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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 * Berlin, 5. Oktober, lieber die un§lückliche Brandkatastrophe in der Friedri chstrnße hat die „Kreuz-Zeitung" einen derart starken antisemitischen Artikel gebracht, daß die zahlreichen Gegner dieses Blattes nichts Eiligeres zn thun haben, als denselben niedriger zu hängen. Auch wir wollen unseren Lesern einen Theil jenes Aufsatzes wiedergeben, damit sie eine gewisse Beruhigung in dem Bewußtsein finden, daß es ehrenhafter ist, von solchen Leuten angegriffen, als gelobt zu werden. Das Blatt schreibt u. A.: „Der Kernpunkt des Ganzen liegt im Punkt drei, in der Hetze, welche die .Judenpresse von Berlin einmüthig und unermüdlich gegen die Feilerwehr und ihre staatliche Verwaltung richtet. Weshalb? Um diese „Verwaltung" in die Hände der Stadt zu bringen. Darnach trachtet man, wie die Eingeweihten wissen, längst; der Brand am 19. September d. I. aber mußte den bisher vergebens gesuchten Vorwand bieten; und er eignete sich dazu, wie kein anderes Unglück dieser Art, weit es eine wohlhabende jüdische Familie war, die man als „Opfer" mangelhafter Leitung hinstellen konnte. Die publizistische, wie die politische Technik hat sich dabei tadellos erwiesen. Das „Sch'ma Jsroöl" (Höre Israel) schallte mächtig durch Berlin und fand im „Rothen Hause" Widerhall. Die Stadtverordneten Richter uni) Genossen stellten den Antrag auf amtliche Untersuchung der Ursachen des Brandes am 19. September d. I., ltitb dieser Antrag wurde „ohne Murren" angenommen." Treffend bemerkt hierzu das „Berl. Tagebt.": „Jeden Menschen von einer auch nur halbwegs anständigen Empfindungsweise muß es bei dem Ueberlesen dieser bodenlosen Verunstaltungen und thatsächlichen Verdrehungen mit Scham und mit Ekel erfüllen, daß etwas Derartiges in einem zivilisirten, in einem deutschell Lande geschriebell werden kalln. Wir sind weit davon entfernt, die Gesinnungsrohheil des Artikelschreibers etwa als eine für die Kreuzzeitungspartei typische hinzustellen. Nein, diese Gesiriuungsrohheit ist vielmehr das einzige ullveräußerliche Eigenthum des Herrn v. Hammerstein! Sie soll er auch ganz ungetheilt und ganz ausschließlich für sich selber behalten. Fürwahr eine Anschauung, aus welcher heraus ein Artikel wie der obige geschrieben werden kann, ist eine in ihrer Ungeheuerlichkeit vereinzelt dastehende. Welch eine unergründliche Gemeinheit der Empfindullg gehört dazu, angesichts eines solchelr erschütternden Brandunglücks von einer Judenpresse „höherer und niederer Gattung" zu reden, welche das „Sch'ma Jisroe" (Höre Israel) durch ganz Berlin mächtig erschallen ließ? Pfui und dreimal Pflli über eine derartige Erbärmlichkeit; sie wird nur noch durch die Schamlosigkeit überboten, welche vor der Veröffentlichung solch einer Abscheulichkeit nicht zurückschreckt. Wozu sich bisher noch kein anderes deutsches Blatt bereit finden ließ, die Kreuzzeitung — unter der gloriosen Führung des Freiherrn v. Hammerstein - sie hat's gewagt. Sie hat den letzten Rest von anständiger Gesinnung herzhaft von sich abgestreift — sie kann nunmehr frei walten. Soll man angesichts dieser Brutalität ohne Gleichen etwas Anderes thun, als die sittliche Verwahrlosung eines Menschen, der sich derselben schuldig gemacht, aus