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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-16 · Heft 40 (16.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 40 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 40. Allgemeine Berlin, 16. Oktober 1890. eitung des Zudenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Ronn. Verlags-Ckpedition: Berlin. Lerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums'', Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zur Enthüllung des Lessingdenkmals in Berlin. Von Dr. M. Dessauer. — Wissenschaft und Litteraturr Eine Erinnerung an Friedrich Nückert. — Benjamin Franklin Peirotto. Von Dr. W. Kayserling. — Gott sah, daß es gut war. Voll Dr. David Cassel (Fortsetzung). — Weite Auffassung einiger Stellen des biblischen Cxodusberichtes. Voll Prof. Dr. Georg Ebers (Fortsetzung). — Ludlvig Börne. Von Prof. Tr. H. Steinthal (Fortsetzung). — Feuilletonr Der unbekannte Gast. Von Eduard Kulte (Fortschung). — Literarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Hannover, Ottweiler. Posen, Tholey, Wien. Paris, London, Warschau, Jerusalem, Bokhara — Bon Nay und Fern. — Miscellen. — Sprechsaal. 3ttr Enthüllung des Lessmgdenlnuals in Berlin. Vvil Dr. M. Dessaiier, Landrabbiuer in Meiningen. Unter den Vorkämpfern für Gewissensfreiheit, Recht und Licht steht der Name Lessing an erster Stelle. Sein Leben, Denken und Dichten haben berufene Federn gezeichnet; wir wollen hier nur zur Feier des festlichen Tages auf den unerschrockenen Kämpfer, der mit gewaltigem Arme die hundertköpfigeu Ungeheuer der Intoleranz und des Fanatismus niedergehalien und unermüdlich gerungen, bis auf der Arena des Kampfes seine physischen Kräfte ermatteten, auf seine edle Gesinnung und sein großes Herz Hinweisen. Suchen wir bei einem großen Dichter nicht blos erhabene Geisteskraft und Schönheit der Form, sondern auch die poetische Schöpferkraft, welche die Herzen für edle Gesittung, Recht und Wahrheit erschließt, suchen wir bei ihm nicht blos die Kraft, welche Liebe und Leben des Menschen, die Harinonie und sanfte Erhabenheit der Natur, sondern auch diejenige, welche die höchsten Ziele der Menschheit, die Menschenliebe, die Gerechtigkeit, den Frieden und die Harmonie als Ideale der Humanität in zauberhaften Tönen lobpreist, uns ergreift und unser Gefühl rührt »nd adelt, dann muß unstreitig Lessing, dem edelsten Dichter der Humanität, die Palme linier den deutschen Dichtern zuerkannt werden. Die ersten Worte in seinen Werken sind aber heute leider auf ihn anwendbar, seine goldeneil Worte von Menschenrecht und Duldung müßten „weniger erhoben und fleißiger gelesen" werden. Wer wird Nathan nicht loben? Erhebt aber nicht gerade in unseren Tagen ivieder der Rassen- und Religionshaß sein häßliches Medusenhaupt? Die Fabel von den drei Ringen ist trefflich, herrlich, aber — wie steht's um die Anwendung? Denken die gehässigen Gegner an seine erhabenen Worte: „Wohlan! Es eifere Jeder seiner unbestochenen, von Vornrtheilen freien Liebe nach! — mit Sanftmllth, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, mit innigster Ergebenheit in Gott." Lessing ist nicht durch äußere Anlässe zum Retter der verkümmerten Menschenrechte geworden, sondern aus Beruf und innerster Ueberzeugung; seine Mission war geradezu providentiell. Schon als zwanzigjähriger Jüngling, lange ehe er Mendelssohn kennen lernte, schrieb er das Lustspiel: „Die Inden", und so schwach auch dieses Stück als dramatische Leistung sein mag, es war damals „eine große sittliche That iin Interesse der befreienden Humanität". Es beweist, daß Lessing, bevor er noch mit Mendelssohn in freundschaftliche Beziehungen trat, an die Möglichkeit eines Mendelssohn glaubte, sich derer annahm, ans die Alle einschlugen — der Juden. In seiner Geburtsstadt Kamenz und in Meißen hatte er deren keine gesehen, in Leipzig hatte er sie nur zur Meßzeit in ihrer damals wenig anziehenden Erscheinung vor Augen, und dennoch schrieb er „Die Juden". — Der zarte Sinn und das hohe Gerechtigkeitsgefühl sind ihm von Großvater und Vater als schönes Erbtheil eingepflanzt worden. Sein Großvater wühlte sich zur Dissertation das Thema: „Von der Toleranz der Religionen", ein Stoff, der in ihm den würdigen Vorfahr dessen erkennen läßt, der ein Jahrhundert später das Hohelied der Toleranz, den Nathan, gedichtet. Auch Lessings Vater war, wenn auch ein frommer protestantischer Geistlicher, so doch fern von allem Fanatismus, frei und tolerant. Und der treue Enkel und Sohn wandelte in den humanen Wegen seiner Vorfahren, ging aber noch einen bedeutsamen Schritt weiter. Er will lieber um die Wahrheit rastlos kämpfen und ringen, als im gesicherten Besitze derselben ruhig und thatlos leben; er hält cs für verdienstvoller, um den rechten Weg eifrig bekümmert zu sein, als den rechten Weg einzuschlagen. Dieser Grundsatz war die Seele aller seiner Kämpfe, Forschungen und Streitigkeiten. Es klingt wie die Devise seines Lebens, wenn er ruft: „Licht und Finsternis; nicht unterscheiden wollen! Ich wüßte keinen Vorwurf, über welchen ich mehr schaudern würde, als diesen, wenn ich ihn objektiv als möglich denken könnte." „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menschen." Was Wunder, daß Lessing schon in seinem 12. Lebensjahre zu seinem Diktat bei der Aufnahmeprüfung in der Fürstenschnle zu Meißen: „lieber den Begriff der Barbarei bei den Alten und die Aufhebung dieses Vorurtheils durch Christus" die Bemerkung hinzufügt: „ Es ist barbarisch, zwischen den Völkern einen Unterschied zu machen, sie sind alle von Gott geschaffen und mit Vernunft begabt. Wir bedürfen Alle der Hilfe fremder Menschen, und deshalb sind wir uns

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