, edelsten Sinne des Wortes, Moralist im großen Stile, ein hinreißender Prediger in der Wüste, der seiner Kanzel, der Bühne, dadurch eine besondere Weihe gegeben, daß er sie zur Darstellung der i höchsten ethischen und religiösen Wahrheit befähigte, auf daß die > deutsche Bühne nicht blos durch Possen die Beenge unterhalte, durch > Karrikaturen und Sinnenkitzel deren niedrigsten Leidenschaften stachle, sondern die höchsten Ideale der Menschheit, Liebe, Gerechtigkeit, gegen-! seitige Achtung und Duldung ihr vor Augen führe und ihr ein- : dringlich in die Seele präge:; „Ter Vater hat euch alle Drei geliebt, und gleich - geliebt." „Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring besitzt die Wunder- . kraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm, j Tas muß entscheiden!" „Was heißt denn Volk? Sind Christ j und Jude eher Ehrist und Jude als Mensch? Ach! wenn ich * einen mehr in euch gefunden hätte, des genügt, ein l Mensch zu heißen!" „Und ist denn nicht das ganze Christenthum auf's Judenthum gebaut? Es hat mich oft geärgert, hat mir Thrünen g'nug gekostet, wenn Ehristen gar so sehr vergessen konnten, daß unser Herr ja selbst ein Jude war." Angesichts solcher Lehren und des inuner noch üppig wuchernden Judenhasses giebt es wohl kein wahreres Wort, als das Gustav Kühne's: „Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten." Der kalte Kritiker, der von dem überwältigenden Totaleindruck absieht und an den Einzelheiten nörgelt, mag vom ästhetischen und dramatischen Gesichtspunkte aus, von Seiten der Kcnnposition und