tiefster Seele bedauern? Solch eine Gesinnung, wie sie sich in dem Kreuzzeitnngs-Artikel kund« giebt, ist nicht einmal zu verachten, sie ist eben nur zu bemitleiden." Auch die konservative Presse giebt ihrer Entrüstung über das Treiben der Kreuzzeitung lauten Ausdruck. Die empfindlichste Antwort aber wird der „Kreuz-Zeitung" durch die Thatsache gegeben, daß Se. Majestät der Kaiser, wie hiesige Blätter übereinstimmend berichten, sein persönliches Erscheinen ans der Brandstätte bald nach seiner Rückkunft in die Hauptstadt zugefagt hat. * Berlin, 5. Oktober. Irr Guben ist in letzter Woche ein Grün der Prozeß zur Verhandlung gekommen, welcher in weiten Kreisen gerechte Entrüstung hervorgerufen hat. Wir konstatireu hierbei, daß jüdische und christliche Schwindler bei dieser Gelegenheit in trauter Harmonie vereinigt waren und daß der Richterspruch sie ol)ue Ansehen ihrer Konfession getroffen hat. Weniger erfreulich ist die Wahrnehmung, daß selbst ein angesehenes Blatt, wie die „National-Zeitung", es sich nicht versagen konnte, bei den jüdischen Angeklagten die Worte „mosaischer Konfession" hinzuzufügen. Bemerken wollen wir uod), daß die Vertheidiger, welche in diesem Prozesse fungirt haben, durchweg C h ri st e u waren. Der einzige jüdische Anwalt, welcher zur Mitwirkung in dem Prozesse ausgefordert'war, Herr Rechtsanwalt Wronker aus Berlin, hat die Uebernahme der Vertheidigung ab ge lehnt. * Breslau, 28. September. Dr. phil. Felix Ernst Peis er, der, wie wir berichtet haben, sich an der Universität Breslau als Privatdozent für Orientalia habititirt hat, entstammt einer Berliner Buchhündlerfamilie, die sich früher besonders mit dem Vertriebe von Schriften zur Orientkunde beschäftigte. Dr. Peisers Sonderfach ist die Assyriologie. Er hat dazu bisher zwei Schriften veröffentlicht; außer seiner Doktorschrist (er promovirte 1886 in Leipzig) noch einen Band „Keilschriftliche Aktenstücke aus babylonischen Städten" (Berlin, 1889), zu dem er das > Material den Steinen und Tafeln des Berliner Museums entnahm, j Es kam ihm darauf an, urkundliche Nachrichten aus dem bürgerlichen! Leben der Assyrier, soweit sie das Rechtsleben treffen, auszukunden und i zu besprechen. Sein Buch ist nächst Schriften von Julius Oppert der; erste ausgiebige Versuch auf diesem Felde von Seiten deutscher Gelehrter. □ Schwedt a. O., im Oktober. Der hiesige Synagogenverband! feierte dieser Tage das selten schöne Fest des 50jähr. Amtsjubiläums : des Herrn Kuttne r, seines würdigen Rabbiners, Predigers und Religionsi lehrers. Wie vorauszusehen war, wetteiferten sämmtliche Gemeinde-! Mitglieder mit dessen zahlreichen früheren und jetzigen Schülern und! Schülerinnen in der innigsten Weise, um demselben bei diesem Anlaß; nicht minder wie bei früheren ähnlichen Gelegenheiten ungeheuchelte i Beweise der Liebe ltnb Verehrung darzubringen. Möge dem Jubilar noch ein recht langer heiterer Lebensabend beschieden sein.; * Hannover, 29. September. Am 27. September wurde der hiesige Rentier S. Coppel unter Betheiligung der Spitzen der Behörden,! Deputationen fast aller Vereine und einer endlosen Zahl von Freunden! zur letzten Ruhestätte geleitet. Der im 80. Lebensjahre Dahingeschiedene, - ein in allen Kreisen der Bevölkerung hochgeachteter Mann, hat sich durch; seine wohlthätigen Schöpfungen und reich dotirten Stiftungen ein j dauerndes Andenken gesichert. Außer der im Jahre 1881 mit einem Kapital von 90,000 Mark errichteten „Simon und Carl Coppel'schen Stiftung", deren Zinsen zu Stipendien für Künstler und Studirende, Unterstützungen an Arme und zu jährlichen Beiträgen an verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten verwendet werden, rief Coppel die „Unterstützungskasse für Lehrer" ins Leben und war Mitbegründer der segensreich wirkenden „Hannoverschen Kinderheilanstalt". In diesen Vereinen, sowie in einer Reihe anderer gemeiitnütziger und wohlthätiger Anstalten bekleidete der Verstorbene das Amt eines Vorstandes mit warmer Liebe und einem sich stets gleich bleibenden Wohlwollen. 8. Aus Nassau, im Oktober. Das anmuthig gelegene Städtchen Rüdes heim, wohin alljährlich ganze Schaaren von Reisenden pilgern, um bewundernd den Blick zu jenem unvergleichlichen Denkmale zu erheben, das dort in stolzer Höhe sich emporrichtet, birgt auch eine kleine! israelitische Gemeinde in seinen Mauern, die, dem Rabbinatsbezirke! Wiesbaden zugehörig, erst im Anfänge dieses Jahrhunderts begründet worden ist. Bisher hatte sie mit den benachbarten Kultusgemeinden in Eltville und Oestrich-Winkel einen gemeinschaftlichen Begrübnißplatz in i der Nähe des durch seinen Wein berühmten Hallgartens. Da dieser! Friedhof nun aber fast vollständig belegt ist, so hat sich die Gemeinde Rüdesheim zur Anlegung eines eigenen Friedhofs entschlossen und zu; diesem Zweck jüngst ein Stück Land in unmittelbarer Nähe des christj lichen Friedhofs käuflich erworben. * Kreuznach, 5. Oktober. Ehret die Lehrer, die Bildner der Jugend! Diesem Motto huldigend, wurde am 1. d. M. von der hiesigen israelitischen Gemeinde ein Fest gefeiert, wie ein solches noch selten von derselben begangen. Es galt nämlich dem 25jährigen Dienstjubiläum j des Herrn I. Lehmann, welcher während dieses langen Zeitraumes! seiiies Amtes als Kantor und Lehrer in treuester Pflichterfüllung waltete.! Die Beweise der Verehrung des Jubilars wurden demselben Morgens j durch die hierzu erwählte Deputation, bestehend aus dem Kollegium; und dem Rabbiner Herrn Dr. Tawroggi durch Ueberreichung eines i prachtvollen, mit entsprechender Widmung ausgestatteten Ehrenpokals! und sonstiger werthvoller Geschenke dargebracht, und vereinigte das! Abellds 8 Uhr im Hotel Levy veranstaltete Festessen einen großen Theil! der Gemeindemitglieder, welches sämmtliche Anwesenden bis zur frühen j Morgenstunde in heiterster Stimmung zusammenhielt. Möge es dem! Jubilar vergönnt sein, der Gemeinde noch recht lange in ungestörtem j Wohlergehen erhalten zu bleiben, und möge im Kreise seiner Familie! sein Lebensabend nur ein glücklicher sein!! B. Stuttgart, 5. Oktober. Unsere Glaubensgenossin, Frau j Elise Heule, die Verfasserin des preisgekrönten Lustspiels „Durch! die Intendanz" (früher in Eßlingen, dann in ihrer Geburtsstadt! München, jetzt in Frankfurt a. M. wohnhaft), ist hier angekommen, um j der Premiere ihres Stücks anzuwohnen. Der talentvollen Schriftstellerin ist eine große Genugthuung geworden, indem unsere Hofbühne erstmals dasjenige ihrer Lustspiele zur Aufführung brachte, welches seine Entstehung einer gegen die Verfasserin gerichteten. Jntrigue unter einer

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